Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Jüdische Jugend
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 175 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitunq 175 Arbeit wieder aufgerichtet. Und daß Jugend vorhanden ist, eine Jugend, die von allen Seiten vernachlässigt wurde (auch das sei anklagend gesagt!) hat man an dem großen Interesse, das der neuen Arbeit entgegengebracht wurde, sehr deutlich bemerkt. Die vielseitigen Ablenkungen der Großstadt haben dazu beigetragen, daß eine gewisse Gleichgültigkeit jüdischen Angelegenheiten gegenüber tatsächlich unter einem großen Teil der Münchener jüdischen Jugend eintrat. Es fehlte der geistige Führer! Der Führer, der mit jugendlicher Frische die Jugend für lebenswertere Ideale statt nur Vergnügungen usw. begeistern konnte. Und es kam ein solcher Führer, Lehrer, der trotz der Kürze seines Wirkens in München diese Jugend aus ihrer Erschlaffung erweckte. Es herrscht wieder reges Leben im „Iugendverein"! Jugendlich begeisterte, aus der Jugendbewegung hervorgegangene Männer leisten den Führern tatkräftige Hilfe. Und die Frucht der geistigen Zusammenarbeit ist ein reichhaltiges Arbeitsprogramm! Wir Juden können stolz auf unsere Vergangenheit sein. Denn Völker entstanden, und Völker verschwanden; aber das jüdische Volk besteht und wird, solange es auf Gott vertraut, noch weiter bestehen! Es ist jüdische Eigenart, sich an die guten und schlechten Ereignisse der Vergangenheit zu erinnern. Und das Gefühl, Jude zu sein, wird durch nichts mehr gestärkt, als durch die Erinnerung an das kulturelle und religiöse Leben unserer Vorfahren. „Die Geschichte des jüdischen Volkes" ist der große Vortragszyklus, der ergänzt wird durch die mit verständnisvollen Erklärungen bereicherte Vertiefung in unsere Lehre, die heilige Schrift. Das kommende Vereinsjahr wird weitere Einführungsvorträge in unsere mündliche Lehre, den Talmud, bringen. So wird der Jugend, die gewillt ist zu lernen, jüdische Geifteskultur verständnisvoll nähergebracht. Und nun hat das Land, in dem wir leben, derartige Kulturschätze, daß an diesen nicht vorübergegangen werden darf und kann. Das Geistesleben eines Volkes zeigt sich in der Geistesarbeit seiner Dichter. Theoretische und praktische Arbeit ist zur völligen Erfassung notwendig. Die „Literaturgruppe" ist Vermittlerin der deutschen Literatur, während die dramatische „Spielgruppe" durch praktische Tätigkeit die Gedankenwelt der Dichter zeigen will. Auch diese „Gruppen" werden im neuen Vereinsjahre sich intensiver entfalten. Ebenso werden die für die körperliche Ertüchtigung notwendigen „Sport- und Wandergruppen" weiter auögebaut werden. Diese einzelnen „Arbeitsgemeinschaften" sind zwar die wesentlichste Tätigkeit des Vereins. Doch seine Hauptaufgabe wird er in Zukunft in der Verftändigungsarbeit sehen. Fruchtbare Aussprachen sollen sich an große öffentliche Vorträge, die von namhaften Rednern der verschiedenen politischen und geistiges Richtungen des Judentums gehalten werden, anschließen. Die Jugend mit der Jugend aber soll sich an besonderen Abenden zur Verftändigungsarbeit zusammensetzen, und sie soll zeigen, daß sie guten Willens ist, unbeschadet ihrer festen Einstellung, auf dem Boden der Neutralität jüdische Geistes- und Kulturarbeit geschloffen zu vollbringen. An die Eltern richtet der „Jüdische Iugendverein" zum Schluß das Wort: Achtet auf das Tun und Treiben eurer Kinder!,Laßt sie, soweit sie nicht schon jüdisch organisiert sind, wieder zu ihresgleichen, damit sie ihr Judentum kennen und schätzen lernen! Karl Neisser, 1. Vorsitzender des Jüdischen Iugendvereins, München. Deutsch-jüdische lugend Von Dr. Erich Hirschberg In zwar nicht ganz richtiger, aber das Verständnis erleichternder Einteilung kann man den heutigen Stand der deutschjüdischen Jugendbewegung an drei Fragenkomplexen kennzeichnen. Der erste ist nicht spezifisch jüdisch und trotzdem der, von dem alles Weitere aus verstanden werden will: es ist die AnschauungSwelt der deutschen Jugendbewegung. Die ganze jüdische Jugendbewegung nimmt an ihr teil, Blauweiße und Kameraden und alle anderen jüdischen Bünde. Sie alle empfinden das moderne Stadtleben als ungesunde Einengung ihrer körperlichen und seelischen Kräfte und erobern sich auf ihren sonntäglichen und Ferienfahrtleben die freie Bewegtheit von Körper und Seele zurück, die sie um so schmerzlicher entbehren, seit sie das Vorbild des äußerlich und innerlich fteien und starken Menschen wiedergefunden haben. Die Fahrt des deutschen Wandervogels, von der jüdischen Jugend übernommen, hat ihr den Blick für ihre Lage und für die Lage der deutschen Iudenheit geöffnet. Man entdeckte den Körper wieder, gebrauchte ihn nicht mehr bloß, eingehüllt in die konventionelle Bekleidung, als zweckgebundenes Mittel der Fortbewegung, sondern übte das ungebundene Spiel seiner Glieder in der Freiheit von Lust und Wasser, in der freien Natur. Man hörte auf seine Stimme und .auf die Stimme des Bluts und traf in sich selbst auf ein reineres, freieres, kräftigeres Menschsein, als man es bisher gewußt hatte. Das Rätselhafte und Geheimnisvolle des Menschenlebens spürte man in sich selbst und empfand wieder Ehrfurcht vor dem Unverständlichen, das wir nun in nächster Nähe vor uns sahen. Der Geist des 19. Jahrhunderts, das den Triumph des Verstandes und die Verkümmerung der Seele heraufgeführt hat, wurde hier überwunden, wo man vor dem Reiche der unverbildeten und unverstellten Natur im Menschen wie in den Dingen die Fähigkeit des Ergriffenseins wiedergewann. So geht Hand in Hand mit der Entdeckung des Körpers die Wiedergeburt der Seele. Beides zusammen ist die Befreiung des inneren Menschen überhaupt von den fremden Schalen, die die Zeit um ihn gelegt hat, für uns Juden nicht zuletzt von der einseitig ausgebildeten Geistigkeit, die uns aufgezwungen war. In den ersten Anfängen dieser Freiheitsbewegung, die das Abendland noch menschenalterlang beherrschen wird, steht auch die jüdische Jugendbewegung. Die Auswirkung solcher Einstellung zeigt sich schon bei jenem großen Fragengebiet, das einmal — trotz der Gefahr des Mißverständnisses - das religiöse genannt werden soll. Religiosität entspringt der geöffneten, aufnahmebereiten Seele. Die Bereitschaft ist in unseren Reihen weithin da. Freilich nicht in gleichem Umfange die Fähigkeit religiöser Handlung, woran wir selbst am wenigsten schuld sind. Weil wir die Religiosität als Sache des Herzens ansahen, sehen wir in vielen angeblich religiösen Handlungen unserer Umgebung einen offenbaren Mangel an seelischer Teilnahme, der das Religiöse dieser Handlungen aufs stärkste in Frage stellt. Das trifft gleichermaßen Orthodoxie wie religiösen Liberalismus. Es ist zwar für ftomme Menschen (doch ist ihre Zahl heute auch unter Orthodoxen klein!) wohl möglich, auch bei der ständigen Wiederholung derselben Gebete noch seelische Anteilnahme zu bewahren; bei den meisten wird die Gewohnheit des täglichen Gebetrituals und die schon sprachlich kaum zu bewältigende Eile des Gemeindegebets zu