Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
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202 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Neuen Testament sind wörtliche Zitate aus dem Alten Testament und das höchste Gebot des Christentums, das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" ist schon im 2. Buch Moses aufgestellt. Gerade von diesem zur ersten Maxime erhobenen Gebot der Nächstenliebe aus ist Antisemitismus für einen Christen unmöglich. Anderseits führt mehr oder weniger zwangsläufig der völkische Kampf gegen das Judentum letztlich zu einem Kampf gegen das Christentum. In hochinteressanten Einzeldarstellungen entrollte der Redner ein Bild der Unzahl von völkischen Bünden, die auf Wiedererweckung heidnischer Religion und heidnischer (dabei sittlich höchst bedenklicher!) Gebräuche hinauslausen. — Nach einem Rückblick aus die Haltung der katholischen Kirche, die mehrmals in Konzilien und durch ihre Päpste sich für Schutz und Duldung der Juden einsetzte, wies der Redner auf die Kampfftellung seiner Partei, des Zentrums, gegen den Antisemitismus hin. Weiteste intensive Aufklärung von Person zu Person müsse den Kampf der nichtantisemitischen Parteien unterstützen. '! > Als letzter Redner entwickelte Herr Rabbiner Dr. Salzberger (Frankfurt a. M.), einen Abriß der Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. Packend schilderte er die vielen tiefen Leidensaltäre und die wenigen Höhepunkte des Weges, den seit 800 Jahren die Judenschaft Frankfurts gehen mußte, bis sie dauernde politische Freiheit erreicht hatte. Durch Jahrhunderte daran gewöhnt, Leid zu tragen, werden die Juden auch durch die antisemitischen Angriffe nicht untergehen: aber dankbar und voll Hochachtung vor den andersgläubigen Mitbürgem begrüßen es die Juden, wenn Männer des Christentums aus ihren sittlichen und religiösen Gewissen heraus an der Abwehr des Antisemitismus arbeiten. In seinen Schlußworten nannte der Vorsitzende die Judenverfolgungen früherer Zeiten schwärzeste Blätter in der deutschen Geschichte; herausreißen können wir sie nicht aber wir können dafür sorgen, daß nicht neue schwarze Blätter hinzukommen. Offenbach. Am 24. und 25. Mai fand in Kassel die satzungsgemäße Sitzung des Zentralausschusses des Rabbinerverbandes in Deutschland statt. Der Vorsitzende Bäck (Berlin) eröffnete am Dienstag nachmittag die Sitzung mit Worten der Begrüßung an alle Erschienenen. Ein Vertreter des Vorsteheramtes der Israeliten und Herr Dr. Katzenstein als Vorsitzender der Gemeindeältesten entboten der Versammlung die Grüße ihrer Körperschaften, die zu dem wissenschaftlichen Teil als Gäste geladen waren. Dieser wissenschaftliche Teil war dem Andenken des Rabbi Jacob???? Halevy (Maharil) aus Anlaß seines 500. Todesjahres gewidmet. Levy (Mainz) berichtete über „Leben und Bedeutung des Maharil"; Rosenthal (Köln) sprach zu dem Thema: „aus Maharils Schriftwerk." In der Mittwoch-Sitzung erstattete Danemann (Ossenbach) den Geschäftsbericht. Er wies daraus hin, daß der Verband seinen Mitgliedern in allen Angelegenheiten der geistigen und wirtschaftlichen Förderung zur Seite stehe, und daß er in steigendem Maße von Gemeinden und Amtsbrüdern als die maßgebende Stelle für die Regelung aller gemeinsamen Angelegenheiten betrachtet und in Anspruch genommen werde. Bäck (Berlin) berichtete über die durch den Landesverband in Preußen erfolgten Subventionierungen leistungsschwacher Gemeinden zum Zwecke der Erhaltung des Rabbineramtes und über die von der Regierung aufgestellten neuen Richtlinien für die Subventionierung. Aus der an den Bericht sich anschließenden ausgiebigen Aussprache ergaben sich mancherlei Anregungen für die weitere Arbeit des Verbandes. Es sollen in Zukunft öfter als bisher in der Presse die allgemeinen Grundsätze des Verbandes erörtert und dargelegt werden, die mit dem Interesse der Allgemeinheit zusammenhängenden Standessragen sollen häufiger behandelt werden, insbesondere die Forderung der Zugehörigkeit des Rabbiners zum Vorstand. Ein Korrespondenzblatt des Verbandes soll in stärkerer Aufeinanderfolge als bislang herausgegeben werden und die Kollegen von allen wichtigen Vorgängen unterrichten. Einer Anregung, den Rabbinern in Österreich und in der deutschen Schweiz die Teilnahme an der Arbeit des Verbandes zu ermöglichen, soll nachgegangen werden. In einem vor den hohen Feiertagen zu veröffentlichenden Rundschreiben an die Gemeinden soll auf die Heiligung des Sabbaths und der Festtage mit Nachdruck hingewiesen werden. Wilde (Magdeburg) hielt ein Referat über „Die Stellung des Rabbiners zur Friedensbewegung." Nach einer reichen Aussprache wurde folgende, von dem Referenten angeregte Entschließung gefaßt: „Der Ausschuß des Rabbinerverbandes in Deutschland begrüßt, getragen von dem Gedanken des Judentums, alle Bestrebungen der Religionen, gemeinsam auf dem Boden der Gerechtigkeit den Frieden unter den Völkern zu fördern. Der Rabbinerverband in Deutschland ist bereit, sich an der geplanten ,Weltkonserenz aller Religonen für Frieden in der Welt" zu beteiligen." Eine in der letzten Ausschußsitzung eingesetzte Kommission hatte einen Normalanstellungsvertrag ausgearbeitet. Jacob (Dortmund) berichtet als Leiter der Kommission über ihn. Zu einer festen Entschließung kam es noch nicht, eine Anzahl von Anregungen wurde der Kommission zu erneuter Prüfung überwiesen. Rosenthal (Köln) berichtet über die geplante jüdische Abteilung bei der internattonalen Presseausstellung in Köln; der Verband beschloß die wirksame Förderung der jüdischen Abteilung, die nicht nur die Presse sondern auch das Buch darstellen wird. 5lus dem Verbände Sitzung des Rats und des Verfassungsausschusses Am 26. Mai 1927 traten in München der Rat und der Verfasfungsausschuß des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden unter Zuziehung von Vertretern der Parteien zusammen, um neben kleineren Vorlagen die von der Verbandsleitung vorgelegten Mustersatzungen für kleinere, mittlere und größere Gemeinden zu beraten, deren Behandlung von der Tagung in Fürth mangels genügender Zeit zurückgestellt worden war. Zunächst erstattete der Präsident des Rats, OLGR. Dr. Neumeyer, Bericht über den Verlauf der Verhandlungen in Dresden in Sachen der Bildung eines Reichsverbandes. Die Leser finden das Nähere an anderer Stelle dieses Blattes. Der Rat nahm den Bericht mit Dank entgegen und sprach einstimmig seine volle Billigung zu der eingenommenen Stellung aus. Der Präsident berichtete alsdann über den Stand der Schächtfrage, die auf eine baldige Lösung dränge. Einem Antrag der Gemeinde Fürth auf Gewährung eines Darlehens zur Neueinrichtung des dortigen Jfraelittschen Hospitals wurde zugestimmt. Es beschäftigte den Rat weiterhin die Frage der Wiederbesetzung des Bezirksrabbinats Burgpreppach und die Wiedereröffnung der dortigen Präparanden- und Bürgerschule. Endgültige Beschlüsse wurden hierbei nur insofern gefaßt, als der Rat jede Beihilfe zur Fortführung oder Wiedererrichtung der Schule ablehnte, da die Schulen in Würzburg und Höchberg den bestehenden Bedürfnissen vollkommen Rechnung tragen und die Verbandsmittel für diese beiden Anstalten zusammengesaßt werden müssen. Den weitesten Raum nahmen die Verhandlungen über die Mustersatzungen ein. Die Aufgaben und Einrichtungen der Kultusgemeinde, das Ausländerwahlrecht, das Frauenwahlrecht, das Verhältnis von Gemeinde und Rabbiner waren Fragen, die eine grundsätzlich verschiedene Würdigung erfahren mußten. Mehr als hundert Jahre haben sie einer Einigung der bayerischen Juden entgegengestanden. Dem einmütigen Willen zur Einheit, dem wechselseitigen Verständnis und Vertrauen ist es zu danken, daß nunmehr in allen Punkten eine befriedigende Lösung erzielt wurde. Der Rat konnte darum auch unter Zustimmung des Verfassungsausschusses und der Parteivertreter von der ursprünglich für Ende Juni in Aussicht genommenen Einberufung der Tagung absehen und die Mustersatzungen in der neuen Fassung dem Rat und Ständigen Ausschuß zur dringlichen Beschlußfassung vorlegen. So können auch die erheblichen Kosten, die eine zweite Tagung innerhalb des nämlichen Jahres verursacht hätte, vermieden werden. Verwender die lelegramm-lkrfah-formnlare des Uraelitifchen ssranen-Vereins le. IS.) von 1830!