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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-06-22 · 6 (22.6.1927) · p. Seite 176

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
6 (22.6.1927)
Article
Deutsch-jüdische Jugend
Date
1927-06-22
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
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176 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 einer Abstumpfung führen, die gerade das Wesentliche des Gebets, den Zugang der Seele zum Unendlichen, verschüttet. Der religiös-liberale Gottesdienst wiederum ist in seinem Bestreben, die gottesdienstlichen Übungen mit dem Verstand in Einklang zu bringen, zwar zu vielfach künstlerisch schönen, weihevollen Veranstaltungen gelangt. Daß aber die Gesetze der Schönheit nicht auch die Gesetze der Religiosität sind, zeigt die geringe tätige Teilnahme der liberalen Gemeinde an ihrem Gottesdienst. Sie hört auf Prediger, Chor und Kantor, wirkt aber nicht mit; hie ganze Anordnung des Gottesdienstes liberaler Großgemeinden läßt für das selbstgesprochene Gebet der Gemeinde, den zur Zeit höchsten Ausdruck von Religiosität, nur wenig Raum und stellt in den Mittelpunkt den Vortrag, bei dem die Gemeinde auf bloßes Hören und Aufnehmen angewiesen ist. Uns erscheint es als Ziel einer religiösen Gemeinde, einzeln und gemeinsam selbst handelnd Gottesdienst abzuhalten. Einige Kreise von uns haben sogar in eigenen Gottesdiensten diesem Ziele zugeftrebt, wo alle Verrichtungen nur von Unsrigen vorgenommen wurden. Man darf jedoch nicht außer acht lassen, daß die Bereitschaft nicht immer die Fähigkeit zu religiöser Übung in sich schließt. Überall in seelischen Dingen führt vom Wollen zum Tun kein gerader, leicht gangbarer Weg. Der Weg etwa, der über die Befolgung des Religionsgesetzes dorthin führt, ist erfahrungsgemäß für heutige Menschen selten gangbar und erfolgreich. Häufiger ist ein anderer Weg, der durch einen nicht näher erklärbaren Sprung aus dem Reiche des Wollens in das Reich des Tuns bewältigt wird. Man darf niemals vergessen', daß wir in einer religionsfremden Zeit leben und die Einflüsse, die diese Wirkung auf die Zeit hervorbrachten, auch in uns sich geltend machen. So müssen wir uns begnügen, wenigstens die Kräfte wiederzugewinnen, aus denen religiöses Leben erwächst. Daß ihnen der Funke religiöser Handlung entspringt, ist weiterer Pflege nicht zugänglich, sondern Sache des einzelnen. Aus diesem Grunde schon wäre es falsch, die deutschjüdische Jugendbewegung im Gegensatz zur zionistischen Jugend als die religiöse oder die liberale (auch dieser Begriff ist ja einmal religiös gemeint gewesen) zu bezeichnen. Vielmehr sehen auch wir im Religiösen nur ein Teil des menschlichen, im Jüdisch-Religiösen nur ein Teil des jüdischen Seins überhaupt. Wir sind nicht bloß Juden aus „Konfession", zumal es mit dieser gerade heute sehr im argen liegt. Wir tragen als Menschen die eigene Art unserer Abstammung in uns und wollen sie — im Gegensatz zur sog. „national-deutschen" Richtung — in der erstrebten gesundeten Form erhalten und im Leben des Volkes und der Völker zur Auswirkung bringen. Das empfinden wir als die geschichtliche Aufgabe des Judentums, deren Träger wir sind. Diese Aufgabe hat uns in die Diaspora gestellt, und hier haben wir sie zu lösen. Palästina zeigt uns heute bewunderungswürdige Tat jüdischer Menschen, die uns als jüdische Menschen mit Freude erfüllen muß und auch helfende Anteilnahme von uns beanspruchen darf. Aber unsere geschichtliche Aufgabe liegt nicht dort, sondern in den Ländern, wo wir wohnen. Hier hat sich jüdischer Geist mit dem Geist der Umwelt auseinanderzusetzen, wie schon so oft in der jüdischen Geschichte, wenn er sich erhalten und seine Aufgabe erfüllen soll. Wir wollen die jüdische Gemeinschaft erhalten nicht aus nationalem Willen, sondern weil wir glauben, daß wir als Juden nur in ihr die höchsten menschlichen Aufgaben erfüllen können, die das Ziel aller um das Ewige bemühten Gemeinschaften sind. Die Schwierigkeit dieser Aufgabe, die im Zusammenprall jüdischen Geistes mit dem Geist der Zeit begründet ist, ist in Palästina nicht geringer als hier. Mag nun Palästina für jüdisch-nationale Zwecke geeignet sein oder nicht -, jüdisch-nationaler Wille ist keine Notwendigkeit aus dem Wege unserer Aufgabe. Die Zeitlichkeit des Volkes, nach der der Zionismus strebt, liegt auf einer anderen Ebene als die Überzeitlichkeit des Geistes, an die wir glauben und in deren Dienst wir uns stellen. Um unserer Aufgabe gerecht zu werden, brauchen wir uns daher nicht Gefühlswerke aus dem Herzen zu reißen, die das deutsche Land und seine Kultur und der westeuropäische Kulturkreis überhaupt in uns gepflanzt haben. Auch sie sind heute zu Bedingungen unseres Daseins geworden, die wir nur gewaltsam entfernen könnten. Freilich ist die Bewegung, die uns in das deutsche Volk hineingeftellt hat, noch nicht beendet. Die äußere Gleichberechtigung ist erreicht, die Volksgemeinschaft im tieferen Sinne noch nicht. Es bedarf nach der „deutschen und jüdischen Schuld" noch der „deutschen und jüdischen Aufgabe" der deutsch-jüdischen Versöhnung. Wir erstreben sie, weil sie den Deutschen wie den Juden frommt. Es gilt, auch unter den Nichtjuden die menschlichen Voraussetzungen zu schaffen, deren Fehlen oftmals die Zusammenarbeit verhindert. Nachdem der Jude seine Sicherheit als Jude wiedergewonnen hat, ist es auch vielleicht an der Zeit, nun einmal abwartend die Einsicht durchdringen zu lassen, daß die Iudenfrage gleichermaßen eine Deutschenftage ist und ein Moment der sittlichen Wiederaufrichtung Deutschlands bildet. Ist diese Einsicht erreicht und wird die Tatsache unserer bewußt jüdischen Existenz so weit gewürdigt, daß nicht mehr Selbstaufgabe von uns verlangt wird, dann wird im deutschen Volke der rechte Widerhall unseres Strebens größer sein als er es heute ist. In einem Staate, der auch sein Höchstes nicht im völkischen, sondern in menschheitlichen Aufgaben sieht, werden wir auch als jüdische Menschen die wahre Volksgemeinschaft mit schaffen helfen. vie zionistische Jugendbewegung Die Jugendbewegung eines Volkes kann ihre geschichtliche Mission in zweierlei Weise betrachten: Sie kann sich entweder ansehen als eine Lebensform jugendlicher Menschen, als eine Erscheinung der Altersgruppengliederung der Gesellschaft. Ihr Wesen besteht dann darin, daß sie den Unterschied zwischen der jüngeren und der älteren Generation energisch betont, daß sie immer wieder ihre Forderung der LebenSgeftaltung aus eigenem Recht vorbringt, daß sie vor allem auf die Gestaltung einer charakteristischen eigenen Lebensform der Jugend hindrängt. Die Tatsache des Jungseins ist dann ein Wert an sich, berechtigt zu Forderungen, deren Rechtfertigung schon darin beschlossen ist, daß die Fordernden jung sind. Dieser einen Art der Jugendbewegung steht eine zweite gegenüber, die, historisch betrachtet, nicht in erster Linie eine Erscheinung der Altersgruppengliederung der Gesellschaft darftellt, sondern die sich als Regenerationsfaktor der Gesellschaft fühlt: durch die Jugendbewegung soll die ganze Gesellschaft verändert werden. Ist die erste Art der Jugendbewegung durch den Bezug auf sich selbst, als eigenen Zweck zu charakterisieren, so kennzeichnet sich die zweite Gruppe durch ihren Bezug auf die Gesamtheit. Nicht die Ausbildung einer spezifisch jugendlichen Lebensform ist die Aufgabe, sondern die Entwicklung einer neuen Lebensform für

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