Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (3.12.1926)
- Article
- Die geistige und politische Lage der Gegenwart und die Aufgaben der deutschen Juden
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 320 (sequence 2)
- Language
- German
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320 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 hafte politische, wirtschaftliche und weltanschauliche Bestrebungen, wie die der Demokratie und des Sozialismus, stehen ihr diametral gegenüber und begrenzen ihre Ausbreitungsmöglichkeit und ihre Macht. Auf Grund der beiden Antipoden, auf Grund der prinzipiellen Feindschaft und Gegensätzlichkeit der beiden Hauptanschauungen, die sich im politischen Leben Deutschlands Geltung verschafft haben, ist eine Situation geschaffen worden, die anscheinend eine Katastrophe unvermeidbar macht. Entweder die beiden Machtgruppen platzen aufeinander und es kommt zur Vernichtung der einen oder anderen, zur Vernichtung aber vielleicht auch der Gesamtheit des Staatslebens durch den Bürgerkrieg — öderes findet ein Kompromiß statt, ein langsames Angleichen und ein friedliches Abschwellen der Gegensätze. Es hat in der Gegenwart den Anschein, daß diese letztere Entwicklung und Möglichkeit siegt. In der Erkenntnis, daß der durch demokraüsche und sozialistische Parteikräfte getragene republikanische Staat zurzeit unüberwindbar ist, regen sich Kräfte auf der Gegenseite, die bewußt nach dem Kompromisse streben. Das deutsche Judentum steht zwischen diesen Mächtegruppen. Als Deutsche haben die einzelnen Juden ihre Stellung zum Staat und zu den Parteien vorgeschrieben. Als Juden machen sie ihre bestimmten Vorbehalte zu den Zielsetzungen der einzelnen Parteien. Das deutsche Judentum bildet eine solch verschwindende Minderheit im deutschen Volksganzen, daß seine Interessen als besondere Gemeinschaftsgruppe im Volke bei Parteien und Staat kaum erhebliche Rücksicht finden. Wir Juden vergessen zu leicht, daß unsere Angelegenheiten in der Welt- und Staatspolitik eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Weil wir eine schwache Minderheit sind, deshalb hat es keine Partei nötig, auf uns besondere Rücksicht zu nehmen, denn unsere Stimmen wiegen nicht schwer. Auch der demokratische Staat, von dem wir uns Wunder der Heilung erhofften, mußte uns in dieser Hinsicht bitter enttäuschen. Denn seine Schätzung der Zahl entscheidet über die Wichtigkeit, die er den einzelnen Volksschichten beimißt. Das deutsche Judentum ist so verurteilt, dauernd die Rolle eines Parteiobjektes zu spielen. Die Parteien, und leider Gottes auch manchmal die Behörden, würdigen den jüdischen Volksteil lediglich als Mittel zum Zweck. Das beweist die bodenlose Hetze der Rechtsparteien, das beweist aber auch manches Vorkommnis, das das Verhältnis von Linksparteien zu uns in eigentümlichem Lichte erscheinen läßt. Demgegenüber gibt es nur ein Mittel, und dieses Mittel heißt: Schaffung bzw. Erhaltung einer politischen Organisation der deutschen Judenheit, die durch alle Mittel, die durch Politik und Moral geboten sind, die Stellung des deutschen Judentums im Volks- und Staatsleben sichert und ausbaut. Diese Organisation besitzt das deutsche Judentum im Central-Verein. Früher war die Hauptarbeit des Central-Vereins gekennzeichnet durch Aufklärungsversammlungen usw. Diese wichtigen Mittel zur Selbstverteidigung sind nicht aufgegeben. Daneben aber ist die Arbeit des C.-V. komplizierter, umfangreicher und methodischer geworden. Der Redner gab dann Einblicke in die heutige interessante politische Arbeit des C.-V., die sich auf alle Gebiete erstreckt. Er zeigte, wie der C.-V. führend an denjenigen Bestrebungen mitarbeitet, die dem Ausgleich der Gegensätze im Volke dienen. Durch den Abbau der allgemeinen Gegensätze, die das Volksleben im gegenwärtigen Zeitpunkte beherrschen, wird auch der Lage und der Befreiung des deutschen Judentums gedient. Denn die Aufrüttelung des Volkes aus Vorurteilen allgemeiner Art muß es auch indirekt aufmerksam machen auf diejenigen Vorurteile, die dem Judentum entgegengebracht werden. Der besondere Charakter unserer Zeit und der Zeitstimmung bedingt, daß man im Kampfe für die Gleichstellung des Judentums auf indirektem Wege mehr erreichen kann als auf direktem Wege, der natürlich daneben auch begangen wird. Einzelne Hinweise des Redners zeigten, welchen Einfluß heute die politische Vertretung des deutschen Judentums durch den C.-V. im deutschen politischen Leben besitzt. Das wurde nur möglich, indem das Aufgabengebiet verbreitert wurde und dadurch die Beziehungen angeknüpft wurden zur ganzen Masse deutscher Partei- und Volksbestrebungen. Mit ganz kurzen Worten erklärte der Redner schließlich seine innere Stellung zum deutschen Volkstum. Er schloß mit dem Gedanken, daß wir alle kämpfen und arbeiten müßten zur Gewinnung eines besseren Loses innerhalb de,r deutschen Lande. Keine Theorie und keine Illusion würden die Tatsache hinwegtäuschen, daß die große Masse des deutschen Judentums immer, solange Deutschland besteht, mit deutschem Boden verbunden leiben würde und leben müsse. Da diese Tatsache unableugbar ist, so bleibt uns keine andere Wahl, als zu wirken und zu streben im Sinne und im Geiste des C.-V. zu unserem eigenen Wohle und zum Wähle der jüdischen Geschlechter aus deutschem Boden, die uns Nachfolgen werden. Iubiläums-Aktion des Keren Kajemeth Lejisrael. Der Jüdische Nationalfonds (Keren Kajemeth Lejisrael) feiert in diesen Tagen das 25jährige Jubiläum seines Bestehens. Die außerordentlichen Verdienste dieser Institution, welche durch den Bodenerwerb im heiligen Lande und die Assanierung öder und von der Malaria bedrohter Flächen erst die Kolonisation des Landes möglich gemacht hat, sind so allgemein bekannt, daß weitere Ausführungen sich erübrigen. Der Keren Kajemeth Lejisrael hat sich infolge seiner einzigartigen Leistung weit über den zionistischen Kreis hinaus zahlreiche Freunde in der ganzen Welt erworben. Seine Erfolge sind hauptsächlich auch durch die verschiedenen Filmvorführungen in allen Ländern, wo Juden wohnen, bekannt geworden. Das 25jährige Jubiläum wird in der jüdischen Welt durch besondere Sammlungen im Laufe des Monats Dezember gefeiert und im Rahmen dieser Aktion finden allenthalben Vorträge, Konzerte und Festaufführungen aller Art statt. In München wird zugunsten der Jubiläums-Aktion am Samstag, dem 11. Dezember, abends 8 Uhr, im Museumssaal ein Konzert stattfinden, in welchem Original-Kompositionen und Bearbeitungen jüdischer Lieder des bekannten Tonkünstlers Heinrich Schalit aufgeführt werden. Das Programm des Abends wird gesanglich von Kantor D. Davidovic, Konzertsänger E. Frank und Opernsängerin Helene Sommer bestritten, und der Komponist wird persönlich die Sänger am Flügel begleiten. Ein ganz besonderes Interesse ver- ^jjturyehen ^jjturyehen Iiev^äJuit Aeit ülL cß9llajl &.l£cin&c'ibietun{^ <JcA '"ÜjDcffiucuuLAcA 3^cqenui&ta' 'u.'tüe'mjjA' KL > Position 3C §jpmfa