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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-06-22 · 6 (22.6.1927) · p. Seite 201

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
6 (22.6.1927)
Article
Tuberkulosenfürsorge
Date
1927-06-22
Page
Seite 201 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 201 sorge in Anspruch nehmen können. Bei den außerordentlich langwierigen und kostspieligen Tuberkulosekuren ist dies von größter Bedeutung. Aus folgender kleiner Zusammenstellung ist zu ersehen, in wie vielen der 111 Fälle bei In- und Ausländern Beihilfen von Versicherungsträgern sowie von Stadt- oder Kreisbehörden gewährt worden sind: a) von Versicherungsträgern: bei Inländern 10 mal bei Ausländern 5 mal bei Staatenlosen 1 mal b) von Stadt- und Kreisbehörden: bei Inländern 16 mal bei Ausländern 11 mal bei Staatenlosen 1 mal Bemerkenswert ist, daß 11 von 19 Ausländern Kurbeihilfen von städtischen Wohlfahrtsämtern oder Kreisbehörden erhalten haben. Die Zahl der versicherten In- und Ausländer ist jedoch recht gering. Unter 111 Patienten waren nur 16 versichert. Von den 111 durch die Jüdische Tuberkulosenfürsorge unterstützten Patienten waren 46 Männer, 52 Frauen und 13 Kinder (bis 16 Jahre). Ihrer Staatsangehörigkeit nach verteilen sich diese 111 Patienten wie folgt: 57 Inländer, 49 Ausländer, 5 Staatenlose. Das Durchschnittsalter der durch Hilfe der Tuberkulosenfürsorge in Heilstätten Verschickten ist aus folgender Tabelle ersichtlich: Frauen: von 16—20 Jahren 7 von 21—30 Jahren 24 von 31—40 Jahren 11 von 41—50 Jahren 6 über 50 Jahren 4 Männer: von 16—20 Jahren 2 von 21—30 Jahren 23 von 31—40 Jahren 12 von 41—50 Jahren 4 über 50 Jahren 5 Von den 111 Patienten suchten 82 jüdische Anstalten: Nordrach, Soden, Meran, Etania-Davos auf, und 29 nichtjüdische Heilstätten. Für Heilverfahren für tuberkulös erkrankte Schwestern sind auch 1926 wiederum Mittel vom Reichsarbeitsministerium zur Verfügung gestellt worden und zwar standen 1926 JL 21761.38 für diese Zwecke zur Verfügung. Hiervon wurden nur JL 6 650.73 für 9 Schwestern verausgabt, so daß ein Bestand von JL 15110.65 in das Jahr 1927 herübergenommen wurde. Dieses Geld darf lediglich für Heilstättenkuren von tuberkulosekranken Schwestern, Pflegepersonal, eventuell auch Anstaltspersonal verwendet werden. Das schon seit langer Zeit bestehende Vorhaben, eine Heilstätte für tuberkulosekranke Kinder zu errichten, wurde im Laufe des Jahres 1926 verwirklicht. Der Jüdische Frauenbund erwarb in Wyk-Föhr ein passendes Grundstück, das zweckentsprechend umgebaut wird. Das Heim soll im Juni d. I. eröffnet werden. Die Zentralwohlfahrtsstelle konnte den Erwerb des Hauses durch Bereitstellung größerer Reichsmittel, teils in Darlehens-, teils in Zuschußform, erfreulich fördern. Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus Am 30. Mai hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine vom Vorsitzenden, Herrn Reichsminister a. D. Dr. Gothein, geleitete Tagung in Frankfurt a. M. ab. Aus allen Teilen Deutschlands, sogar von Königsberg in Ostpreußen, waren Vertreter anwesend. Der Geschäftsbericht stellte das starke Anwachsen der Bewegung und die erfreuliche Steigerung ihrer Wirkung fest. Aus den wertvollen Anregungen der Aussprache klang vor allem die Forderung nach Gründung von weiteren Ortsgruppen heraus. Neugewählt wurden in den Vorstand: Prof. Dr. Trumpler, Frankfurt a. M., der Zentrumsabgeordnete Dr. Heinrich Krone, M. d. R. und Justizrat Dr. Philipp Salomon (Berlin). Dem Ausschuß des Vereins wurden zugewählt: A. Arnhold (Dresden), Vizeadmiral a. D. Dr. Galster (Wiesbaden), Rechtsanwalt Gentil (Manheim), Universitätsprofessor Geheimrat Dr. Walter Goetz, M. d. R. (Leipzig), Vizepräsident v. Harnack (Köln), Rechtsanwalt Johannes Henry (Bonn), Rechtsanwalt Kellner (Erfurt), Reichsminister a. D. Külz, M. d. R. (Dresden), Studienrat Dr. Michael Müller-Claudius (Berlin), Schriftsteller Hans Reyhing (Ulm), Kaplan Roedel (München-Pasing), Prof. Georg Schümer (Magdeburg). Mit der Tagung war ein Vortragsabend vor geladenen Gästen im Börsensaal verbunden. Die den Saal vollauf füllende Zahl der Erschienenen bewies lebhaftes Interesse für die sachliche Aufklärung. Herr Reichsminister a. D. Dr. Gothein erinnerte in seiner Begrüßungsansprache an den größten Sohn Frankfurts, Goethe, dessen Menschheits- und Toleranzprinzip Antisemitismus ausschließt, und der ganz zu Unrecht von den Antisemiten unter Verdrehung und Sinnesfälschung eines Zitats aus „Wilhelm Meister" für sich in Anspruch genommen wird. Eindringlich warnte Gothein vor der Rassentheorie, da die wissenschaftliche Forschung, heute noch mit Hypothesen arbeitend, bis jetzt noch keine klare Definition und Gruppierung des Rassenbegriffs gefunden habe, keinesfalls aber eine Scheidung nach minder- und höherwertigen „Raffen" zulasse: dem stehe schon entgegen, daß sowohl die Deutschen wie die Juden Mischvölker seien. Maßgebend für uns muß fein, daß Deutscher ist, wer die deutsche Muttersprache spricht, wer der deutschen Kultur zugehört und an ihr mitarbeitet, und wer fürs Vaterland Gut und Blut einzusetzen bereit ist. Unehrenhaft und roh ist die antisemitische Gehässigkeit gegen die Angehörigkeit einer Glaubensgemeinschaft, die im Weltkriege 12 000 Söhne dem deutschen Vaterland geopfert hat. Das Hauptreferat hielt Herr Universitätsprofessor Geheimrat Dr. Walter Götz (Leipzig) über „Der Antisemitismus im neuen Deutschen Reiche seit 1870". Nie hatte es vor dem 19. Jahrhundert einen politischen Antisemitismus gegeben: was in früheren Jahrhunderten an Judenverfolgungen vorkam, waren bedauerliche Auswüchse religiösen Fanatismus (Kreuzzüge!) oder blinden Aberglaubens (Judenverfolgungen bei Pestepidemien). Der seit den Freiheitskriegen lebendige Liberalismus ließ keinen Antisemitismus zu. Auch das erste Programm der aus den sozialen Nöten der 80er Jahre erwachsenen christlich-sozialen Arbeiterpartei des Hofpredigers Stöcker enthält noch kein einziges Wort gegen das Judentum. Zunächst gleich der Sozialdemokratie vom Sozialistengesetz bedrückt, stellte sich aber Stöcker um, wandte sich statt an die Arbeiter nunmehr an die damals schwerbedrückten Kreise des Handwerks und der kleinen Kaufleute und benannte diesen, die in ihm den Retter sahen, den Juden als schuldig an der sozialen Not. Die Jugend, die neue Ideale suchte, nachdem der Liberalismus mit der Reichsgründung seine nationale Aufgabe gelöst hatte, nahm begeistert den Gedankengang Stöckers auf. Aber mit den durch die sogenannten Kathedersozialisten geförderten Erkenntnisse der wahren Zusammenhänge der sozialen Lage fielen viele Anhänger von Stöcker ab; gerade seine talentvollen jüngeren Mitarbeiter, deren bester Friedrich Naumann war, suchten neue Wege zur Lösung der sozialen Frage. Rapid sank die politische Bedeutung der Antisemiten; von 16 Abgeordneten im Jahre 1895 auf 2 im Jahre 1909. Die eigenen politischen Vertreter (Ahlwart!) hatten die Bewegung kompromittiert: zerspalten und zerflattert war sie als politischer Faktor vorläufig erledigt, zugrundegegangen an der Aussichtslosigkeit, mit Antisemitismus die soziale Frage lösen zu können; an der Unvollkommenheit in sachlichen Dingen, ebenso auch an der Unvollkommenheit der Menschen, welche die Bewegung führten. — Zum zweiten Male entstand ein politischer Antisemetismus, als nach dem Zusammenbruch 1918 viele Deutsche nach den Urhebern der schweren Notstände suchten, als ein greifbarer Schuldiger gefunden werden mußte für das unbegreifbare Schicksal. Wir alle kennen diese Bewegung aus eigenem Erleben, kennen auch die Kleinheit, Uneinigkeit und Machtsucht ihrer Führer. Auch diese zweite Phase bricht nun an sich selbst zusammen, schon wirkt sich ihre Gehässigkeit mehr am politischen Konkurrenten als am vermeintlichen Feinde aus. —> Die Geschichte lehrt, daß mit Antisemitsmus irgendeine Erneuerung im wirtschaftlichen, geistigen oder stattlichen Leben nicht herbeizuführen ist. Antisemitismus als politische Bewegung kann nur wachsen in dem psychologischen Moment, wo ein Sündenbock von denen verlangt wird, die die eigentlichen Zusammenhänge nicht zu durchschauen vermögen. Als zweiter Redner sprach Regierungsrat Dr. Steiger (Berlin) über „Antisemitismus im Lichte des Christentums". Das Judentum ist die Basis des Christentums; Jesus selbst sagt, daß er das alte Testament erfüllen, nicht auflösen wolle. 274 Stellen im

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