Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1927
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Welche Forderungen stellen wir an den jüdischen Geschichtsunterricht und seine Lehrmittel?
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 13 (sequence 1)
- Language
- German
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(Mitteilungen öea Maeiitischeu Lehreroereius für Wem Schriftleitung: M. Rosenfeld, München 1927 München, 22. 3uni Nr. 6 ^elcheSorderungenstettenwirandenjudifchen Seschichlsunlerrichl und seine Lehrmittel? Referat von Dr. Hammelburger (Würzburg), Cirftattet aus der 45. Mitgliedernersammlung in Würzburg. (Fortsetzung) Das ist eine den geschichtlichen Tatsachen zum Teil widersprechende Anschauung. Denken wir nur an die Bedeutung des Patriachats und Gaonats in Palästina und in Babylonien oder an das Bestehen autonomer Gemeinden in verschiedenen Zentren der Diaspora oder an die Einrichtung der Vierländersynode in Polen! Diese spritualistische Ansicht aber mußte zu einer Auffassung der jüdischen Geschichte lediglich als einer Leidens- und Geistesgeschichte führen. Dabei wurden die gesellschaftlich-nationalen und insbesondere auch die sozial-ökonomischen Faktoren vernachlässigt. Diese dürfen aber auch bei der Darstellung des Stoffes in der Schule berücksichtigt werden, weil sie zur Belebung und interessanten Gestaltung in hohem Maße, beitragen. Freilich reichen sie niemals aus zur Erklärung der Tatsache, daß sich das Judentum, allen Anfeindungen zum Trotz, bis aus den heutigen Tag behauptet hat. Denn in dem Willen, alle die furchtbaren Drangsale eines Jahrhunderte währenden Exils zu ertragen, liegt eine Aktivität, in der mit solchen Opfern bezahlten Defensive ein Osfensivgeist, der eben nur dadurch erklärt werden kann, daß dieses Volk Ewigkeitswerte in sich trägt und seinen großen Führern folgend, auf einem einsamen Weg unbeirrt der Verwirklichung seiner göttlichen Mission, entgegengeht. Dieser Gedanke und die Gewißheit, daß das Religiöse der Mittelpunkt alles Jüdisch-geschichtlichen ist, muß als ein Ergebnis der unterrichtlichen Behandlung unsere Schüler erfüllen. So wird auch der jüdische Geschichtsunterricht sich als ein wertvolles Glied in den Rahmen des Gesamtreligionsunterrichtes einstigen. Für eine geistige Grundlegung der praktisch-religiösen Betätigung kommt in erster Linie die Religionsgeschichte in Betracht. Unsere Jugend muß den grandiosen Entwicklungsgang der mündlichen Lehre in großen Linien kennen lernen. Schon auf der Unterstufe muß es den Schülern klar werden, daß alle Maßnahmen unserer Weisen darauf gerichtet sind, die innere Einheit der jüdischen Lehre und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Ansturm der Zeitströmungen zu gewährleisten. Es muß ihnen durch immerwährende Hinweise gezeigt werden, daß die Tätigkeit der großen Reorganisatoren Esra und Rehemia nach dem babylonischen Exil, der Tanaim und Amoraim nach der Zerstörung des Heiligtums das Volk geistig und sittlich wappneten zum Kampf gegen Samaritaner, zur Überwindung des Hellenismus, zu standhaftem Ausharren gegenüber römischem Druck, aber auch zu siegreichem Bestehen der durch Parteien- und Sektenbildung hervorgerufenen inneren Krisen. Als ein weite,res wichtiges Kapitel im Dienste religiöser Belehrung muh die Geschichte des Gottesdienstes und unseres Gebetbuches gelten. Ein Kind, das etwa das Olenu-Gebet als von Rab verfaßt, also schon als über ein Jahrtausend alt, kennt, das etwas von dem geschichtlichen Hintergrund des zwar infolge seiner Sprache für es schwer verständlichen „Jekum Purkan" weiß, das durch den Geschichtsunterricht orientiert ist über die Bedeutung des am Schabbos vor dem 9. Ab zu sprechenden Av horachamim oder den geschichtlichen Anlaß zu der einen oder anderen Kinah erfahren hat, wird unser Gebetbuch als ein uns aus Jahrhunderten überkommenes kostbares Erbstück mit heiliger Scheu behandeln und mit ganz anderem Verständnis dem Gebet gegenüberstehen. Schon der Bar Mizwoh muh, wenn er vor dem Sefer steht, um seine Parschoh zu lernen, etwas erfahren über Mafsora, von der Entstehung der Thoravorlesung und der Haftarah. — So sehen wir, wie der Geschichtsunterricht in die anderen Stoffe des Unterrichts hineinwächst und mit ihnen zu einem Ganzen verschmilzt. Aber auch Probleme der Geistesgeschichte können unseren Schülern nahegebracht werden. Die Schüler der vierten Klasse unserer Mittelschulen folgen schon mit einigem Verständnis der Besprechung von Gaon Saadja und erfassen bei entsprechender unterrichtlicher Behandlung, daß dieser Mann einen neuen Typ des jüdischen Gelehrten darstellt, der sich nicht nur mit dem Talmud beschäftigt, sondern auch die Gesetze der hebräischen Sprache studiert, der arabisch spricht und sogar die Bibel ins Arabische übersetzt und der in seinem Hauptwerk das sich durch die ganze Geistesgeschichte des Exils hindurchziehende Problem von Glauben und Wissen behandelt. Bei Maimonides knüpfen wir wieder bei ihm an, um dann bei der Besprechung der durch die, Maimonidischen Schriften hervorgerufenen Kämpfe neben der talmudischen und philosophischen auch die mystische Richtung kennenzulernen. Ich glaube, daß es wohl möglich ist, in der eben angedeuteten Weise schon aus der Unterstufe das Verständnis für diese Gebiete wenigstens anzubahnen. Im Interesse einer sittlichen Beeinflussung scheint es mir auch geboten, im Unterrichte unser Verhältnis zu anderen Bekenntnissen zu erörtern. Ich kann mir eine Besprechung des Christentums nicht denken ohne den Hinweis, daß die Entstehung dieser Religion aus dem Schoße des Judentums im göttlichen Plane liegt, daß nach dem Talmud die Frommen aller Bekenntnisse Teil haben an der zukünftigen Welt, oder daß es eine sittliche Pflicht ist, den Hatz der Tochterreligion, der über unsere Vorfahren oft namenloses Unheil brachte, nicht mit dem gleichen Gefühle zu erwidern. Aber auch für eine geistige Einstellung zu der für uns leider so aktuellen Bewegung des Antisemitsmus muh in der Schule eine Grundlage gegeben werden. Diese Frage wäre sicher einer eingehenderen Betrachtung würdig, als sie mir in diesem Rahmen möglich ist. Es ist klar, daß zum Verständnis dieser Strömung die Geschichte der deutschen Juden in ihrer Wechselbeziehung zur allgemeinen Geschichte eingehender behandelt werden muß. Prinzipiell muß aber auch schon bei unseren Schülern die Erkenntnis Platz greifen, daß diese Erscheinung mit unserem Schicksal unlösbar verkettet ist und erst mit dem weiteren sittlichen Fortschritt der Menschheit schwinden wird. Unsere Jugend, die in dieser Zeit leider nur zu oft Kränkung und Zurücksetzung über sich ergehen lassen muß, muh dazu befähigt werden, Angriffe in entschiedener, aber sittlich einwandfreier Weise zurückzuweisen. Stolz, von gesundem Selbstbewußtsein erfüllt, soll sie sie, getreu dem Grundsatz „Dino d'malchuso Dino", ihren staatsbürgerlichen, aber auch den den ihrer in unserer Gemeinschaft harrenden Pflichten in treuer Hingabe obliegen. Wenn ich mich nun einer kurzen Behandlung des zweiten Teiles meiner Aufgabe, einer Betrachtung über die Lehrmittel, also hauptsächlich über die Lehrbücher für den jüdischen Geschichtsunterricht, zuwende, so will ich vor allem feststellen, daß wir neben den großen wissenschaftlichen Werken von Grätz und neuerdings Dubnow eine ganze Reihe von Büchern besitzen — ich denke an Bäck, Brann, Cassel, Kottek, die Volksausgabe von Grätz —, die sich als Lesebuch für Erwachsene und zum Gebrauch für die Oberstufe, an unseren Mittelschulen sehr wohl eignen. Wir haben auch Leitfäden — ich nenne aus der größeren Anzahl einmal Müller, das an den hiesigen Mittelschulen eingesührte Buch von Kayserling-Doctor und das kleine Merkchen: „Geschichtlicher Religionsunterricht" von Sondheimer — von denen jedes einzelne gewiß viele Vorzüge besitzt, die aber als in jeder Hinsicht für den Gebrauch auf der Unterstufe geeignet, meiner Ansicht nach nicht gelten können. Und ein solches Buch tut uns doch in erster Linie not. Es handelt sich dabei vor allem um eine sorgfältige Auswahl des Stoffes. Aufgabe ist es doch: Die Darstellung des Gesamtganges der jüdischen Geschichte bis auf die Neuzeit, der Haupttatsachen, der bezeichnendsten Zustände, der bedeutendsten Persönlichkeiten, der wichtigsten geistigen Bewegungen, der hervorragendsten Leistungen. Wenn wir nun einige der oben angeführten, Unterrichtszwecken dienenden Werke anfehen, so müssen wir sagen, daß sie alle, sogar das an Umfang sehr kleine von Sondheimer, unter Stoffülle leiden. Ich frage Sie: Ist für das Verständnis des Bruderzwistes unter Salome Alexandra die Kenntnis von einem Kriegszug des geldgierigen Crafsus nach dem Partherlande im Jahr 54 notwendig? (Fortsetzung folgt)