Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 2 (9.2.1927)
- Article
- Religion
- Date
- 1927-02-09
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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30 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 Religiös sein, heißt glauben, daß die Welt einen Sinn hat. Nicht, daß die Welt glücklich, oder daß sie die beste aller Welten sei, nur daß sie einen Sinn hat. Allerdings, zu glauben, daß die Welt einen Sinn hat, macht glücklich. In tiefster Not und Hoffnungslosigkeit ein überwältigender Gedanke: Wenn die Welt einen Sinn hätte?! Wie, wenn unsere Bemühungen, unsere Arbeit, unser Kampf nicht aussichtslos wäre, bloß weil die Ereignisse anders liefen als unsere Berechnungen?! Wenn wir nicht allein stünden, wenn es einen Gott gäbe?! So kann uns kein wohlgesetztes Religionsbuch zum Religiösen führen, wie die Verzweiflung, die neue Blüten der Hoffnung reifen läßt. So kann keine Zeit zum Glauben hin den Weg finden, wie die, die den Wahnsinn der Sinnlosigkeit und der Verzweiflung gekostet hat. Die Welt kann nicht ohne Glauben sein, weil sie nicht ohne Hoffnung sein kann. Man mag vielleicht ungestraft die Wissenschaft, niemals aber den Glauben verachten. Die Wissenschaft vermag uns zu sagen, was war, sie vermag die Abläufe von Kausalketten festzuhalten, so daß wir in den Stand gesetzt werden, solche Kausalketten wieder abrollen zu lassen, und, so scheint es, Richtlinien für die Zukunft zu haben. Aber zu wissen, was war — und letzten Endes ist Wissenschaft nur Kenntnis vom Vergangenen — genügt nicht zu wissen, was sein wird. Keine Erfahrungswissenschaft überbrückt je die Kluft zwischen dem, was war und dem, was sein wird. Wenn Wissenschaft bloß Wissenschaft bleibt, wird sie nichts als eine ermüdende Folge von Wiederholungen sein. Aller Fortschritt, alle Neuentdeckungengen auch auf dem Gebiete der Wissenschaft entspringen nicht der Wissenschaft als Kenntnis von Gewesenem, sondern dem Glauben an die Wissenschaft, dem Glauben an einen Fortschritt, also dem Göttlichen in uns. Die Wissenschaft entnimmt ihre stärkste Kraft nicht ihren Erkenntnissen, sondern der göttlichen Regung der Hoffnung. Der Jüngling greift zu großer Tat, nicht weil er feftgestellt hat, daß er sie vollbringt, sondern weil er an sich glaubt. Die Kraft zum Handeln erwächst nicht unserem Wissen um unsere Kraft, sondern dem Glauben an unsere Kraft. Die Welt erhält sich nicht, weil sie von ihrem Fortbestand weiß, sondern weil sie an sich glaubt. „Keine „Wissenschaft" ist legitimiert zu sagenwas mit der Welt geschieht, auch nicht dazu, ihren Untergang vorauszusagen. Denn hier gilt allen Ernstes jener satirische Vers Morgensterns, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf!" Wichtiger als zu wissen, was war, ist es zu wissen, wohin es geht, zu wissen, was unser Ziel ist. Wir müssen die Gewißheit haben, daß wir auf dem rechten Wege sind, denn diesen Weg müssen wir vorwärts gehen und können nicht zurück. Alle Schwierigkeiten und Gefahren berührten uns nicht, wenn wir wissen, daß wir auf dem rechten Wege sind. Und der richtige Weg führt zum Ende an das richtige Ziel. Nur der, der überzeugt ist, auf dem rechten Weg zu sein, ist den Anstrengungen des Weges gewachsen, nur er kann das rechte Verhältnis zu den einzelnen Etappen des Weges finden, eben vom Ziel aus gesehen. Mißerfolg ist nur dann Mißerfolg, wenn er das Ende der Bemühungen darstellt, nicht wenn er bloß eine Etappe ist auf dem Wege zum Ziel. Tod ist nur dann Tod, wenn er das Ende alles Lebens darftellt. Der Religiöse sieht über die Enge des Gegenwärtigen hinaus, darum hat der Augenblick keine Gewalt über ihn, weil sein Blick auf das Ziel gerichtet ist. Das Ziel ist wie ein Blinklicht in der Nacht! In dem Sich-Einfügen in die Bewegung besteht die Erlösung. Wer sich nicht der Bewegung zum Ziel einordnet, muß überall anstoßen. Wer sich als Mittelpunkt des Weltgeschehens auffaßt, darf sich nicht wundern, überall Widerstände zu finden. Denn er ist nun einmal nicht der Mittelpunkt, und die Welt bewegt sich nicht in Richtung auf ihn. Für den, der sich in das Weltgeschehen einordnet, gibt es k^eine Sinnlosigkeit. Mag er sein Werk nicht zu Ende führen, er ist gewiß, daß es weitergeführt wird. Mag er im Kampfe fallen, so sinkt darum die Fahne nicht, weil sie der Nächste hochhält. Um das eigeneFähnchen kümmert sich kein ariderer, aber die allgemeine Fahne bleibt. Begreifen, daß man in einer Bewegung ist, und in der Bewegung milmachen, heißt den Sinn der Welt erfassen. Hier löst sich der Zwiespalt von Egoismus und Altruismus zu höherer Einheit, wenn die allgemeine Sache die eigene und die eigene Sache die allgemeine Sache ist. Hier schöpfen wir die tiefe Hoffnung, die wir brauchen. Auf dem richtigen Weg sein, heißt zum richtigen Ziel gelangen. Wie immer die Welt um unö herum gestaltet sein möge, an der Wahrheit dieses Satzes kann uns nichts irre machen. Wir geben diesen Glauben nicht auf, weil wir uns damit selbst aufgeben würden, aber indem wir diesen Glauben Hochhalten, wissen wir, daß wir nicht auf unsere schwache Kraft allein gestellt sind. Die große Harmonie, die wir in der Welt ahnen und von ihr wünschen, wir wissen, daß sie nicht eine müßige Spielerei unserer Gedanken, sondern eine tiefe Notwendigkeit ist. Aller Schmerz und alle Verzweiflung, daß Unsinn und Destruktion so häufig die Oberhand zu gewinnen scheint, kann uns unsere Zuversicht nicht rauben, daß es so nicht sein soll und nicht sein darf. Daß unser Trotz, unsere Empörung und unser erbitterter Widerstand nicht Eigensinn, nicht selbstische Uberhebung bedeuten, sondern daß wir, indem wir für die Harmonie der Dinge bis aufs letzte kämpfen, indem wir mit allen Kräften an der, wenn auch noch so harten Gestaltung der Dinge Mitarbeiten, im Sinne jenes höheren Willens handeln, von dem wir eine Ahnung haben. Die Gewißheit, auf dem richtigen Weg zu sein, der Glaube an ein Ziel, die Überzeugung von der inneren Harmonie der Dinge verändern unsere Stellung zur Welt. Die Umgebung verliert die feindselige Note, die sie für unö haben muß, solange wir ihr isoliert gegenüberftehen. Wir fühlen uns ihr verwandt, befteundet, verbunden. Aus der Haltung besorgter Verteidigung und ängstlicher Abwehr wachsen wir zur Freude an der Welt und zur Liebe zu der Welt. Indem unsere Kräfte von der Abwehr entlastet sind, werden sie frei zur Liebe. Unser Bedürfnis an Macht wird geringer, denn in hohem Maße brauchen wir sie zur Abwehr. Unsere Mutlosigkeit, unser Fatalismus wandeln sich in Aktivität. Neue Zuversicht gibt neue Kraft. Wir brauchen diese Kraft, um die Dinge zu gestalten, um zu leben im Sinne der Worte des Buches Kohelet: „Alles, was deine Hand mit deiner Kraft zu tun vermag, das tu!" Verwendet öle lelegramm-Lrsatz-lformulare Des Wselilischen ftauen-Vereins (e. 10.) von 1830!