Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Article
- Ein versunkener jüdischer Friedhof
- Date
- 1927-01-07
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 zaun errichtet werden, bis zu der Zeit, wo die Senkungen zum Stillstand kommen werden. Eine solche aber war in den letzten Jahren kaum zu erwarten, eher eine rapide Verschlimmerung, wenn nicht geradezu Katastrophe für den Friedhof. In schwerer Sorge für das Kommende trat der Kultusvorfteher Herr Leopold Prager in Sulzbach mit der Direktion der Marhütte neuerdings in Verbindung. Auch diese verschloß sich nicht der Erkenntnis bevorstehender Gefahr und erklärte sich in hochherziger Weise bereit, der Gemeinde an anderer Stelle einen neuen Friedhof mit neuem gutem Zugangsweg auf ihre Kosten zu erstellen. Die Gemeinde war vor schwere Entschließungen gestellt. Sollte sie den alten ehrwürdigen Totenacker seinem Schicksal überlasten oder sollte sie einen neuen eröffnen und gegebenenfalls gar die Toten aus ihrer Ruhe stören und ihre Gebeine ausgraben, um sie neu zu bestatten? Beides schwere Entschließungen für eine, zumal nur noch aus wenigen Familien bestehende Gemeinde. Diesem verhängnisvollen Dilemma wurde nun durch ein Ereignis in jüngster Zeit ein Ende gemacht, das, so verhängnisvoll es für den Erzbetrieb an dieser Stelle ist, für den Friedhof als Glücksfall bezeichnet werden kann. In den unter dem Friedhof befindlichen Stollen ist Waster eingebrochen. Der weitere Abbau desselben wurde daher eingestellt, wie die Direktion der Maxhütte mitteilt. Wenn nun auch noch voraussichtlich eine Zeitlang sich kleine Senkungen und Vodenverschiebungen zeigen können, so wird doch nach Verlauf von längstens 3 Jahren die Erdbewegung zum Stillstand gekommen sein und eine Konsolidierung des Oberflächenniveaus in Erscheinung treten. Dann kann auch wieder, mit Aussicht auf dauernden Erfolg, an die Ausbesserung der entstandenen Schäden und die Wiedererrichtung einer massiven Umfassungsmauer herangegangen werden. Sabbatpredigt zum »yochenabschnitt Schemot gehalten am 28. Dezember 1918 von Felix P e r l e s Mit d-em heute verlesenen Schristabschnitt beginnt nicht nur ein neues Kapitel der Gotteslehre, sondern auch ein neues Kapitel der Geschichte der Menschheit. DaS am vorigen Sabbat beendete erste Buch der Thora erzählte uns die Urgeschichte der Menschheit bis zur Sintflut und von da ab weiter die Geschichte Abrahams und seiner nächsten Nachkommen. Die Geschichte des einzelnen Individuums erweiterte sich allmählich zur Geschichte einer ganzen Familie, und im Rahmen dieser Familiengeschichte erhielten wir ein Bild von all den Leiden und Freuden, Sorgen und Hoffnungen, die das Menschenleben für jeden Sterblichen mehr oder weniger mit sich bringt. Was dieser Familiengeschichte ihren besonderen Reiz gibt, ist der Umstand, daß das Leben der Helden sich wirklich noch ganz innerhalb der Familie abspielt, daß die Familie für den einzelnen die Welt bedeutet. Diesen Hirten fehlt noch völlig der Begriff einer größeren umfassenden Gemeinschaft, mag sie nun Stamm, Volk oder Staat heißen. Alles Glück ist Familienglück, alle Konflikte sind Familienkonflikte, alle Interessen sind Familieninteressen, und aller Stolz ist Familienstolz. Erst Joseph war durch eine Verkettung merkwürdiger Umstände an den Hof des hochzivilisierten ägyptischen Reiches gekommen, hatte dort eine neue Form des Lebens kennen gelernt und sich so schnell hineingelebt, daß er, wie kein zweiter, die Interessen seines neuen Vaterlandes zu wahren verstand. Durch ihn kam dann auch wahrend der Hungersnot seine ganze Familie nach Ägypten und blieb dort dauernd wohnen. So weit geht der Bericht des ersten Buches Moses. Das zweite Buch, dessen Anfang wir heute gelesen haben, zeigt uns in einem einzigen Worte, was für ein großer Zeitraum seitdem verstrichen, welcher Wandel inzwischen vor sich gegangen sein muß; denn das kleine Häuflein von siebzig Seelen hatte sich seit dem Einzug ins Land derartig vermehrt, daß der König von Ägypten sie ein Volk nennen muß, ein Volk, 1 Die unmittelbar nach Beendigung des Weltkrieges gehaltene und bisher ungedruckte Predigt hat durch die Ereignisse der dazwischenliegenden Jahre eine erhöhte Aktualität erlangt. (Königsberg i. Pr./ vor dessen Größe er Angst hat': „Siehe das Volk der Kinder Israel ist größer und mächtiger als wir." Damit beginnt also die Geschichte des Volkes Israel, und in diesem Zusammenhang wird sein Name zum ersten Male genannt, daß seine Größe dem Herrscher des gewaltigen ägyptischen Reiches Sorge bereitet. War das etwa die Erfüllung der Verheißung, mit der einst Gott seinen Stammvater Abraham in die Welt hinausgeschickt hattet „ich will dich zu einem großen Volke machen"? Diese Verheißung hatte doch einen ganz anderen Sinn. Nicht durch äußere Größe, nicht durch Volkszahl und politische Machtentfaltung sollten Abrahams Nachkommen Geltung erlangen und zum Segen der Völker werden. Ruft doch Gott selbst seinem Volke zu* 3 4: „ihr seid das an Zahl kleinste unterallen Völkern." Die ihm verheißene Größe sollte vielmehr auf religiös-sittlichem und geistigem Gebiete liegen. Es sollte, wie es der Prophet ausdrückt°, „zu einem Lichte der Völker" werden und die reine Gotteserkenntnis bis ans Ende der Erde tragen. Von einer solchen Größe des Volkes Israel wußte und ahnte damals Pharao sicher nichts, ja das Volk selber wußte und ahnte wohl kaum etwas davon. Wodurch kam nun Pharao doch auf den Glauben, daß Israel ein großes Volk sei, das ihm noch einmal gefährlich werden könne und gegen das er sich daher rechtzeitig wehren müsse? Der Midrasch, der die Zeiten und Länder vertauscht, und so oft die Vergangenheit durch die Gegenwart oder die Gegenwart durch die Vergangenheit beleuchtet, er weiß auch eine Erklärung für diesen Glauben. Er knüpft sich an das Schriftwort an°: „Die Kinder Israel waren fruchtbar, wimmelten, vermehrten sich und wurden sehr, sehr zahlreich, so daß das ganze Land von ihnen voll w u r d e." Diese schein- - Exodus 1, 9. 3 Genesis 12, 2. 4 Deuteronomium 7,7. '' Jesajas 42, 6. 0 Exodus 1, 7.