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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-07-15 · 7 (15.7.1927) · p. Seite 223

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
7 (15.7.1927)
Article
Die jüdische Siedlung in Deutschland
Date
1927-07-15
Page
Seite 223 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 223 lebens, Hand in Hand mit unserer Berufsschichtung geht eine fortwährend steigende Beschränkung der Kinderzahl, aber auch eine ständig zunehmende Verschlechterung unseres Nervenzustandes. Auch wenn es nicht längst wiffenschaftlich bewiesen wäre, wüßten wir, daß ein solcher Zustand zum Untergang führen muß. Wem an der Erhaltung der Iudenheit und damit des Judentums in Deutschland gelegen ist, muß diesen Zustand ändern wollen. Unsere Gegner entnehmen ihm das Argument, daß der Jude körperliche Arbeit scheue und nur nach mühelosem Erwerb strebe. So machen sie uns einen Zustand, in der wir durch die geschichtliche Entwicklung insbesondere unter dem Einfluß des Judenhasses zu unserem eigenen Schaden getrieben wurden, auch noch zum Vorwurf. Dieser Zustand kann geändert werden. Es besteht kein unüberwindliches Hindernis, uns Juden einen Beruf zu erschließen, der von der Großstadt zur Natur, von der Kopfarbeit zur Handarbeit zurückführt: die Landwirtschaft. Jüdische Hände sind so gut wie christliche fähig, dem Lande die Frucht abzuringen. Die Geschichte und die Gegenwart beweisen es. Die Gegenwart zeigt es in anderen Ländern, aber doch auch schon in Deutschland. Denn wir können schon Ansätze einer Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft aufweisen, und es ist bezeichnend, daß sich unter den wenigen jüdischen Landwirten, die es heute in Deutschland gibt, einige finden, deren Erfolge den allgemeinen Durchschnitt erheblich überragen. Für den einzelnen freilich, der nicht Kapitalist genug iss, um sich ein Gut kaufen zu können, bestehen erhebliche Schwierigkeiten. Denn irgends ist das antisemtiische Vorurteil größer als auf dem Lande. Nur durch die Tätigkeit in der Landwirtschaft kann es überwunden werden. Heute wird nicht leicht ein jüdischer Inspektor auf einem christlichen Gut Stellung finden und auch der kleine jüdische Bauer wird sich als ein* zelner schwer durchkämpfen können. Deshalb muß dem einzelnen durch die Gesamtheit geholfen werden. Auf diesem Gedanken beruht die Idee des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, eine jüdische Siedlung in Deutschland zu schaffen. Sie beruht zugleich auf dem Gedanken, daß unser Heimatrecht in Deutschland mehr ist als das Recht staatsbürgerlicher Gleichstellung. Wir wollen mit dem deutschen Boden, in dem wir wurzeln und den wir verteidigt haben, als es nötig war, verbunden sein wie irgendein Deutscher. Kann der heutige Zustand einseitiger Berufsschichtung geändert werden, so muß er geändert werden. Mit der Erschließung des landwirtschaftlichen Berufes wird einem Teile unserer Gesamtheit ein naturgemäßeres Leben ermöglicht werden. Mit der Möglichkeit Kinder zu ernähren und der Notwendigkeit, sich ihrer als Mitarbeiter zu bedienen, wird die Kinderzahl steigen. Der christliche Landmann wird den jüdischen Mitbürger nicht mehr nur als Händler sehen, sondern als Genossen seiner Leiden und Freuden, als unmittelbaren Mitarbeiter an der Nahrung des deutschen Volkes achten. Die jüdische Siedlung soll der Anfang, nicht das Ende dieser Entwicklung sein. Sie soll den Übergang zum landwirtschaftlichen Beruf ermöglichen, nicht für alle Zeiten die ausschließliche Form jüdischer Tätigkeit .in der Landwirtschaft sein. Der Zusammenschluß jüdischer Landwirte in einer jüdischen Siedlung soll aber auch jüdischreligiöses Leben erleichtern. Wir sind nicht Utopisten. Darum wollen wir weder gefestigte Existenzen aus ihren Berufen reißen, noch bilden wir uns ein, daß in kurzer Zeit eine Berufsumschichtung der Juden erreicht werden könnte. Zunächst handelt es sich darum, einigen hundert ausgebildeten jüdischen Landwirten, die heute in ihrem Berus nicht Unterkommen können, eine Existenz in ihrem Beruf zu schaffen. Dies soll die jüdische Siedlung sein. Sie soll aber auch die Keimzelle für eine Entwicklung werden, die vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts zu einer Überwindung der heutigen einseitigen Berufsschichtung führen kann. Niemals war der Augenblick für die Rückkehr der Juden in die Landwirtschaft günstiger als heute, wo eine wissenschaftlich durchgebildete landwirtschaftliche Technik auch in der Landwirtschaft in erster Linie den Geist und nicht die rohe Kraft herrschen läßt. Niemals war es aber auch notwendiger den Augenblick zu nützen. Denn der heutige Zustand der deutschen Iudenheit gibt uns nicht mehr Jahrzehnte zum Zusehen. Heute, in dieser Stunde, muß gehandelt werden. Die Aufgabe ist groß. Möge sie ein großes Geschlecht finden. jüdische Landerziehungsheime Von Prof. Dr. Joseph U n n a in Nürnberg Unter den vielen Reformbeftrebungen unserer gärenden, erregten Zeit, die darauf gerichtet sind, neue Wege der Erziehung zu suchen, muß eine Art von Erziehungs-Anstalten unser besonderes Interesse erregen, die eigentlich keinen neuen Schultyp schaffen, aber eine neue Lebensform für die Heranwachsende Jugend finden will. Es sind dies die Landerziehungsheime. Die Wiege der Landerziehungsheime stand in England. Im Jahre 1889 gründete Dr. Cecil Reddie in Abbotsholme eine neue Schule. Diese wurde ein Muster für eine große Zahl von Schulen in England und in anderen Ländern; sie stellte sich in bewußten Gegensatz zu den offiziellen höheren englischen Staatsschulen. Wie die meisten dieser Schulen war sie auch Internat, aber sie betonte besonders die Anschauung, den Handfertigkeitsunterricht, sie legte großen Wert auf Hygiene, förderte naturwissenschaftliches Denken, versuchte eigenartige Sinngebung kirchlicher Formen und verlegte ihren Wirkungskreis grundsätzlich auf das Land. Dabei war sie nach englischer Art konservativ-national eingestellt und pflegte starke Selbständigkeit des Schülers im Schulleben neben strammer Zucht unter der Autorität des Leiters. Diese englische Schule war für Hermann L i e tz das Muster, durch einjährigen Aufenthalt in Abbotsholme erhielt er starke Eindrücke und die mannigfachen Anregungen, der er dort empfing, veranlaßten ihn zur Gründung des ersten deutschen LanderziehungSheimes in Ilsenburg am Harz im Jahre 1898 nach dem Muster von Abbotsholme. Dieselben Gedanken der Erziehung sollten hier verwirklicht werden. Charakterbildung stand in der jugendlichen Gemeinschaft im Vordergründe. Daneben legte Lietz besonderes Gewicht auf Selbständigkeit im Handeln, Tapferkeit, Abhärtung der'Jugend. In Deutschland, wo in der Kaiserzeit die Lage des öffentlichen Schulwesens eine ganz andere als in England war, wo die Schulzucht durchaus auf autoritativer Grundlage aufgebaut war und den Schülern verhältnismäßig wenig Freiheit ließ, war der Gegensatz zwischen den Staatsschulen und diesem Lietzschen Landerziehungsheim sehr groß. Hier wurde soziale Gesinnung gepflegt, alle Lehrer

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