Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Thora-Jugendbewegung
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 179 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 179 dentum nicht bei seinen Beschreibern. Darum scheuen wir den Weg zu den Quellen nicht. Und hier, beim Lernen der Quellen, wollen wir unser ganzes Können einsetzen. Unser Lernen ist nah verwandt, ja gleich mit jenem Lernen, das durch Jahrhunderte jüdische Lehrhäuser erfüllte. Es ist das alte Forschen in Talmud, dem heutzutage wenig bekannten, darum oft geschmähten, der heute wie immer dem Juden jüdische Sitte und jüdische Pflicht, jüdische Wellerfassung und jüdisches Denken gibt. Wenn vor kurzem in einem Vortrag in München gesagt wurde, wer lernen wolle, der dürfe keine frühe Morgen-, keine späte Nachtstunde scheuen, so hat der Redner, unbewußt, unser Lernen gezeichnet. Freude am Lernen und deswegen „Alle-Freizeit-Hergeben" fürs Lernen, das muß unsere eigene Art sein. Das ists, was wir von jedem Führer fordern und das muß jeder unserer Jungen und Mädels vom Führer sehen. Bewußt wollen wir durchs Beispiel erziehen. Wir wollen unser Judentum leben: das sei das Merkmal unserer Jugend, daß ihr das Leben des Gesetzes zum Erleben wird. Dann zuerst, wenn sie es in der eigenen Gemeinschaft lebt. Das Gebet, der Sabbat, die religiöse Tat, zeichnet Spuren ein in ihrem Wesen. Das ist das Merkzeichen des Spießers, daß all dies „spurlos" an ihm vorübergehl. (Gerade bei uns freilich wirds am deutlichsten, daß Spießertum nicht Überfluß an Jahren, nein Mangel an Beweglichkeit ist.) Das ist das Merkzeichen des Spießers, daß ihm das Lernen Stunden, daß ihm der Sabbat ein Störenfried, das Gebet ein Zeitbegriff ist. Und das ist das Merkzeichen des Oberflächlichen, daß er religiöses Erleben leugnet, noch ehe er jüdisch gelernt und jüdisch gelebt hat. Unser Streben: Iir'aS haschem. Wir suchen das rechte, das persönliche Verhältnis zu Gott. „Und stände dir das Weltall als Gottes Allmachtötempel da, — aber gerade jeden Fleck, den du betrittst in diesem Tempel, fühltest du nicht als gottgeweihten Boden; — solange ist dein Wissen unnütz. — Darum steht am Eingang von Iisroel's Leben: Ich, Gott, der ich dich aus MizrajimS Land geführt, aus dem Haus der Sklaven, Ich, Haschem, sei Dein Gott!" (S.R.Hirsch.) Wir sind „tolerant" beim Lernen. Jede Frage des Suchenden ist uns recht. Unsere Leute hören Vorträge aller Richtungen. Aber „intolerant", verzweifelt intolerant sind wir in unserer Zielsetzung. Ungestört von Tagesfragen, unbeirrt von politischen. Strömungen sehen wir das Ziel vor unö. Und das ist, hier sei es gesagt, unsere Stärke. Der Esra als solcher ist vollkommen starr. Sein Ziel war bei Gründung genau das gleiche wie heute. Und unerbittlich will er es so. Wohl mag einmal dies, einmal lenes Gebot der Thora mehr im Mittelpunkt unserer Geister stehen, mag etwa, wie heute, das Gottesgebot vom Aufbau des heiligen Landes mehr als früher die Gemüter erfüllen: im Streben ändert sich nichts. Eine sonderbare Erscheinung in der Jugend und doch ganz einfach Tatsache. Weder die Tatsache der Starrheit, noch die Tatsache unserer „Jugendbewegung" kann leugnen, wer uns kennt. Jugendbewegungen zählen Monate und Jahre, die Völker Jahrhunderte und Jahrtausende. Und in den wenigen Jahren seines Bestehens hat der Esra viele Hunderte junger Menschen erfaßt und wenige losgelassen — Kaufleute, Ärzte, Rabbiner stehen heute im Esra hat der Esra manchen jüdischen Bund neben sich entstehen, sich wandeln, zerfallen sehen, nicht in der Art der Jugendbewegung von ihnen geschieden, nur durch seine scharfe, nie verschobene Zielsetzung; hat der Esra oft Freundschaft geschlossen mit anderen Bünden, aber nie etwas aufgegeben; hat Freunde gefunden bei anderen, die zu ihm kamen, fei es, daß sie „offiziell" seine Glieder wurden oder nicht. Er hat langsam seine ersten Pioniere nach Palästina geschickt, er hat, sein größter Reichtum, Leute hinausgesandt in die Lehrftätten des Ostens, die heimgekehrt, ihn neu beleben. Jugendbewegungen zählen nach Jahren. Darum wissen wir, auch der Esra wird eines Tages verschwinden. Wir hoffen aber: Erft dann, wenn er seine letzte Aufgabe erfüllt hat: der deutschen Iudenheit seinen Stempel endgültig aufzudrücken. Louis Levinger. veutsch-jüdische Verbindungen Von Hans Lennhoff (Berlin) „Der deutsch-jüdische Student" — das ist ein Thema, welches viel zu umfassend ist, um in ein paar Spalten auch nur annähernd erschöpfend behandelt zu werden. Deshalb sei von vornherein um die Nachsicht der Leser gebeten, wenn der Verfasser, in der Erkenntnis der durch den Raum gebotenen Beschränkung, den Ton auf das Wort „Student" zu legen und „deutsch-jüdisch" als bloße Voraussetzung zu nehmen bittet. Mit .dem Studenten auch nur insofern, als in rein studentischer Beziehung sein Deutsch-Judentum sich bemerkbar macht. Es wird also nicht über den deutsch-jüdischen Studenten in der Wissenschaft, im Sport usw. gesprochen werden. Eine allgemeine große Organisation deutsch-jüdischer Studenten gibt es an den deutschen Hochschulen nicht, seitdem die nach dem Kriege gegründeten studentischen Ortsgruppen des Centralvereins nur vereinzelt noch bestehen. Das Wirken dieser Organisationen zu schildern, die dort, wo sie noch bestehen, äußerst wertvolle Arbeit leisten, kann ebenfalls nicht Aufgabe dieses Aufsatzes fein. Wohl aber muß auf diejenigen Gruppen eingegangen werden, in denen deutsch-jüdische Studenten Aufnahme finden und die Hauptrolle spielen, obwohl sie nicht überall bewußt im deutsch-jüdischen Sinne wirken. Da sind zunächst auf dem einen Flügel die sogenannten paritätischen Verbände, der B.C., die F.W.V. und in Berlin der V.K.C. In diesen Organisationen, die mehr oder weniger studentisch straff organisiert sind, zum Teil Farben tragen, Satisfaktion geben und BeftimmungSmensuren fechten, ist der deutsch-jüdische Student lediglich als Deutscher, dessen Judentum gewissermaßen Zufallssache ist. Selbstverständlich ist es, daß diese Verbände grundsätzlich in Opposition zu dem völkisch orientierten Hochschulring deutscher Art stehen müssen, selbstverständlich ganz einfach deshalb, weil der Hochschulring sie in diese Opposition gedrängt hat. Auf der anderen Seite finden sich die sogenannten neutraljüdischen Korporationen; in Berlin z. B. der A. I. G. V. und die „Dahlemia". Bei diesen ist es gerade umgekehrt. Lag bei den paritätischen Gruppen der Ton auf „deutsch", so liegt er hier auf „jüdisch". Man hat lediglich den Willen, jüdische Studenten zu sammeln, jüdische Interessen zu pflegen, und da eine Reihe von Zionisten und Nationalisten den Korporationen angehören und auch angehören sollen, kommt eine offizielle deutschjüdische Arbeit dieser Verbände nicht in Frage. Das Deutschtum, der nationaldeutsche Wille ihrer Angehörigen ist Privatsache, ganz ebenso wie bei den paritätischen Gruppen die etwa vorhandenen jüdischen Interessen. In der Mitte zwischen beiden steht die bewußt deutsch-jüdisch eingestellte, korporativ zusammengeschloffene Studentenschaft. Die ältesten Anfänge reichen in die Zeit Stöckers zurück, als sich in Breslau die Viadrina, in Würzburg die Salia und Veda bildeten — die Salia zunächst noch mit einigen nichtjüdischen