Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (23.5.1927)
- Article
- Jüdischer Gesangverein
- Date
- 1927-05-23
- Page
- Seite 161 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 161 Was da zu Gehör kam, zeigte, daß die Synagogalmusik, die vor einigen Jahrzehnten auf einem toten Punkt angelangt war, dank dem Schaffen dieses ernsten Musikers und tief im Judentum wurzelnden Menschen eine kräftige Äufwärtsbewegung genommen hat. In innigster Fühlung mit den altehrwürdigen Melodien werden aus Grund vollkommener Beherrschung der modernen Chortechnik Werke geschaffen, die tiefen Eindruck auf den naiven, wie auf den sachkundigen Hörer machen und wohl in den dauerenden Besitz der Synagogalmusik übergehen werden. Die Aufführung, die auch den beiden Kantoren Müller und Lachmann Gelegenheit gaben, ihre Beherrschung des kantoralen Stils zu bewähren, stand in jeder Beziehung auf respektabler Höhe, verfehlte ihre starke Wirkung nicht, und gestaltete sich zu einer machtvollen Huldigung für den hervorragenden Komponisten, den München stolz sein eigen Der zweite Teil, der dem Beethoven-Jubiläum galt, brachte neben dem prächtig a cappella gesungenen Chore: „Die Himmel rühmen die Ehre Gottes", die seit vielen Jahren nicht mehr gehörte Chorfantasie in sehr guter Ausführung, bei der sich die Herren Dr. Bettsack und Dr. Waldner als hervorragende Pianisten technisch wie rhythmisch bewährten. Zwischen diesen Nummern stellte Frau Sonja Ziegler, von ihrem Gatten am Flügel begleitet, ihren prächtigen Sopran mit vorzüglicher Beherrschung des Stils in den Dienst der schönen Sache und konnte sich mit Recht rauschenden Beifalls erfreuen. Als Begleiter der Kirchnerfchen Kompositionen wie als Interpret des Orgelpräludiums bewährte Herr Prof. Sagerer seinen allbekannten hervorragenden Ruf als Organist. Das Hauptverdienst des Abends gebührt aber wohl Herrn Joses Ziegler, der mit Liebe und starker Einfühlung beide so divergierende Teile des Programms zu ausgezeichneter Aufführung brachte. Was dieser Chormeister in den kurzen Jahren des Bestehens des Vereins aus seinem Chore, der zum Teil prächtiges Stimmaterial ausweist, gemacht hat, ist hohen Lobes würdig. Möge er aus diesem Wege weiterschreiten, dann wird der Jüdische Gesangverein das ihm vorschwebende Ziel erreichen, in der Jüdischen Gemeinde wie im Münchener Musikleben eine achtunggebietende Stellung einunehmen. E. F. Ostjüdische Volkslieder Zum ersten Male wurde in München der Versuch unternommen, ostjüdische Volkslieder in reicher Auswahl öffentlich zum Vortrag zu bringen. Dieser Gedanke, dem auch die Tagespresse mit Interesse gegenüberstand, darf keineswegs als eine Angelegenheit internen Charakters bewertet werden; auch musikalische Forscher anderer Bekenntnisse können an diesen Quellen reiner Kunst nicht achtlos vorübergehen. Letztere führt uns in eine weit zurückliegende Vergangeheit und wenn auch beispielsweise die alten Gesänge der jemenischen Juden nicht in dem üblichen Sinn als Volkslieder aufgefaßt werden dürfen, so bildet jedenfalls die Tatsache, daß sie aus der Psyche des Volkes geboren und erlebt wurden, das ausschlaggebende Charakteristikum. Ihr synagogaler Einschlag weist sie mit den religiösen Jakobsliedern aus Rumänien und Litauen, sowie Hamawdil, einer ganz gesonderten Gruppe zu, die auch in der gesanglichen Betätigung des Alltags jeden profanen Gedanken ausschalten. Eine Verwandtschaft mit den früher gebräuchlichen alten Tonarten und liturgischen Wendungen ist unverkennbar, doch behalten sie trotz ihrer choralischen Einstellung ihre eigene Physiognomie und Ursprünglichkeit, welche von den Bearbeitern Alice L ö w e n s o n , Darms M i l h a u d und Heinrich S ch a l i t mit rührender Treue gewahrt wurde. Einen tiefen Einblick in das Leben, Fühlen und Denken der Ostjuden eröffnen die Liebes-, Mädchen-, Kinder- und Wiegenlieder. Reichtum an Gemüt, der Zauber der Familie und eine hohe Auffassung in Herzensangelegenheiten, all diese Eigenschaften äußern sich mit großer Prägnanz, und mag auch die melancholische Stimmung vorherrschend sein, so kommt doch in vielen Liedern ein ganz köstlicher Humor und Sarkasmus zum Durchbruch. Jedenfalls verschmäht das ostjüdische Volkslied jede Oberflächlichkeit, — es ist zu sehr von Leid getränkt — und unter den Stimmen der Völker darf es an erster Stelle gehört werden, so sehr sein Wesen an eine bestimmte Scholle gebannt erscheint. Der größte Teil der Bearbeitungen stammt von Heinrich Schallit, der wohl auch als spiritus rector anzusprechen sein dürfte. Er hat in der letzten Zeit mit besonderer Vorliebe seine hoch zu schätzende Begabung auf archaistische Grundlage gestellt und wir verdanken ihm in seinen hymnenartigen Gesängen und Vertonungen von Jehuda Halevi usw. wertvolle kompositorische Schöpfungen. Auch in der Bearbeitung der genannten Volkslieder zeigt er sich nicht bloß als ein reifer Meister des Satzes, sondern Könner und Hüter des Stils. Seine Harmonik ist eigenartig und paßt sich trotz einer gewissen Fortschrittlichkeit in den Klangmischungen den jeweiligen Stimmungen mit großer Ausdruckskraft an. Seine hier bekundete nachschöpferische Kunst steht auf gleicher Höhe mit seinem Verdienst, längst verklungene Weisen zu neuem, hoffentlich dauerndem Leben erweckt zu haben. In Rahel Ermolnikoff hatte man eine hervorragende Interpretin für den Abend gewonnen. Ihre äußerst sympathisch und sonor klingende Altstimme, sowie gründliche Musikalität erweisen sich für die hier gestellten Aufgaben besonders günstig und geben denselben dadurch ein durchwegs künstlerisches Gepräge. Ihre liedmäßige Darstellung, die nicht nur auf der selbstverständlichen Beherrschung des jiddischen Idioms, sondern auch des jüdischen Wesens basiert, wirkt durch ihre warmgefühlte Art echt und warm, sie identifiziert sich mit dem Inhalt als Ergebnis eines persönlichen Seelenerlebnisses. Die Zuhörer wurden durch das Gebotene nachhaltig gefesselt und ergriffen und brachten ihren Dank durch enthusiastischen Beifall zum Ausdruck. Julius Schweitzer. Gebeimrat Prof. Dr. Mllsiätter wurde zum Ehrendoktor der Universität Manchester ernannt. Romanwettbewerb. Der Roman „Arbeit" des in München lebenden Journalisten und Schriftstellers M. Hirsch wurde bei dem Romanpreisausschreiben des „Mainzer Anzeigers" anläßlich seines 75jährigen Bestehens auf einstimmigen Beschluß der Preisrichter erworben. .Adolf Rothschild Theafinersfraße 7' Graf - Arco - Palais Neue Modelle Kostüme - Kleider Mänfel - Pelze Vornehmste Maß-Anfertigung