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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-01-07 · 1 (7.1.1927) · p. Seite 2

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
1 (7.1.1927)
Article
Spinoza im Urteil seiner Zeitgenossen
Date
1927-01-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 Gegnern wie der leibhaftige Satan gehaßt und bespien wurde. Vor allem war es der 1670 anonym erschienene „Theologischpolitische Traktat", der die Gemüter aufs heftigste erregte. Einem Deutschen, dem Professor der Theologie M u s ä u s in Jena, blieb es Vorbehalten, also über ihn zu urteilen: „Obwohl der lichtscheue Verfasser nach Weise der Geschöpfe der Finsternis lieber verborgen bleiben als seinen Namen offen nennen wollte, drang es doch durch, daß es Benediktus Spinosa sei, seiner Abstammung nach ein Jude, aber wegen der Ungeheuerlichkeiten seiner Ansicht aus der Synagoge ausgeschlossen, ein Mensch, wie die Sache selber bezeugt, von schamloser Stirn, ein Fanatiker und bar jeder Religion." Nicht viel besser meint es Willem van Bliyenberg h, ein angesehener Bürger von Dordrecht: „Solange die Welt bestanden hat, ist noch kein heilloseres Buch erschienen." Albert B u r g h, ein Schüler von Spinoza, dann Franziskanermönch, schreibt am 11. September 1675 seinem ehemaligen Lehrer: „Denn Ihre ganze Philosophie, was ist sie anderes als eitel Täuschung und Chimäre?" Und dann höhnt er ihn: „Kommen Sie zu Verstand, Sie Philosoph, erkennen Sie Ihre weise Torheit und Ihre wahnwitzige Weisheit. Werden Sie aus einem Hochmütigen ein Demütiger und Sie werden geheilt sein_" Ioh. Chr. Sturm, Professor an der Nürnberger Universität Altdorf, nennt Spinoza sechs Wochen nach seinem Tod einen „elenden Wicht", der es nicht gewagt habe, seine fluchwürdigen Anschauungen unter die Leute zu bringen und noch am 23. September 1670 schreibt der berühmte Leibniz an ThomasiuS in Leipzig, den mutigen Vorkämpfer gegen Folter und Hexenprozesse: „Ich habe neulich das Leipziger Programm gelesen, worin Sie die unerträglich freche Schrift über die Freiheit des Philosophierens nach Verdienst behandeln." Christian K o r t h o l t, ein Kieler Theologe, bezeichnet in einer 1680 erschienenen Schrift: „De tribus impostoribus Magnis" Herbert von Cherbury, Thomas Hobbes und Spinoza als die drei großen Betrüger und widmet im besonderen Spinoza folgenden „Nachruf": „Benediktus Spinoza, den man richtiger Malediktus nennen sollte, denn die infolge des göttlichen Fluches dornige Erde hat nie einen verfluchteren Menschen getragen." So wirkte der Bann, den die jüdische Gemeinde in Amsterdam 1656 gegen den jungen Feuergeift geschleudert hatte °, noch lange über sein Grab hinaus. Zunächst sollte es dem toten Spinoza nicht besser ergehen als dem lebenden. Ein Schmähgedicht eines gewissen Joachim Oudaan aus dem Jahre 1683 endet mit folgenden Versen: Nun geht er dahin in Dunst und lärmendem Geräusche, Ausgelöscht und ausgebrannt wie ein Dornenfeuer, Wenn sein Liebesgenosse oder Lehrling noch etwas begehrte/ So möge er an dem Dornenftabe nagen, worauf er sich stützte und lehnte, Oder er krieche in das ewige Reich der Finsternis und schweige, Ehe ihm mit größerem Gestank der Unrat ins Angesicht steigt. 5 „Verflucht sei er am Tage und verflucht sei er bei Nacht; verflucht sei er, wenn er sich niederlegt und verflucht sei er, wenn er aufstehl; verflucht sei er bei seinem AuSgang und verflucht fei er bei seinem Eingang" heißt es im großen Bann, der am 27. Juli 1656 öffentlich bekanntgegeben wurde. Altkirch weist daraufhin, daß am Tage zuvor RembrandtS Bankrotterklärung vom Amsterdamer Magistrat verfügt worden war. 6 Spinoza wird hier „ebenso unverschämt als deutlich" (so D u n i n - Borkowski in seinem Buche „Der junge De Spinoza") öffentlich perverser Liebesneigungen beschuldigt. Schon zu seinen Lebzeiten hatten seine Feinde, um ihn verächtlich zu machen, solche erbärmlichen Gerüchte über ihn verbreitet. Und die Freunde? So wenig war ihnen die Bedeutung Spinozas als eines überragenden Denkers aufgegangen, daß sie, als sie nach seinem unerwartet frühen Tode (Spinoza starb an der Schwindsucht) 1677 seinen Nachlaß, darunter die „Ethik", deren Druck er noch selbst angeordnet hatte, Herausgaben, in der lateinischen Vorrede von ihm nur dies zu sagen hatten: „Es ist wahrhaftig zu beklagen, daß den, der es schon so weit in der Erkenntnis der Wahrheit gebracht und zu ihrer Fortbildung eine so große Fertigkeit erlangt hatte, so früh, so zur Unzeit der Tod ereilte, um so mehr als nicht allein die Vollendung dieser Schriften, sondern auch eine ganze Philosophie von ihm zu erwarten gewesen wäre." Mit Recht behauptet Altkirch, daß sich in dieser Ansicht die ganze Ahnungslosigkeit Her Freunde offenbart. Selbst ihnen war Spinoza kein Philosoph. Sie glaubten lediglich, er habe das Rüstzeug zu einer echten philosophischen Leistung besessen, aber sie zu vollbringen, daran habe ihn sein früher Tod gehindert. Wie einsam muß es um Spinoza gewesen sein, wenn seine Freunde, die sich seines Nachlasses annahmen, dermaßen über ihn urteilten! Und wie gefährlich ein solches Unternehmen gewesen sein muß, kann man daraus schließen, daß Spinozas „Nachgelassene Werke" weder den Herausgeber noch den Verleger, ja nicht einmal den Drucker ersehen ließen. Die Besorgnis der Freunde war begründet. Mit Reskript vom 25. Juni 1678 verboten die Staaten von Holland und WeftfrieSland den Druck, Verkauf und die Verbreitung von Spinozas Werken, um „so die genannte Schrift in diesen Ländern auf alle Weise und mit allen Mitteln zu unterdrücken". Wie Altkirch berichtet, wurde noch 1761, also 83 Jahre nach diesem Verbot, ein Buchhändler in Amsterdam wegen Verkaufs der „Nachgelassenen Werke" Spinozas zu einer Geldstrafe von 300 Gulden verurteilt. Wie rein und edel erstrahlt aus dieser Sammlung von Schriftstücken, die zum größten Teil auch prachtvolle Beiträge zur Kulturgeschichte liefern, die Gestalt des Benediktus, jenes Spinoza, der ob seiner unbestechlichen Wahrheitsliebe bis in die fernsten Zeiten als ein Held gepriesen werden wird. Durch eine tückische Krankheit schon früh seiner besten physischen Kräfte beraubt, als Schleifer von Brillengläsern sich durchs Leben schlagend5 6 7, von seinen Zeitgenossen verfolgt, verleumdet und beständig mit dem Leben bedroht, geht er mit einem verzeihenden Lächeln, in die Widrigkeiten des Daseins heiter ergeben, seinen kurzen, einsamen Weg. Als er 1674 auf das Buch eines Utrechter Professors aufmerksam gemacht wird, das von hämischen Angriffen auf ihn strotzte, erwidert er: „Lächelnd dachte ich bei mir, daß die größten Dummköpfe allenthalten auch die Dreistesten und Schreibseligften sind." Aber nicht nur durch die Ruhe und Einsicht, welche das Wesen des Philosophen ausmachen, auch durch die Reinheit des Herzens steht Spinoza turmhoch über seiner Zeit. Man lese nur die ergreifenden Zeilen an Heinrich Oldenburg vom September 1665: „Ich lasse jeden nach seiner Weise leben und wenn er will, für sein vermeintliches Heil sterben, wenn ich nur für die Wahrheit leben darf." 7 Auch als Hersteller von optischen Instrumenten besaß Spinoza einigen Ruf. „Der Jude von Vooöburg machte seine kleinen Linsen mittels des Werkzeugs fertig und das machte sie ganz vorzüglich", meldet 1667 ein Zeitgenosse Spinozas aus Paris. Eine ihm 1673 vom Kurfürsten von der Pfalz angetragene Professur an der Universität Heidelberg lehnte er ab, weil er feine Ungestörtheit nicht aufgeben wollte. „Er wollte lieber Brillen schleifen als der Wahrheit entsagen." (Schopenhauer.)

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