Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Ruth - eine Betrachtung zum Wochenfeste
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 183 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 18A Null) - Eine lZelrachlung zum Wochenlesle Jakob Frankel ist nicht mehr. Von seinem Leben und Wirken ist an anderer Stelle gesprochen. Zu seinem Gedenken veröffentlichen wir den letzten Beitrag, den uns der Verstorbene kurz vor seinem Tode noch übersandt hat, unter seinem Schriststellernamen Amitai, „ein Mann der Wahrheit". In unseren Gotteshäusern, wo noch dem alten Ritus gehuldigt wird, ist es Brauch, am Wochenfeste das Buch Ruth zu lesen, ein Buch, das man als Denkmal altisraelitischen Schrifttums bezeichnen kann. Schon Goethe hält es für „das Lieblichste, das uns episch und idyllisch überliefert wurde" und gar manch anderem erscheint das unscheinbare Büchlein bei aller Einfachheit reich und anziehend. Wie kommt es nun, daß das Buch Ruth gerade an dem Feste, bas wir zur Erinnerung an die Gesetzgebung am Sinai feiern, unserer Liturgie einverleibt wurde? Welcher Zusammenhang besteht zwischen diesem Buche und unserem Feste? Diese Frage lag auch schon unseren alten Weisen vor und sie beantworteten sie in folgendem Gedankengang: Dies Buch, das den Lebensweg der durch Leid und Not zur wahren Gotteserkenntnis gelangten Ruth schildert, enthält auch die Lehre: wer die Thora, dieses Israel am Sinai verliehene Gut sein eigen nennen will, darf vor Not und Entbehrung nicht zurückschrekken. Israel soll sich ein Beispiel an Ruth nehmen; ihre unerschütterliche Treue wurde reichlich belohnt. Unsere Weisen bemerken noch, daß Israel die Worte, die Boas an Ruth richtete: „Geh nicht auf ein fremdes Feld, um dort Ähren auszulesen", auch auf sich beziehen soll; Treue seinem Volke zu halten, das eigene Feld zu hüten und zu pflegen und die Worte, die ihm am Sinai offenbart wurden, als heiliges Erbe zu hüten und zu wahren. Denn wir können dies an dieser Stelle fragen: was hat das jüdische Volk erhalten? Nichts als fein Glaube an die Offenbarungen am Sinai; die Lehren vom Sinai bilden die Seele des jüdischen Volkes, feine erhaltende Kraft. Immer wieder ermunterten die Propheten das jüdische Volk, die Treue gegen seinen Gott nicht zu brechen: „Gottesfurcht ist aller Weisheit Ziel und Ende." Der Lebenssaft, welcher den Stamm des jüdischen Volkes frisch und munter erhält und seine Befruchtung fördert, hat seine -Quelle am Sinai, und an die Offenbarung, die unseren Vätern an dieser Stätte zuteil wurde, mahnt uns unser Fest und das idyllische Büchlein, das uns von der Ruth erzählt, möge uns in der Treue zu unserer alten Gemeinschaft bestärken. Amitai. ver Neichsverdand Auf Einladung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes fand am 22. Mai 1927 in Dresden unter dem Vorsitz des Präsidenten des Sächsischen Landesverbandes, Rechtsanwalt Salinger, eine Besprechung von Vertretern der Landesverbände und des DIGB. statt. Vertreten waren die Landesverbände von Preußen, Bayern, Sachsen, Hamburg, Anhalt, Braunschweig und Bremen. Aus Bayern hatten sich OLGR. Dr. Neumeyer und Justizrat Dr. E. Straus eingefunden. Die Beteiligten waren darüber einig, baß die Aussprache nur zur Information dienen solle und daß darum auch nicht nach Verbänden abgestimmt werde, für die ein Mandat von keiner Seite vorlag. Die bayerischen Vertreter erklärten ausdrücklich, daß sie sich nur für ihre Person äußern könnten und einen Auftrag weder von ihrem Verband noch von den übrigen süddeutschen Verbänden hätten. Iuftizrat Lilienthal (Berlin) berichtete zunächst in objektiver Weise über die Gründe, welche den Preußentag zur Ablehnung des unter der Mitwirkung der Vertreter aller Landesverbände ausgearbeiteten Verfassungsentwurfs bestimmt hätten. Dr. Freund (Berlin) vertrat den Standpunkt des DIGB. auf Grund der Verfaffung von 1921 und der Richtlinien, die der Ausschuß deS DIGB. im April 1926 ausgestellt hatte. Der Präsident des bayerischen Verbandes erklärte, daß er persönlich eine Reichstagung, wie sie nach dem Berichte von Lilienthal nunmehr von allen Parteien des preußischen Verbandes verlangt werde, schon darum nicht ablehne, weil sie in seinem ersten Entwurf vorgesehen gewesen sei. Er führte aus, daß Urwahlen nicht stattfinden, die Vertreter vielmehr aus den fast durchweg auf allgemeinen, direkten Wahlen beruhenden Landesversammlungen abgeordnet werden sollen. Den gleichen Standpunkt nehmen auch die von Dr. Freund vorgelegten Richtlinien deS DIGB. ein. Dr. Neumeyer bemerkte, daß in den Ländern, in welchen solche Landesversammlungen nicht beständen, wie in Sachsen und Hessen, die Abordnung vorläufig durch die Landesverwaltungen geschehen solle. Er hielt entsprechend seinem früheren Anträge dafür, daß die etwa 100 Abgeordnete umfassende Reichstagung dreijährige Etatperioden haben und alle drei Jahre zusammentreten solle und daß für den Notfall ein ständiger Ausschuß eingesetzt werde, eine Einrichtung, wie sie in den meisten Ländern bereits bestehe. Er betonte, daß in dem Rat des Reichsverbandes e i n Landesverband nicht die Mehrheit haben dürfe und warnte, an dem mit großer Mühe hergeftellten Ausgleich mit der konservativen Richtung eine Änderung vorzunehmen. Hinsichtlich der Träger des Reichsverbandes hielt er mit Entschiedenheit an den Landesverbänden fest, erklärte aber dem DIGB. als Träger sozialer Arbeit und als Vertreter der einem Landesverband nicht angegliederten Gemeinden eine würdige Stellung in beiden Körperschaften einräumen zu wollen. Auch die Vertreter des DIGB. schienen von dem Endziel auözugehen, daß die Landesverbände Träger des ReichSverbandes fein sollten, so daß Rechtsanwalt Dr. Stern (Berlin), der Präsident des Preußentages, als Grundlage weiterer Verhandlungen Richtlinien aufstellen konnte, welche die Landesverbände