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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-04-15 · 4 (15.4.1927) · p. Seite 117

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
4 (15.4.1927)
Article
Stimmen der Einsicht [Rezension]
Date
1927-04-15
Page
Seite 117 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Bayerisch« Israelitische Gemeindezeitung 117 Mann, Leo Weismantel, Willi Geiger, Paul Renner und Walter Courvoisier gehalten worden sind. Thomas Mann, der schon in dem Roman „Der Zauberberg" einen antisemitischen Typ, wenn auch nur kurz, so doch treffend und vernichtend geschildert hat und dessen hohe Wertschätzung jüdischer Ethik wir in einer Besprechung des Keyserlingschen Ehebuches bereits zu erwähnen Gelegenheit hatten, spricht es aus, daß er und seine Gesinnungsfreunde es mit Kummer sehen, daß Münchens gesundes und heiteres Blut durch „antisemitischen Rationalismus" vergiftet worden ist und ironisiert die Sucht, überall jüdische Einflüsse zu. wittern, sehr witzig in folgenden Worten: „Leider ist es beinahe an dem, daß, wer in Deutschland Spuren von Gescheitheit an den Tag legt, sogleich für einen Juden gehalten wird und damit dann also erledigt ist." Ein Zeugnis gleich freien und unabhängigen Geistes ist die im Verlage von Max Huber, München, erschienene Broschüre „Politik und Geistesleben" (Sammlung Münchener Universitäts-Reden), welche die von dem derzeitigen Rektor der Münchener Universität, Geheimrat Voßler, anläßlich der Reichsgründungsfeier gehaltene Rede und drei bei anderen Anlässen gehaltene Ansprachen wiedergibt. In der ersten Rede tritt Boßler für die Erziehung zum selbständigen, kritischen und wahrhaften Denken ein. In einer Rede anläßlich der Immatrikulation verteidigt er die Gleichheit, die jedem Angehörigen der Universität zustehe: „wer unter uns diese Gleichheit zerstört und sich besser oder auch etwa schlechter dünkt als sein Kommilitone oder Kollege, ist ein Philister" und ferner: „de>n Geist der Brüderlichkeit zu üben ist schließlich jedem, der sich den Wissenschaften widmet, unumgänglich.um es negativ zu sagen in dem Sinne, daß der Haß den Geist verschließt und das wissenschaftliche Verstehen und Begreifen unmöglich macht." Von besonderem lokalen Interesse ist seine Ansprache, an die im Korporationsausschuß vereinigten studentischen Verbindungen, die bekanntlich die jüdischen Korporationen von der Teilnahme an den Festakten ausgeschlossen haben. Besonders in dieser Ansprache findet Geheimrat Voßler scharfe Worte gegen den völkischen Rassenwahn: „Sie werden nun einwenden, meine Herren, daß trotz alledem der Jude ein Fremder sei für den Deutschen: fremde Rasse, fremdes Volk. Von der Rasse lassen Sie mich schweigen, denn dies ist ein zoologisches, kein humanes Argument, und wer sich im menschlichen Tierreich zu bewegen wünscht, der mag immerhin sich vor den Juden verschließen, als vor einer Tiergattung, die seiner Tiergattung schädlich ist. Aber eine Universität ist keine, Menagerie." Die beiden erwähnten Broschüren verdienen ernstliche Beachtung. S. Prof. Dr.Ing. Alfred Grotte: Alte schlesische Judenfriedhöfe (Breslau und Dyherrnfurth). Mit Abbildungen. Monographien zu Denkmalpflege und Heimatschutz, I. Verlag Guido Hackebeil, A.-G., Berlin S 14, 1927. Quart. 42 S. M. 3.—. Der durch seine vorbildliche Veröffentlichung „Deutsche, böhmische und polnische Synagogentypen vom 11. bis Anfang des 19. Jahrhunderts" auf dem Spezialgebiete jüdischer Kunstdenkmäler hochverdiente Forscher hat in seiner Eigenschaft als Pfleger der Kunstdenkmäler Schlesiens ein neues wissenschaftliches Unternehmen „Monographien zu Denkmalpflege und Heimatschutz" begonnm mit einer Darstellung alter schlesischer Judenfriedhöfe. In kurzen geschichtlichen Hinweisen und eingehender künstlerischer Darstellung werden für die Judensiedelung Schlesiens bedeutsame Friedhöfe des 18. Jahrhunderts (Dyherrnfurth) bzw. des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts (Breslau) behandelt. Besonders wertvoll erscheinen zeichnerische Skizzen, doch wäre zu wünschen, daß die photographischen Wiedergaben nicht nur einen Stimmungseindruck erwecken, sondern durch detailliertere Aufnahme den Anforderungen dokumentarischer Treue und damit den Ansprüchen des Kunststudierenden mehr gerecht würden. Auch dem in dem engeren Heimatsbezirke weniger Bewanderten wird die Schrift viel Freude, bereiten. Denn das mit großem Verständnis zusammengestellte Material behält seinen vollen Wert als stilgeschichtliche Anregung bei und vermag in unserer Zeit, da wir der ärgsten Verwilderung auf dem Gebiete der Grabmalkunst glücklich entrinnen, als Zeugnis einer in sich geschlossenen Kunstperiode zur Besinnung aufzurufen. Es ist deshalb jedem Friedhofpfleger und dem bildenden Künstler wärmstens zu empfehlen. Daneben sollte es als Anschauungsmaterial in der Hand des jüdischen Lehrers nicht fehlen, damit die Heranwachsende Generation durch engere Fühlung mit unserer Vergangenheit einem erstarkenden jüdischen Leben verständnisvoll gegenüberstehen kann. Theo Harburger. Leben der Juden in Venedig im 18. Jahrhundert. Rach den Stichen von Rovelli. In dieser hervorragenden Kunstmappe, die im literarischen Institut für Kunst und Wissenschaft, Berlin-Charlottenburg, verlegt wird, sind wertvolle Stiche des bekannten venezianischen Malers und Kupferstechers Rovelli vereinigt, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts die religiösen Feierlichkeiten der Juden seiner Vaterstadt im Familien- und Gotteshaus getrm nach der Natur in besonderen Blättern gezeichnet und gestochen hat. Dargestellt sind die Beschneidung, die Hochzeit, das Begräbnis, die Aushebung der Thora, das Bild des Sederabends, das Laubhüttenfest. Bekanntlich haben die Juden von Venedig eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Dre meisten Besucher Venedigs sehen sich das Ghetto an, das 1805 durch Napoleon aufgehoben wurde. Wie heute noch das Ghetto vor allem durch feine prächtig ausgestatteten Synagogen ein Bild der hohen Kultur der Judenfchaft Venedigs liefert, so auch die künstlerisch wertvollen und menschlich anziehenden Stiche Novellis. Diese Kunstmappe, deren Erträgnis humanitären Zwecken zugeführt wird, sollte als Wahrzeichen alter Überlieferungen Eingang in jedes jüdische Haus finden. Sie ist in Ausstattung und Inhalt mit das beste, was in letzter Zeit auf diesem Gebiete erschienen ist. S. Vereine Landesverband der Jüdischen Jugendvereine Bayerns Am Sonntag, dem 27. März wurde in Nürnberg der Landesverband der neutralen Jüdischen Jugendvereine Bayerns wieder neu gegründet. Aus den Städten Bamberg, Bayreuth, München, Nürnberg, Regensburg, Würzburg u. a. waren Vertreter der Jugendvereine anwesend. Der Verband ist dem Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands, Sitz Düsseldorf, angeschlossen. Zum 1. Vorsitzenden wurde Herr Rabbiner Dr. Rülf (Bamberg) gewählt. Ne. Jüdischer Jugendverein München Am Donnerstag, dem 10. März, sprach Herr Syndikus Dr. L. Freund, an einem Abend des Jüdischen Jugendvereins München über die Zukunft beir deutschen Juden. Er zeigte die schwache Beweiskraft von Spenglers Ansichten über das Judentum in seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes" auf, ein Werk, dessen schematisierende Geschichtsbetrachtung an und für sich anfechtbar sei. Er zeigte auch, wie wenig die statistische Grundlage dazu berechtige, von dem unausbleiblichen Untergang der deutschen Juden zu sprechen, wie es Theilhaber in seinem bekannten warnenden Buche tut. Er führte dagegen in eindringlicher und klarer Weise die wesentlichen Triebkräfte vor, die die Zukunft einer Menschengruppe, insbesondere der deutschen Juden, bestimmen. Diese wären viel weniger abzählbarer, mechanistischer, sondern psychologischer, transzentendaler Natur. Für die deutschen Juden seien insbesondere zwei Dinge entscheidend, die eng Zusammenhängen. Dies ist der Wille zur Erhaltung jüdischer Eigenart im deutschen Kulturleben und die Führerfrage. Solange es noch Führer wie Leo Baeck, Max Brod, Martin Buber, Hermann Cohen, Franz Rosenzweig gibt und eine Jugend, die sich an diese Führer hält, so lange ist die Zukunft der deutschen Juden gesichert. Der Vortrag wurde mit großer Begeisterung ausgenommen und ergab eine hochstehende und anregende Diskussion. Herrn Dr. Freund gebührt voller Dank für die Wärme, mit der er die Jugend in wichtigen Fragen beraten hat Zum 18. März hatte der Jüdische Jugendverein München in den „Steinicke-Saal" zu seiner Purim-Feier eingeladen. Einleitend versuchte sich die „S p i e l g r u p p e" an einer Deklamation des unvergänglichen Schillerschen Hymnus „An die Freude." Es war zugleich die am wenigsten vollendetste, aber auch ernsthafteste Leistung des Abends. Also ein ernster Versuch. Eines vor allem störte: Spiel und Mimik. Man wußte nicht: Soll die Sprache oder das Spiel wirken? Die Leistungen von Fräulein .F. Camnitzer und Herrn L. Knoblauch wären mit Beschränkung auf das Stimmliche eindrucksvoller gewesen. Es folgte die Festrede des Herrn Rabbiner Dr. Baerwald, der den Zuhhörern den hohen künstlerischen Wert des Buches „Esther" vergegenwärtigte, und es erschien wie eine Bestätigung seiner Ausführungen, als Herr Ernst

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