Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (23.5.1927)
- Article
- Ein zeitgemäßes Buch: Heinrich Berl [Rezension]
- Date
- 1927-05-23
- Page
- Seite 163 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2727836-2727842-2731293--02028-2731381- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 163 sen zu werden." Daß aber die jüdische Musik des Abendlandes den „latenten Orientalismus" — wie ich es bezeichnet habe — in sich bewahrt hat, daß das europäische Prinzip der Harmonie von ihnen lediglich als vom Umkreis gegeben, nicht organisch verwendet wurde, ist eine Tatsache, die wir jetzt erst angefangen haben, zu entdecken. Damit ist uns aber die Möglichkeit gegeben, sie aus dem Organismus der Diaspora zu lösen; denn die Verwurzelung ist ja nur eine stoffliche, keine essentielle. Essentiell gehört diese Musik dem Orient. Es läßt sich genau so gut an Meyerbeer und Mendelssohn beweisen wie an Mahler und Schönberg, um nur einige Namen zu nennen. Sinnfällig ist es auch geradezu an Offenbach." — „So glaube ich durchaus nicht, daß das Judentum die spezifisch musikalische Substanz umschichten wird zu plastischer Substanz. Musik war bei den antiken Hebräern die religiöse Kunst — die erste „musica sacrä", sagt ein Kenner wie Ambros —, und sie wird es auch wieder sein. Vergessen wir nicht, daß der Prophetismus, die eigenste Tat des antiken Judentums, geboren ist aus dem Geiste der Musik. Musik ist eben letzten Endes nicht etwas, das notwendig in Plastik überwunden werden muß, sondern die eine große metaphysische Urtatsache des gotterneuernden Lebens." — Daß es im Falle Verl einem Nichtjuden Vorbehalten war, ein bedeutsames Buch über „Das Judentum in der Musik" zu schreiben, kann weiter nicht befremden, da hier eben zum ersten Male sich die Fähigkeiten und Eigenschaften vereinigt haben, das Problem in seiner Totalität aufzurollen: Einfühlungsgabe und Begeisterung des Künstlers, Sachlichkeit und Objektivität des Gelehrten und Liebe des Menschen zum Gegenstand. Es gebührt daher dem Autor gerade von unserer Seite besonderer Dank; denn es ist ihm gelungen, dem Wesen jüdischer Musik näher zu kommen als manch einer. Paul-Rathan-Gedenknummer Die C.-V.-Zeitung hat dem verstorbenen Paul Nathan in einer unlängst herausgegebenen Gedenknummer ein würdiges Denkmal gesetzt. Die Beiträge einer Reihe bekannter Persönlichkeiten geben ein schönes Bild von dem Schriftsteller, Politiker und Menschen Paul Nathan. Wir nennen aus der Reihe der Mitarbeiter: Leo Baeck, Eduard Bernstein, Julius Brodnitz, Ernst Feder, Ludwig Haas, Ludwig Holländer, Helene Lange, I. Levy, Ludwig Quidde, James Simon, Friedrich Stampfer, Alfred Wiener, Theodor Wolff. Nach diesen Namen bedarf es keiner weiteren Empfehlung. S. Der Morgen Die Zeitschrift erscheint nunmehr im 3. Jahrgang. An ihrer Spitze steht ein Abdruck aus einem Buch von Müller-Claudius „Deutsche Rassenangst"eines,wiees scheint, bedeutungsvollen Buches. Es folgen Beiträge über „Die Freunde Spinozzas", ein interessanter Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer in den Büchern des alten Testaments. Eine Erweiterung des bisherigen Stoffgebietes bedeuten die nunmehr in einer Reihe von Heften erscheinenden „Beiträge zur wirtschaftlichen Lage der deutschen Juden", die mit 2 Aufsätzen über „Die Beteiligung der Juden an der deutschen Eisen- und Metallwirtschaft" von Gerhard Buer und über „Die Juden in der Textilindustrie" von Ernst Landsberg eingeleitet wird. S. Blaufuß, Hans. Kephtharitifche Inschriften. Ein Versuch zu ihrer Deutung. Nürnberg 1926. Perlag der Friedrich Kornschen Buchhandlung. Der Verfasser unternimmt es, die bekannten rätselhaften Inschriften des Diskos von Phaistos zu deuten und glaubt ein altsemitisches Sprachdokument darin gefunden zu haben. Er bleibt jedoch den philologischen und historischen Beweis für seine Deutung schuldig. Zudem ist die Deutung nicht frei von Widersprüchen, da dieselben Zeichen ohne nähere Begründung bald so, bald anders gelesen werden. Das behandelte Problem ist durch die B sche Darstellung, die viel Fleiß und Kenntnisse verrät, nicht gefördert, nur in Erinnerung gebracht worden. Pr. Vereine Das Jüdische kammerorchesier München Einmal sagte einer, es entspräche durchaus dem jüdischen Geiste, daß so wenig Juden Blasinstrumente spielen. Denn der jüdische Geist sei individualistisch und verstehe sich nicht gern dazu, mit andern zusammen etwas zu wirken. Und ein Bläser ist eben immer auf andere angewiesen. Nun hat sich aber trotz allem eine Vereinigung gebildet, die es sich vorgenommen hat, als Vereinigung musikalisch zu arbeiten; eine Vereinigung, in der erst dadurch ein Werk zustandekommt, daß jeder, unter Hintansetzung seines persönlichen Wollens sich unterordnend das Gelingen fördert: ein Jüdisches Kammerorchester. Das Jüdische Kammerorchester München versucht, die musikalisch Strebenden zu einem gleichartigen, jüdischen Kreis zusammenfassend, das Verständnis und die bildenden Kräfte jener Werke zu vermitteln, die im allgemeinen dem Musikbeflissenen verschlossen sind, weil kein Kreis da ist, der sie ausführen könnte: Die zahlreichen Werke für kleines Orchester. Unser Arbeitsgebiet teilt sich in zwei Teile: In die Pflege älterer und die neuerer Musik. Das Studium der alten Musik (bis I. S. Bach und die älteren Mannheimer einschließlich) leitet stud. med. Heinrich Lamm, das der neueren (von der klassischen Periode im engegeren Sinne ab) stud. mus. Franz Kleinbauer. Das Spielprogramm (das natürlich nie in einer Probe durchgenommen wird) umfaßt derzeit: Michael Praetorius: Fackeltanz, Lobet den Herrn (nach einem Chorsatz); Hans Leo Hasler: Jntrada für sechs (Streich-) Instrumente; Georg Bäwerl: Dantz; Franz Asplmayr: Sonata; Georg Friedrich Haendel: Concerto grosso 6-Dur Op. 6,1; Wolgang Amadeus Mozart: Sechs ländlerische Tänze, Ouvertüre und drei Contretänze, Maurerische Trauermusik; Joseph Haydn: Symphonie IV v-Moll, Menuett und Finale; Franz Schubert: Symphonie L-Dur. Das Orchester setzt sich derzeit zusammen aus: etwa 15 Geigen, 3 Bratschen, 3 Violoncellen, 2 Flöten, einer Klarinette und Klavier. Selbstverständlich müssen wir in Stücken, die Blasinstrumente vorschreiben, diese teilweise durch Klavier zu ersetzen suchen. Trotz aller technischen Schwierigkeiten kann man zweifellos bei allen Beteiligten den ernsten Willen zur ernsten Arbeit seststellen, jene unbändige Freude am Musizieren, die zu beobachten für empfindsame Seelen allein schon einen Genuß darstellt. Jedoch sind wir bemüht, darüber hinaus so viel an wirklicher, mühsamer Arbeit zu leisten, daß eines Tages doch die Zeit gekommen ist, wo wir versuchen werden, dem verständigen Zuhörerkreis einen weniger subtilen, aber musikalischen Genuß zu bereiten. Woran es uns fehlt, das ist zweierlei. Erstens brauchen wir noch mehr Leute, die einiges technisches Können besitzen und gewillt sind, an einer im Grunde doch jugendlichen Sache (wie alt einer ist, ist gleichgültig) jugendlich, d. h. begeistert mitzuarbeiten. Wir laden deshalb alle so gearteten Streicher und besonders alle Bläser herzlich ein, sich uns anzuschließen. Die Meldung erfolgt entweder schriftlich an Franz Kleinbauer, Kochstr. 12 oder an Heinrich Lamm, Bruderstr. 12, oder mündlich in den Proben, die jeden Mittwoch, abends 8 Uhr, pünktlichst beginnend, im Bibliotheksaal der Gemeinde, Herzog-Max-Strahe 3, stattfinden. Das zweite, was uns fehlt, ist Geld. Wir brauchen zur Anschaffung von Noten u. dgl. etwas Geld. Nicht viel — aber doch zu viel, als daß wir es aus unseren Mitteln decken könnten; denn wir sind zumeist Jugendliche. Wenn sich also ein paar mäzenatenhafte Gönner, die einsehen, daß so ein Orchester unter Umständen eine — lassen Sie uns ruhig sagen — kulturell bedeutsame Sache sein kann, fänden, die sich dazu verstehen würden, vorläufig, bis wir ein Konzert veranstalten können, uns einen kleinen Betrag von einigen Mark monatlich oder einen etwas größeren einmalig zukommen zu lassen — dann wäre uns in dieser Hinsicht geholfen. Daß ihnen dann natürlich Ehrenplätze zu jedem Konzert zur Verfügung stehen, ist ebenso sicher, wie der Dank der Nachwelt dafür, daß sie einem (in tausend Jahren) so bedeutsamen Institut, wie es das Jüdische Kammerorchester zu werden vor hat, auf die Beine geholfen haben. Mitteilungen, die auf den zweiten Punkt Bezug nehmen, erbitten wir ebenfalls an einer der beiden obengenannten Ansch iften. Der geschästsführende Ausschuß des Jüdischen Kammerorchesters: Franz Kleinbauer, Max Kupfer, Heinrich Lamm, Martha Rosenfelder, Studienrat Adolf Schaalmann.