Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-01-07 · 1 (7.1.1927) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
1 (7.1.1927)
Article
Tagung des Bundes gesetzestreuer israelitischer Gemeinden Bayerns
Date
1927-01-07
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2727836-2727838-2730646--01621-2730749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 schastskrise für diese nicht in dem Maße arbeiten können, wie es von vornherein feine Absicht gewesen ist. Mit größter Wärme trat die Versammlung dafür ein, trotz Ungunst der gegenwärtigen Lage zu versuchen, durch Anstellung eines Sekretärs, durch Organisierung von Vorträgen und Schiurim, von weiteren und öfteren Zusammenkünsten nach Art der bisherigen Bundestage, durch Presse und Wanderbücherei und andere Mittel das jüdische Leben in den Landgemeinden neu zu entfachen. Es ist nun Aufgabe des Vorstandes, die Durchführung dieser Anregungen nach Möglichkeit auszubauen. Die Neuwahl des Vorstandes wurde um ein Jahr verschoben. Die Generalversammlung hat in allen Teilnehmern das Bewußtsein erneuert, daß der Bund gesetzestreuer Israelitischer Gemeinden Bayerns für das gesetzestreue Judentum schon viel Segen gestiftet hat und mit Eotteshilfe in der Zukunft das noch in erhöhtem Maße tun wird. Mit größter Mißbilligung wurde indessen von der Generalversammlung die abfällige Kritik zurückgewiesen, die über den Bund im vergangenen Jahre in der Presse erschienen ist, um so mehr als der Verfasser des Artikels es nicht für nötig findet, bei den Versammlungen des Bundes zu erscheinen und sich über dessen Arbeit zu orientieren. An der gemeinsamen Mittagstafel gab es zum Nachtisch köstliche Thoraworte von den Herren Distriktsrabbinern Dr. H a n o v e r , Dr. Munk und Dr. Sie i n. Nachmittags fand im Saale des Hotels „Goldner Zirkel" der Bundestag statt. Der weite Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach einer begeisternden Eröffnung durch den Vorsitzenden, Herrn Distriktsrabbiner Dr Stein (Schweinfurt), ergriff der jugendliche Ortsrabbiner Dr. Munk das Wort zu seinem Referate: „Grundfragen der Religionsphilosophie". In meisterhafter Weise verstand er es unter dauernder Vergleichung und Verknüpfung mit Worten der Thora die Entwicklung der Philosophie in der neuesten Zeit klarzulegen. Er schilderte insbesondere, wie die, moderne phänomenologische Richtung der Philosophie und die psychologische Methode der Betrachtung des Religiösen auch aus die jüdischen Kreise einwirken. Sie haben zwar einen Vorteil im Gefolge, daß mehr auf das Wesen der Dinge selbst geachtet wird, als wie bisher auf die Entwicklung und Geschichte, aber sie führen zur Überschätzung des Erlebnisses als Quellei des Religiösen, zur religiösen Passivität und halten das Gottesbewußtsein im Menschen für wichtiger als die Erkenntnis einer objektiv vorhandenen Gottheit. Demgegenüber skizziert der Redner, immer an der Hand der jüdischen Quellen die jüdische Weltanschauung, die auf religiöse Erkenntnis und religiöse Tat das Schwergewicht legt, einem jeden Menschen die Aufgabe stellt, sich aktiv zu einem Ebenbilde Gottes umzugestalten und die Anerkennung des Lebendigen existierenden -Gottes — El chai wekajom — als oberste Forderung aufstellt. — Die Anwesenden folgten diesen hochstehenden und doch überaus klaren Ausführungen mit größter Spannung und dankten mit herzlichem Beifall. Im 2. Referate legte Rabbiner Dr. Klein (Nürnberg) eingehend klar, wieso Radio, Grammophon, Telephon am Schabbos verboten find. Insbesondere beim Telephon wies er unter genauer Darlegung des physikalischen Vorgangs nach, daß seine Benützung in keiner Weise gestattet werden kann, auch nicht das Sprechen, wenn der Hörer bereits ausgehängt ist, das manche Laien irrtümlicherweise für gestattet halten. Obwohl der Stoff des Referates an und für sich nüchterner Natur ist und Redner es nicht versäumte, die halachischen Quellen zu seinen Ausführungen anzugeben, gelang es dem Redner doch durch die lebendige Art feines Vortrages und Einstreuung geistvolle^ Thoraworte, die Zuhörer bis zum Ende zu fesseln. Insbesondere verstand er es den tiefen Sinn der strengen Sabbatheiligung in begeisternden Worten darzulegen. Mit einer herrlichen Auslegung von Psalmworten schloß Distrikts-Rabbiner Dr. Stein den Bundestag, der allen Teilnehmern ein jüdisches Erlebnis geworden ist. Ein Arkeil ln der Schachifrage oder „Völkische Phantasiebilder" Gelnhausen. Der Schlachthosverwalter Lindemann aus Gelnhausen hatte vor einigen Monaten in einem Brief an den „Reichsverband praktischer Tierärzte" behauptet, daß „ein von dem Metzgermeister Reis, daselbst zum Schächten gefesselt niedergelegtes Jungrind nach dem von dem Lehrer Marx der israelitischen Gemeinde Gelnhausen vorgenommenen Schächtschnitt 3 Minuten lang ausgiebig blutete, plötzlich zum Enffetzen aller Anwesenden seine Fesseln zerriß, sich erhob, in den Schweineschlachtraum lies, wo es einen Ausgang vermutete, dann kehrt machte und in normalem Schritt auf die Ausgangstür zuging, bis es dem Metzgermeister Reis gelang, durch starkes Ziehen am Schwänze das Tier zu Fall zu bringen." Diese Behauptung, die in esnem Aufsatz des Präsidenten des Reichsverbandes praktischer Tierärzte über die Schächtfrage in der „Münchner Neuesten Nachrichten" erschien und dann in den sämtlichen tierärztlichen Fachzeitschriften die Runde durch ganz Deutschland machte, veranlahte Marx und Reih zu einer Berichtigung, und da der Schlachthosverwalter Lindemann an der Richtigkeit seiner Schilderung festhielt, zu einer öffentlichen Erklärung im „Gelnhauser Tagblatt", in der die Behauptung als bewußte Verleumdung bezeichnet wurde. Auf Antrag Lindemanns erhob die Staatsanwalffchaft in Hanau gegen Marx und Reis Klage wegen Verleumdung, der er sich als Nebenkläger anschloß. In der Verhandlung vor dem großen Schöffengericht Hanau bestritten die Angeklagten aufs energischste die Richtigkeit und Möglichkeit des geschilderten Vorfalls. Der Nebenkläger Lindemann, der auf Befragen zugeben mußte, daß er sich völkisch betätige, versuchte zwar in allen Einzelheiten seine ursprüngliche Schilderung aufrechtzuerhalten, das Gericht schenkte ihm aber trotz seiner Beeidigung nach dem Gang der Verhandlung keinen Glauben und sprach die Angeklagten aus Kosten der Staatskasse und des Nebenklägers frei. In der Urteilsbegründung wies der Vorsitzende besonders darauf hin, daß es auffallen müsse, daß der Nebenkläger keine weiteren Zeugen beibringen könne, obwohl er vom „Entsetzen aller Anwesenden" gesprochen habe, und daß es auch nicht gut denkbar fei, daß bei dem so außergewöhnlichen Vorfall, wenn er sich wirklich ereignet hätte, die im Schlachthof anwesenden Metzger untätig zugesehen und den Vorfall selbst nicht besprochen hätten, zumal Lindemann unter Eid zugeben muhte,, daß sich in seiner 17jährigen Tätigkeit in Gelnhausen noch nie etwas Ähnliches zugetragen habe. Das Urteil bedeutet eine glänzende Rechtfertigung für die Angeklagten Marx und Reis, die in ihrer Verteidigung von dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wirksam unterstützt worden waren. Nürnberg. Ein ganz hervorragender Wohltäter und Wohlsahrtsorganisator, Herr Adolf Schwarz, wurde, am 29. November 1926 von einer großen Menge von Trauergästen aus allen Konfessionen zur letzten Ruhe geleitet. Der Verlebte hatte nicht nur hier in Nürnberg, sondern in ganz Deutschland sich einen großartigen Namen gemacht durch seine Gebefreudigkeit und durch seine nimmermüde Schaffenskraft. Er war Mitbegründer und langjähriger Vorstand der Kinderheilstätte in Kissingen, deren Aufblühen zum großen Teil seiner Rührigkeit zu verdanken ist. Er hat ferner in Forth bei Nürnberg ein Kindererholungsheim geschaffen und hat in dem Lazarus und Berta Schwarzschen Altersheim als Kurator eine f^ensreiche Tätigkeit entfaltet. Adolf Schwarz hat in Verbindung mit der Kinderheilstätte in Kissingen am gleichen Platze für im Erwerb stehende Mädchen und Frauen Gelegenheit zu einer Erholungs- und Badereise geschaffen. Auch im Dienste der Stadt, wie in außerjüdischen Organisationen war Adolf Schwarz lange Jahre tätig und als städtischer Waisenrat, wie als Vorstandsmitglied des kaufmännischen Vereins „Merkur" viel geleistet und großes Ansehen genossen. Sein Hauptlebenswerk galt der israelitischen Kinderheilstätte Kissingen, für welche Anstalt er tatsächlich bis zu seinem Lebensende von früh bis spät arbeitete, und für welche er stets neue Freunde zu gewinnen verstand. Er konnte auch die hohe Befriedigung ernten, daß in dieser Anstalt mehr als 1000 Kindern Erholung, Gesundheit und neue Kraft gespendet wurde. Bei der Einsegnungsfeier gedachte Herr Rabbiner Dr. Freudenthal in beredter Weife der großen Verdienste, die sich der Verstorbene um die Nürnberger Gemeinde und um die vielen sürsorgebedürstigen Menschen erworben hat, denen er sein gutes Herz und seine allzeit offene Hand widmete. Für die Maimonidas-Loge brachte Herr Expräsident Dr. med. Sommer, für die Kinderheilstätte Kissingen Herr Bankier Ottensoosser, für den kaufmännischen Verein „Merkur" Herr Amtsrichter Lipper die letzten Abschiedsgrüße. Das Andenken eines so edlen Menschen und großzügigen Wohltäters wie es Adolf Schwarz war, wird dauernd in der Nürnberger Gemeinde und darüber hinaus fortleben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.