Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1927
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Freie Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 14 (sequence 1)
- Language
- German
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14 Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Nr. 6 Freie Vereinigung Israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz Die F-peie Bereinigung Israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz hielt am 26. Mai im jüdischen Gemeindezimmer zu Neustadt a. d. H. ihre diesjährige Versammlung ab. Krämer (Speyer) erstattete den Tätigkeitsbericht und referierte anschließend über die Verbandstagung in Fürth und die Tagung des Pfälzer Verbandes in Landau. In der darausfolgenden Aussprache wurde die Stellung des Lehrers innerhalb der Gemeinde und der Gemeindeorganifatoinen allseitig beleuchtet. Den Höhepunkt der Versammlung bildete ein wertvoller Vortrag von Nußbaum (Dahn) über das Thema: „Der Unterricht in der israelitischen Religionslehre in der ungeteilten Volksschule" —> statt aller problematischen Erörterungen eine lebendige Schilderung seines Schulbetriebes. In der sehr lebhaften Diskussion wies Kollege Rosenwald (Frankfurt a. M.) aus die Notwendigkeit der Förderung und Verbreitung der jüdischen Jugendschriften hin. Zur Frage des „Reichsverbandes Deutscher Juden" wird bei voller grundsätzlicher Würdigung des Standpunktes der süddeutschen Landesverbände die Hoffnung ausgesprochen, daß es im Interesse des deutschen Judentums bald gelingen möge, eine Einigung zu erzielen. Der seitherige Ausschuß wurde einstimmig wiedergewählt. Die nächste Fortbildungskonferenz (nach den Feiertagen) wird ausschließlich der Behandlung methodischer Fragen gewidmet sein. Ein gemeinsamer Spaziergang ins herrliche Haardtgelände bildete den Abschluß der schönen Tagung. Schd. Aufgelöste Volksschule Nach lOöjährigem Bestehen wurde die jüdische Volksschule in Hehdorf (Unterfranken) wegen geringer Schülerzahl aufgelöst. Der langjährige Leiter der Schule, Oberlehrer S. Anfänger, ist in den Ruhestand getreten. Israelitische Lehrerbildungsanstalt würzburg Die Arbeit an dem neuen Synagogenraum des Seminars schreitet rüstig vorwärts und im Laufe des Sommers dürfte mit der Einweihungsfeier zu rechnen sein. Auf Anregung des Vorsitzenden des Israelitischen Lehreroereins in Bayern, Oberlehrer Dingfelder (München), ist geplant, eine einfach-vornehme Gedenktafel für die als Kriegsopfer und im Dienste des Vaterlandes Heimgegangenen ehemaligen Angehörigen der Lehrerbildungsanstalt bzw. auch des jüdischen Lehrerstandes in Bayern in den Synagogenräumen anzubringen. Architektonisch-künstlerische Kräfte sind bereits mit den Vorarbeiten betraut. Das Ehrenmal wird ein weiteres kräftiges Band um Seminar, Lehrerschaft und Judenheit schlingen. Es bedarf wohl nur dieses Hinweises, um auch die wenigen noch Zurückstehenden anzuregen, ihr Scherflein zum Baufonds beizutragen, denn nicht Sammelwerk, Gesamtwerk soll hier erstehen. Religionsunterricht an Mittelschulen Im Anschluß an einen Einzelsall hat das Staatsministerium für Unterricht und Kultus neuerdings ausgesprochen, daß die Berufung ebenso die Außerdienstsetzung eines Religionslehrers an den staatlichen Mittelschulen lediglich dem Ministerium zusteht. Die Kultusgemeinden haben demnach nicht das Recht, einem Lehrer, dem einmal ein solcher Dienst übertragen ist, gegen seinen Willen eine andere Dienstaufgabe zuzuweisen. Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus Am 30. Mai hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine vom Vorsitzenden, Herrn Reichsminister a. D. Dr. Gothein, geleitete Tagung in Frankfurt a. M. ab. Mit der Tagung war ein Vortragsabend vor geladenen Gästen verbunden. Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden sprachen Geheimrat Dr. Walter Götz (Leipzig) über „der Antisemitismus im neuen Deutschen Reiche seit 1870" und Regierungsrat Dr. Steiger (Berlin) über „Antisemitismus im Lichte des Christentums", worauf Rabbiner Dr. Salzberger (Frankfurt a. M.) als letzter Redner einen Abriß der „Geschichte der Juden in Frankfurt a. M." entwickelte. Skandinavien-Ostseefahrt bayerischer Lehrer Der Norddeutsche Lloyd-Bremen veranstaltet in der Zeit vom 30. Juli bis 12. A u g u st eine Skandinavien-Ostseefahrt, die von Bremen über Oslo, Gothenburg, Kopenhagen, Stockholm nach Helsingfors und über Danzig durch den Nord-Ostfeekanal zurück nach Bremen führt und so den Teilnehmern alle Schönheit, die der Name Ostsee in sich birgt, auftun wird. Wie uns mitgeteilt wird, ist die Möglichkeit ritueller Verpflegung an Bord gegeben. Der Mindestpreis für die Fahrt, an der selbstredend auch Nichtlehrer teilnehmen können, beträgt nur 220RM. Nähere Auskunft erteilt das Lloyd-Reisebüro Carl Schlier, Würzburg, Domstraße 21. vücderscdau Dr. G. Lunk, Das Interesse. Verlag Julius Klinkhardt (Leipzig). Das Pädagogium, eine von Professor Dr. Fischer und Dr. Huth herausgegebene Sammlung von Monographien, läßt als 12. Band seiner wertvollen Veröffentlichungen die Untersuchungen Dr. Lunks über das Interesse erscheinen. Die tiefschürfende Forscherarbeit stellt eine historisch-kritische Würdigung über Begriff, Geschichte und Inhalt dieses im Mittelpunkt der pädagogischen und methodischen Bestrebungen stehenden Komplexes dar. Der Verfasser führt uns in ein viel umstrittenes Gebiet: in die Kampfzone zwischen dem pädagogischen Idealismus und dem pädagogischen Naturalismus. Die Schule der Tat, der Arbeit, des Lebens, eingestellt auf den Materialismus der letzten Jahrzehnte, konnte sich nicht genug tun in der Ablehnung jener pädagogischen Richtung, die ihr Gebäude aus der philosophischen Gedankenwelt Herbarts aufgerichtet hat. Für den Idealismus Herbarts fanden und erfanden die Gegner den Begriff des Intellektualismus und gaben damit dem Zentralbegriff Interesse einen Namen, der auch die Sache in Mißkredit bringen mußte. Dazu kam, daß die Schule Herbarts und seiner Epigonen die Lehre des Meisters zum Dogma erhoben und Ab- und Irrwege im Unterricht einschlugen, die denkende und in der praktischen Schularbeit stehende Lehrer nicht mehr gehen konnten. Aus diesen Irrungen und Wirrungen den Ausweg zu finden, dem „Interesse" als pädagogisch-didaktischen Zentralbegriff die ihm gebührende Stelle einzuräumen, ist die Aufgabe, welche Dr. Lunk in diesem ersten Band der Lösung entgegensührt. Der Raum dieser Mitteilungen gestattet uns nicht, die Gedankenreihen ins einzelne gehend darzustellen. Dem Leser wird im historischen Teil besonders wichtig sein, wie hier aus der vergleichenden Wortgeschichte, aus den philosophischen Vorarbeiten der Griechen (Plato und Aristoteles), der Römer, der Humanisten, eines Spinoza und Leibniz, eines Locke und Rousseau der Beweis erbracht wird, daß die Jnteressentheorie schon Jahrhunderte vor Herbart Seelenforscher und Menschenkenner als causa prima jeglichen geistig-seelischen Prozesses beschäftigte. Im Mittelpunkt steht Herbarts Theorie zum Interesse und der Konzentrationsidee, weiter deren Ausbau in den Formalstufen durch Ziller und Rein. Im letzten Teil kommen die Gegner Herbarts mit ihren Einwänden gegen dessen System zum Wort. Unbeirrt von Anhängern und Gegnern behält Dr. Lunk das Problem im Auge: - In welchem Sinne, mit welchem Rechte und bis zu welcher Grenze die Erziehung in der Gegenwart den Zentralbegriff Interesse pädagogisch und didaktisch verwenden kann und darf. Auch der Religionslehrer und gerade er muß die Interessen der Teilnahme (sympathetisches, soziales und religiöses Interesse) bewegend und zielsetzend in den Dienst seiner besonderen Unterrichtsausgabe stellen. Dazu bedarf er eines Führers, der ihm die Quellen zeigt. Das vorliegende Werk ist ein solcher Führer. Dr. Lunk ist der Pfadfinder, dessen Arbeitsfreude und Literaturkenntnis uns zu den verborgenen Quellen führt. Ihm eignet der prüfende Blick eines Goldsuchers, der aus taubem Gestein Goldadern herausfindet, aber auch der Mut des unbestechlichen Wahrheitskünders, der Echtes und Bleibendes von Flitter und Eintagserscheinungen zu scheiden wagt. So empfehle ich das Werk unseren Fortbildungskursen zum Studium, unseren Büchereien zur Anschaffung. In den nächsten Tagen folgt Band II, der die systematische Darstellung der Jnteressentheorie und die praktischen Folgerungen aus den historisch-kritischen Forschungen Dr. Lunks bringen wird. Mit Erlaubnis des Verlegers soll dann womöglich der Verfasser selbst aus seinem Werk zu uns sprechen. S. Dingfelder.