Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1927
- Issue
- 2 (9.2.1927)
- Article
- Wege und Irrwege modernen pädagogischen Forschens
- Date
- 1927-02-09
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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4 Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Nr. 2 Moses Hofmann (Rochenburg), I. Kissinger (Frankenwinheim), Abraham Strauß (Ufsenheim) haben 7X7 Jahre in einer Gemeinde als Lehrer in der Schule, als Vorbeter im Gotteshaus, als Berater in ihren Gemeinden gewirkt. Hofmann und Strauß find die ersten Lehrer in neugegründeten Gemeinden gewesen, sie haben die Einrichtungen des Kultus und der Schule erst schaffen müssen. Ihres Wirkens und Schaffens Geschichte ist die Geschichte ihrer Gemeinden. In solchen kleinen Gemeinden 50 Jahre auszuharren, dazu bedarf es einer seltenen Treue, großer Liebe zum Berufe — und einer Resignation, die manchen Undank und manche Verkennung hinnimmt. Unsere drei Jubilare haben als Jünglinge und Männer in einem Berufe gewirkt, der Hungerlohn und Rechtlosigkeit als Entschädigung bot für Pflichttreue — und erst in späteren Jahren sahen sie Ernten reifen, zu denen sie die Saaten hoffend gestreut. Auf 25jährige Tätigkeit in ihren Gemeinden konnten im vergangenen Jahre die Kollegen Bamberger (Kitzingen), Fränkel (Nürnberg) und Gutmann (Fürth) zurückblicken. Dankbare Gemeinden ehrten die Arbeitsjahre durch festliche Veranstaltungen. Zum 75. Geburtstag durften wir den Kollegen Hauptlehrer Eschwege (Frankfurt a. M.), zur Feier des 70. Geburtstages: Lautmann und Oberlehrer Rülf (Nürnberg) sowie Ehrmann (Friedberg), zum 60. Geburtstag: Stein (Regensburg) die Glückwünsche des Vereins aussprechen. Adler (Marktbreit) feierte die goldene, Meier (Themar) die Diamanthochzeit. Wir freuen uns, daß eine Reihe der Kollegen trotz der Jubeljahre in Vollkraft im Amte wirken; wir wünschen denen, die im Jubeljahre sich der wohlverdienten Ruhe erfreuen, noch viele gesunde Jahre das otium cnm ckiZnitate. Möge allen aber das Jahr ein Heimbringer sein, der an ihnen das Psalmwort erfüllt, mit dem wir den Sabbat grüßen: „Noch im Greisenalter ttagen sie Frucht, bleiben saftvoll und immerftisch, zu verkünden, daß gerade Gott ist, mein Fels, nicht an ihm ein Unrecht sei." Auch mehreren Freunden unseres Standes sandten wir unsere Glückwünsche: Herrn Rabbiner Dr. Stein und Kommerzienrat Joseph (Landau) zum 60., Herrn Kommerzienrat Bechmann und Herrn Geheimrat Dr. Frankenburger zum 70. Gebuttstag, dem Präsidenten des Verbandes, Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer zum 30jährigen Richterjubiläum. Ein Jahr bringt in einer so weitverzweigten Familie nicht nur Sonnen- und Freudentage, auch Stunden der Trauer. Wir verzeichnen auf der Liste derer, die aus unserer Mitte genommen wurden: Hauptlehrer Meier Adler (Nürnberg), und Lehrer Moses Weigersheimer (Schweinfurt); die tteue Lebensgefährtin und stille Mitarbeiterin unseres lieben Ehrenpräsidenten Goldstein, ferner Frau Blumenthal (Hofheim), Frau Wechsler (Aschbach), Frau Neuburger (Lengnau). Wir ttauern mit den Hinterbliebenen, und unser brüderliches Mitsühlen möge ihnen tröstend zur Seite stehen. Weihen wir den Toten ein stilles Gedenken! III. Nach dem Blick in die Vergangenheit kehren wir zurück zu den Gegenwartsausgaben, aus denen sich die Zukunft für uns und unsere Tätigkeit in Gotteshaus, Schule und Gemeinde aufbaut. Wir dürfen nicht ermüdend stille stehen, wollen wir die Vollendung „Soziale Aufgaben des Lehrerverbandes", ist das Thema, über welches ich am Schluß einen Überblick geben will. Das Recht öffentlicher Beamten legt uns Pflichten auf, wir dienen nicht egoistisch dem Stand, wir sind Diener der Öffentlichkeit und der Gemeinschaft, d. h. der Gemeinde, des Verbandes, des Judentums, nicht zu vergessen des Staates. Diese Pflicht fordert Mitarbeit in unserem engen Kreise, Mitarbeit in der Gemeinde und im Verband, Mitarbeit an allen Bestrebungen der Allgemeinheit, soweit sie das Gebiet der Erziehung und der kultuellen und kulturellen Aufgaben des Judentums berührt. Die Arbeit muß im eigenen Hause, im eigenen Berusskreise beginnen. Unsere Liste der Jubilare und. ein Blick in unsere Mitgliederliste beweist, daß eine große Anzahl von Lehrern und Lehrerkantoren in einem Alter, das zur Ruhe mahnt, noch rüstig im Amte schaffen. Aber unsere Alten haben jetzt nicht bloß das Recht, sich an der Wende des 70. Lebensjahres die Ruhe zu gönnen, sondern Dank der Fürsorge des Gemeinde-, und des Versorgungsverbandes auch die Sicherung einer Altersversorgung. Der Beamte in der Kleingemeinde muß nicht mehr in den Sielen sterben. Für die Gemeinden aber und für den Verband der Gemeinden ergibt sich aus dem Scheiden der alten, verdienten Beamten die Sorge um Nachfolger; denn der Altersaufbau ergibt bei 141 aktiven, im bayerischen Gemeindedienst tätigen Beamten ein Lebensalter von: 6 Beamte 20—30 Jahren, 22 Beamte 31—40 Jahren, 34 Beamte 41—50 Jahren, 44 Beamte 51—60 Jahren, 29 Beamte 61—70 Jahren, 7 Beamte über 70 Jahren, eine Überalterung in den Reihen der Beamten und es wird noch Jahre dauern, bis wir Ersatz aus unserem Seminar in genügender Stärke haben. Unser Nachwuchs hat Rechte, um den wir Jahrzehnte gekämpft, er hat auch Pflichten, die die ältere Generation trotz aller Not willig trug. Die erste Pflicht, die dem jungen Lehrergeschlecht obliegt, ist eine tüchtige Vorbildung und Fortbildung für ihre Aufgaben in Schule und Gotteshaus. Wir haben keine Forderung bei den Beratungen um die Beamtenordnung mit gleichem Nachdruck vertreten und gegen alle mit Zweckmäßigkeitsgründen verteidigten Anträge, die das Bildungsniveau der Lehrer und Kantoren herabschrauben wollten, so gekämpft, wie in der Vorbildungsfrage. So wurde denn im § 3 der BO. die Bestimmung ausgenommen: „Als Religionslehrer kann nur angestellt werden, wer die Abschlußprüfung an einem staatlich anerkannten israelitischen Lehrerseminar oder, einer staatlichen Lehrerbildungsanstalt einschließlich der Prüfung in den Religionsfächern nachweist." (Fortsetzung folgt) Samuel fldler s. fl. Am 8. Tag Chanukkah wurde Lehrer Samuel Adler von Laudenbach zur letzten Ruhe gebettet. Lehrer Adler war der Welt, auch der Lehrerwelt, eine unbekannte Größe; er war indes wirklich eine Größe, eine überragende Größe an Wissen, an Einfachheit, an Demut. Miltenberg und Lendershausen waren seine ersten Schulstellen. Es war in der Zeit des Deutsch-französischen Krieges. Der Dienst als Religionslehrer befriedigte ihn nicht. Seine Befähigung, die leichte Fassungskraft, das wunderbare Gedächtnis, das ihm bis zum Grabe treu blieb, drängten ihn zu weiteren Studien. Musik, Literatur und Sprachen waren seine Lieblingsfächer. Er bezog die Universitäten München und Berlin, studierte dann in Paris und London und übernahm nach einem vorzüglichen Examen ein Lehramt für Deutsch, Englisch und Französisch an einer staatlichen Mittelschule. Das war die erste Stufe seines äußeren Aufstiegs — und leider auch seine letzte. Sein Leben wurde zur Tragödie. Bei einem Festgelage unterhielt er sich wohlgemut und freundschaftlich mit Bekannten. An einem entfernten Tisch entsteht ein lauter Diskurs. Von dort her wurde ein Bierkrug als Waffe geschleudert und ttaf den ahnungslosen, ganz unbeteiligten.Samuel Adler. Ein Auge verlor er ganz, das andere war schwer beschädigt und der Sehkraft fast ganz beraubt. Adler zog sich buchstäblich ins Dunkle zurück. Aber niemals kam eine Klage über seine Lippen. Im Gegenteil. Er wurde ein Verehrer und Verkünder der Armut. Im Jahre 1901 erschien von ihm ein Bändchen Gedichte: „Denken und Dichten". Er singt darin: Viele gibt es in'dem Land, Die über Armut klagen, Ich Hab als Wohltat sie erkannt, Muß offen das hier sagen.