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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-06-22 · 6 (22.6.1927) · p. Seite 174

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
6 (22.6.1927)
Article
Jüdische Jugend
Date
1927-06-22
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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174 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 erlitten und durchgekämpst. Neben dem, was andere Jugend durchzumachen hatte, bedrückte sie ein Gefühl der Rechtlosigkeit oder Heimatlosigkeit, was wohl im Grunde auf dasselbe hinauSkommt. Diese Jugend hat trotz allem den Kampf ausgenommen und 'wird ihn auch bestehen. Und wie schon früher, so wird auch jetzt noch manches von ihr zu lernen sein. Die nachfclgenden Aufsätze sollen Ausschnitte aus der jüdischen Jugendbewegung geben, sie können kein vollständiges Bild der Jugendbewegung zeichnen, wohl aber an einigen ihrer hervortretendften Richtungen die Jugendbewegung dem Verständnis näher bringen Und auch für sie werben. S. „Jüdische Jugend" nw7 ipS man bs ns p nm ian ib napi 21 *]S ntyy „suche Dir einen Lehrer, erwirb Dir einen Kameraden und beurteile jeden Menschen nach seiner besten Seite." Spr. d. Väter. I. „Suche Dir einen Lehrer"! Erinnerungen an die Schulzeit tauchen im Geiste auf. Wie viele freud- und leidvollen Stunden verbrachten wir auf der Schulbank! — Und heute liegt für uns jungen Menschen, die wir im Leben stehen, all das weit zurück! Der Alltag mit seinem geschäftigen und aufreibenden Treiben hat uns ganz in seinen Besitz genommen. — Was ist da verständlicher, als daß wir uns wieder erinnern — und suchen? Suchen nach dem wahren und geistigen Bande, das uns binden soll mit einem Führer, mit einem „Lehrer". — Und stürmisch sucht die Jugend! — Viel Ungeklärtes dringt auf uns ein. Staat und Menschen sind verwandelt zu einem neuen Gebilde. Jugend schließt sich zusammen zu einer Gemeinschaft — die ,/Iugendbewegung". In dieser großen Bewegung spielt sich auch die der jüdischen Jugend ab. — Der Kampf der deutschen „Volksgemeinschaften" um die Führung im Staate hat auch die Jugend mitgeriffen. Als Gegenstück zu dieser innerpolitischen deutschen Bewegung steht nun die jüdische! Kämpfe auch hier! Zerrissenheit statt Einigkeit! Können wir, die jüdische Jugend, diesem Kampfe um Macht gleichgültig gegenüberstehen? Nein! Wir müssen uns entscheiden mit der Begeisterung, die uns eigen ist! Sind wir aber fähig dazu? Wir müssen es sein! Wir müssen die beschämenden und erniedrigenden Zeichen einer Entartung durch Vergnügungssucht, durch Verflachung der Interessen, durch Zersplitterung aller Kraft von uns beseitigen! Nur durch inneres jugendliches Wollen, durch gemeinsames Arbeiten an einem Ziele können wir dieses erreichen! „Jung sein und I u d c fein" heiße unsere Devise! Aber nur der ist wahrhaft jung, der in sich die Kraft fühlt, begeistert und selbständig, wandelbar und ringend sich für eine Idee, die er bejaht, zu opfern! Zur Jugend gehören aber nicht nur die dem Alter nach jungen Menschen, sondern auch die ihrem inneren Wesen nach jung gebliebenen. Es genüge der Hinweis, daß Jugend sich für eine Idee einsetzen soll. Sie muß zu den Vorkommnissen des Lebens Stellung nehmen. Sie muß sich entscheiden! Wer sich nun durchgerungen hat zu der ihm gut dünkenden Ausgestaltung seines Lebens, der wird auch seinen Führer und Lehrer gefunden haben. Auch gleichgesinnte, für die gleiche Idee begeisterte Kameraden, Freunde wird er sich erworben haben! Aber wer sich noch nicht entschieden hat, wird weiter suchen! Auch er wird auf Freunde, Kameraden stoßen, die wandelbar und jugendlich nach dem lebenswerten Ideale suchen und streben. Und da beginnt die so unheilvolle Zersplitterung innerhalb unserer jüdischen Gemeinschaft! Einseitigkeit und Abgeschlossenheit durch krasses Auftreten sind die Gefahren! Warum sollte da nicht eine einheitliche Front geschaffen werden können? Eine Plattform, auf der die Jugend sämtlicher jüdischer Richtungen zu gemeinsamer Arbeit an einem Ziel sich trifft! Und dieses Ziel ist die Erkenntnis des Judentums! Man möge es dem jugendlichen Temperamente und der Begeisterung zuschreiben, daß gerade unter der Jugend so viele Kampfnaturen zu finden sind. Aber schaden nicht allzu machtvolle Kämpfer sich selbst und ihrer Idee? Denn mit Gewalt seine Meinung dem anderen aufzuzwingen, ist nicht gut! Es sollen keine Anklagen erhoben werden! Nein, Versöhnung, Frieden und Eintracht! Denn das Judentum ist der Friede! Und dann begeistertes Arbeiten an der Erkenntnis unseres Judentums! Und es existiert solch eine Vereinigung von jungen Juden, die ihre feste persönliche Meinung besitzen und gewillt sind, mitzuarbeiten an dem Aufbau unseres inneren jüdischen Lebens. „Der Verband der jüdischen Jugend vereine Deutschlands" hat es sich zur Aufgabe gesetzt, unter Wahrung der politischen und religiösen Eigenart seiner Anhänger, durch Pflege des bewußten Judentums die Anhänglichkeit der Jugend an das Judentum zu erhalten und zu kräftigen. Er will ferner durch Erschließung der jüdischen, aber auch der deutschen Kulturschätze seine Mitglieder zu verinnerlichten Menschen erziehen und ihren Sinn für alle idealen Werte heben. Dieses ist kurz Ziel und Zweck des Verbandes, der als jugendbewegte Vereinigung natürlich auch die körperliche Ertüchtigung seiner Mitglieder sich vorgenommen hat. Die örtlichen Gruppen des Verbandes sind rege an der Arbeit. Sie scheuen keine Mühe und lassen sich durch keinerlei Fehlschläge beirren. — Bereichert an Wissen, nicht aufgerieben durch Parteikampf gehen die jungen Menschen ihren Weg. Alle knüpft das Band der Freundschaft und des friedlichen Zufammenarbeitens an dem gesetzten Ziele. Sie sind Juden, Brüder! Sie haben das Wort des Weisen zu verwerten verstanden: „W'hewe don es kol hoodom l'chol f'chuß"; „beurteile jeden Menschen nach seiner besten Seite!" Und die beste Seite an uns ist unsere Jugend und unser Judentum! — Aber auch die Lauen und Gleichgültigen sollen zur Geistesarbeit herangezogen und erzogen werden. Denn sie werden bald erkennen, daß ein Leben, rein auf das Materialistische und Genußsüchtige eingestellt, zu nichts taugt! Sie werden mit Schrecken zur Einsicht kommen, daß sie für den Kampf, der sich um sie abspielt und auch an sie herantritt, nicht gerüstet sind. Und sind und fühlen sie sich noch jung, so ist es noch nicht zu spät! Und nun zur Praxis! Es wird viel gegen Neutralität in einem jüdischen Jugend verein geeifert. Kann denn ein jüdischer Iugendverein neutral fein? Er ist eS doch schon nicht, da er eine bestimmte Tendenz verfolgt! Ist Neutralität gleich politischer Gleichgültigkeit? Nein! Sondern jugendliche Begeisterung, der Wille zur Einheit, der Wille zur ftuchtbaren Aussprache, der Wille zur gemeinsamen Arbeit beherrscht die nicht politisch „organisierte" jüdische Jugend! Und es darf kein junger Jude gleichgültig und ohne Interesse sowohl jüdischen wie auch weltlichen politischen Ereignissen gegenüberftehen! Das ist nun auch das Ziel, daß sich der „Jüdische Iugendverein" München feit vorigem Jahr wieder gesetzt hat. Nach Jahren der inneren Stagnation, deren Folgen nur langsam sich beheben lassen (es sei hier ruhig und offen vermerkt), wurde der „neutrale" jüdische Iugendverein zu neuer

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