Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1927
- Issue
- 4 (15.4.1927)
- Article
- Welche Forderungen stellen wir an den jüdischen Geschichtsunterricht und seine Lehrmittel?
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
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Möllingen kies NraMchm Lehrervmins für Sapem Schriftleitung: M. Rosenfeld, München 1927 München, 15. April Nr. 4 welche §orderungen stellen wir an den j irdischen Geschichtsunterricht und seine Lehrmittel? Referat von Dr. Hammelburger (Würzburg), erstattet aus der 45. Mitgliederversammlung in Würzburg. Die Frage des Übersetzungs- oder auch des hebräischen Sprachunterrichts, die heute im Anschluß an das von Kollegen Hirnheimer im vorigen Jahre erstattete Referat sicherlich eine lebhafte Diskussion Hervorrufen wird, war schon wiederholt Gegenstand eingehender Erörterungen auf unseren Versammlungen. Das ist bei dem Thema, über das ich heute zu sprechen die Ehre habe, nicht der Fall. Soweit ich unterrichtet bin, befassen wir uns heute zum ersten Male mit dieser Materie. Die Gründe für diese scheinbar etwas stiefmütterliche Behandlung der jüdischen Geschichte liegen klar zutage. Die jüdische Geschichtsschreibung ist als ein Kind des vorigen Jahrhunderts eine verhältnismäßig junge Wissenschaft und die jüdische Geschichte infolgedessen noch nicht sehr lange eine Disziplin des Religionsunterrichts. Außerdem ist die im Rahmen der Schule uns zur Verfügung stehende Zeit so gering, daß sie von der Erfüllung anderer wichtiger Unterrichtsausgaben absorbiert wird und die jüdische Geschichte schon aus diesem Grunde sehr oft nicht zu ihrem vollen Rechte kommen kann. Daß auch andere in der Natur des Gegenstandes selbst liegende Ursachen für die bisherige geringere Berücksichtigung vorhanden sind, werden die folgenden Ausführungen noch ergeben. Jedenfalls darf ich Sie schon auf Grund dieser Feststellungen bitten, nicht etwa von mir zu erwarten, daß ich Ihnen heute eine, sich in Details ergehende Methodik des jüdischen Geschichtsunterrichtes biete. Ich habe es mir vielmehr schon in Anbetracht unserer sehr reichhaltigen Tagesordnung zur Aufgabe gemacht, ohne mich sklavisch an das Thema zu halten, einige Grundprobleme in Kürze zu erörtern, an denen wir im Interesse einer fruchtbringenden Gestaltung des Unterrichts nicht achtlos vorübergehen dürfen. Über die Wichtigkeit geschichtlicher Belehrung sind wir uns wohl alle einig. Die Thora und unser gesamtes Schrifttum lassen uns darüber nicht im Zweifel: iabivm :n:n aus Sxa* -rrn nnnr i:u "nry nw' -na; „Gedenke der Tage der Vorzeit, dringe mit Verständnis ein in die Erscheinung des Kommens und Gehens der Geschlechter, frage Deinen Vater, damit er dies künde, Deine Alten, sie werden Dir es sagen!" Aber auch das hier einschlägige schöne Wort des Psalmisten möchte ich nicht unausgesprochen lassen: „Was wir gehört und erkannt, was unsere Väter' uns erzählen, das wollen wir ihren Söhnen nicht vorenthalten, wollen erzählen die Ruhmestaten des Ewigen und seine Wunder, die er geübt... damit sie nicht vergessen Gottes Taten und seine Gebote wahren." Die Zweiteilung des Inhalts unserer Thora in Geschichte und Gesetz, sowie die Verpflichtung, unsere Jugend in beiden zu unterweisen, ist in diesem Satz klar zum Ausdruck gebracht. Ein großer Teil unserer Gesetze ist symbolisierte Geschichte, wie anderseits Geschichte Verwirklichung und Auswirkung des Gesetzes ist. Beide bilden ein in sich geschlossenes, unzertrennbares Ganze, das eine ist ohne das andere undenkbar und unverständlich, beides also für die Erziehung und Belehrung unseres Heranwachsenden Geschlechtes von gleicher Bedeutung. — Für die Bildung einer jüdischen Lebensanschauung ist geschichtliche Erkenntnis von integrierender Wichtigkeit. Die jüdische Persönlichkeit, wie wir sie uns als das Idealbild unserer Erziehungsarbeit denken, erschöpft sich nicht in einer gewissenhaften Beobachtung der Mizwos und in beir Verinnerlichung und Vergeistigung derselben. Sie muß auch durchdrungen sein von dem im Areans Gedanken wurzelnden Gefühl des Verbundenseins mit dem Klal. Erst dieses erzeugt den Willen und die Freude zur Mitarbeit an den Aufgaben der Gesamtheit. Es ist besonders vonnöten zu unserer Zeit, in der Anzeichen dafür vorhanden zu sein scheinen, daß in der vor dem Kriege ziemlich indifferenten Masse der deutschen Judenheit etwas mehr Leben pulsiert. Alle Erscheinungen des religiösen und jüdisch-politischen Lebens der Gegenwart und die Fülle wichtiger Fragen, die heute auf den heranreifenden jüdischen Menschen hereinstürmen, und mit denen er sich auseinandersetzen muß, sind nur unter einem geschichtlichen Aspekt verständlich. Liberal und orthodox, Assimilation und Zionismus, Aguda und Achdus, Ost- und Westjudentum, der Antisemitismus in seinen verschiedenen Spielarten, die Frage des Aufbaues des heiligen Landes — das alles sind Dinge, die heute nicht nur einen beschränkten Kreis von Gebildeten angehen, sondern auch den schlichten, einfachen Mann, wenn er sein Judentum nicht in der Befolgung der Mizwos allein, ondern auch in einer lebhaften Anteilnahme an der Gemeinchaftsarbeit bekunden soll. Freilich — schon ein flüchtiger Blick in das Gebiet unseres Gegenstandes läßt uns die Schwierigkeiten erkennen, die sich seiner schulmäßigen Bearbeitung entgegenstellen. Als erste: die Fülle des Stoffes. Zwar umfaßt die biblische Geschichte keinen geringeren Zeitraum und es ist in ihm sicherlich nicht „weniger geschehen". Aber die historische Überlieferung der biblischen Geschichte liegt nach strenger Sichtung in spärlichem Umfange vor, während die Überlieferung der nachbiblischen Geschichte ungeheure Stofsmassen angehäuft hat, die sich durch weitere Forschung immer noch mehren. Dazu kommt noch der besondere Charakter der nachbiblischen Geschichte als einer Geschichte des Galuth — die sich nicht nur wie die Geschichte irgendeines anderen Volkes als ein Schnitt in vertikaler Richtung durch die Zeit, sondern auch als ein solcher in horizontaler Richtung durch die Kulturwelt in ihrer nahezu gesamten Ausdehnung darstellt, — also als eine Weltgeschichte des jüdischen Volkes, wie Simon Dubnow sein großes in 10 Bänden erscheinendes Werk betitelt. Jüdische Geschichte tritt uns aber auch in verschiedenen Formen, als Leidens-, Religions-, Literatur-. Wirtschafts- und Kulturgeschichte entgegen. Sie zeigt uns, wie das Judentum im Wechsel der Jahrhunderte sich mit den aufeinanderfolgenden Zeitströmungen auseinandergesetzt, sich teils mit ihnen verbunden, sie teils abgelehnt oder überwunden hat, läßt uns erkennen, welche Ausprägung und Gestaltung es für die praktische Durchführung seiner Lehren durch seine führenden Geister gefunden hat. Zur Erfassung aller dieser Zusammenhänge fehlen im schulpflichtigen Alter die notwendigen Einsichten: eine vielseitige geschichtliche, ja philosophische Bildung, persönliche Erfahrung, Beobachtung des Weltgetriebes und hierdurch ausgebildeter historischer Sinn. (Fortsetzung folgt.) Kirschners Dank. An den Bayerischen Israelitischen Lehrerverein, z. H. seines Vorsitzenden, Herrn Oberlehrer Dingselder. Sehr verehrter Herr Kollege! Der Bayerische Israelitische Lehrerverein hat es sich nicht nehmen lassen, durch eine Deputation, bestehend aus seinem Vorsitzenden, Kollegen Dingfelder, seinem Schriftführer, Kollegen Rosenseld, und dem Vertreter der Kantorenkommission, Kollegen Müller, seine Glückwünsche zu meinem 70. Geburtstage mir zu übermitteln. Es waren für mich weihevolle, unvergeßliche Augenblicke, in denen die warmherzigen Worte unseres Vorsitzenden an mein Ohr schlugen, tief ins Herz mir drangen; in denen die Würdigung meines Wirkens und meiner Person aus den künstlerisch ausgeführten Adressen in deutscher und hebräischer Sprache verlesen wurden.. Wenn auch hierbei in meinem Innern eine leise Stimme sich vernehmen ließ: vnvnn ‘ua na?na:n »n:ap so blieb dennoch vorherrschend das Gefühl reiner Freude, ja, ich darf sagen, heiliger Beseligung über die mir zuteil gewordene Ehrung. Mit innigstem Danke für diese spontane Ovation erneuere ich mein Gelöbnis, auch fernerhin unserem Vereine die Treue wahren