Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (3.12.1926)
- Article
- 30 Jahre K.-C.
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 313 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 313 30 lahre R.-C. De>r Kartellconvent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens, der bedeutendste Zusammenschluß der deutschvaterländischen jüdischen Studentenschaft, beging Ende Oktober die seltene Feier eines dreifachen Jubiläums: die Wiederkehr des 40jährigen Stiftungsfestes seiner ältesten Verbindung „Viadrina", das 30jährige Bestehen des Verbandes und das 25. Stiftungsfest seiner Breslauer Verbindung „Thuringia". Die Verbindungen im K.C., entstanden als Reaktion auf die antisemitische Agitation der 80er Jahre, ihre Tendenz, die energische Abwehr des Judenhasses vom Standpunkte deutsch-vaterländischer Gesinnung und unter Betonung eines bewußten Judentums, hat die politische Idee des deutschen Judentums maßgeblich beeinflußt und zur Gründung seiner großen organisierten Vertretung, des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens geführt. Als studentische Korporationen tragen die K.C.-Verbindungen Couleur und stehen auf dem Boden der unbedingten Genugtuung mit der Waffe. Die Entwicklung der studentischen Verhältnisse nach dem Kriege, die schließlich zu einer allgemeinen Satisfaktionsverweigerung gegenüber den jüdischen Studenten führten, konnten auch auf den K.C. nicht ohne Einfluß bleiben. Er erblickt heute seine Aufgabe darin, seine Mitglieder durch geistige Ausbildung und sportliche Erziehung zum Kampf gegen den Antisemitismus zu stählen. Der Verband ist mit 17 Korporationen an fast allen deutschen Hochschulen vertreten und ist überall eine starke Stütze der studentischen Minderheiten. Mit ihnen gemeinsam setzt er sich für ein sachliches und unpolitisches Arbeiten der studentischen Selbstverwaltungskörper ein. Seine Verbandsangehörigen find in den studentischen Verfassungskämpfen der letzten Jahre häufig genug führend he.rvorgetreten. ver vreslauer R.-C.-Tag Zur Feier des seltenen Jubiläums waren Hunderte von alten und jungen K.C.ern aus dem ganzen Reich nach Breslau geeilt. Ein feierlicher Kommers in dem von Poelzig geschmackvoll renovierten Konzerthaus bildete den Höhepunkt der Tagung. Es war ein farbenfrohes Bild echt studentischer Geselligkeit, als die 50 Chargen der einzelnen K.C.-Korporationen in den Saal einmarschierten, stürmisch begrüßt von den 1500 Ansitzern der vier riesigen Kneiptafeln und dem Damenflor auf der Galerie. Mit eindringlichen Worten legte Rechtsanwalt Dr. Walter Kochmann (Berlin) Wesen und Tendenz des Verbandes, seine geschichtliche Entwicklung und seine politischen Ausgaben in der Gegenwart dar. Besonders herzlich begrüßt nahm dann Dr. Ludwig Holländer, der Direktor des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, seit langen Jahren die führende Persönlichkeit des Verbandes, an Stelle, des erkrankten Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Haas das Wort. Er behandelte die Tragik, in welcher der jüdische Student unserer Tage lebt, sofern er für Glaube und Heimat, für Vaterland und Freiheit eintritt. Vor dem Kriege habe man den jungen jüdischen Akademiker bekämpft, weil man in ihm den Emporkömmling sah, den fremden Eindringling, den man nicht als gleichberechtigt anfehen wollte. Trotz der ungeheuren Blutopfer, die der Krieg vom K.C. gefordert habe, mußte man es nach dem Kriege erleben, daß große Kreise der akademischen Bürger den jüdischen Studenten als angeblichen Angehörigen einer fremden und minderwertigen Rasse beschimpften und ihm die Zugehörigkeit zur deutschen Studentenschaft bestritten. Als Deutscher müsse man sich schämen, wenn in gegenwärtiger Zeit ernste Männer sich mit Fragen beschäftigen, wie sie etwa neulich auf dem Konvent einer Turnerschaft zur Diskussion standen, wo man die Frage erörterte, ob ein Bundesbruder, der, wie hervorgehoben wurde, einer der schneidigsten Fechter und besten Turner im Verbände ist, ausgeschlossen werden müsse, weil seine Ahnen jüdisches Blut in sich getragen haben. Leider übten die akademischen Lehrkörper nicht immer ihren Einfluß aus, um Frieden und Versöhnung herbeizuführen. Der K.C. werde wester für ein freies Deutschland, ebenso wie für die Ehre und Würde des jüdischen Namens einzutreten wissen. Er verlange von seinen Mitgliedern begeistertes Eintreten für ihr Recht und er fordere von ihnen, daß sie das Erbe der Gründer des Verbandes, ihren Kampfesmut, ihre Charakterfestigkeit und Treue zu wahren wissen werden. Dieser Kampf um die Läuterung unseres kulturellen Lebens deckt sich mit den Forderungen der besten vaterländischen Köpfe. Der Redner mahnte die jüdischen Akademiker, standhaft zu bleiben im Kampfe um die Selbstbehauptung, unerschütterlich im Gedanken der auf Freiheit, Ehre, Vaterland basierten Bildung. Die Verhältnisse an.den Universitäten würden sich bessern, wenn dem gesamten Akademikertum das Gefühl für die heilige Würde solcher Bildung aufginge. Die große Menschheitsidee, die bumanitL8. im Bunde mit dem Deutschtum, müsse auf den Universitäten eine heilige Gemeinschaft von Brüdern schaffen. Die Veranstaltung erreichte ihren Höhepunkt mit der Rede des Regierungspräsidenten Dr. Jaenicke (Breslau), der im Namen des Staats und der Breslauer Behörden das Wort ergriff. Er betonte, daß er sich jederzeit in die vorder st en Reihen des Kampfes gegen den Antisemitismus stellen werde, den schon Kaiser Friedrich eine Schmach des Jahrhunderts genannt habe. Er sei sich der tiefen Verantwortung bewußt, die ihn veranlasse, alle Schichten der Bevölkerung miteinander auszusöhnen und jener Hetze entgegenzuwirken, die an die Zeit des finstersten Mittelalters gemahne. Gerade hier im Osten könne mit einem guten Argument allen diesen Hetzereien der Boden abgegraben werden, nämlich mit dem Hinweis daraus, daß die Deutschen jüdischen Glaubens in Polnisch-Oberschlesien und in Posen die Hauptstützen der deutschen Minderheiten sind. Es sei deswegen eine Niedertracht, zu behaupten, daß das Judentum im allgemeinen die Stellung des Deutschtums untergrabe. Der Haß zwischen den Konfessionen beruhe auf bodenloser Unkenntnis und so betrachte er es als seine vornehmste Aufgabe, alle die Kreise zusammenzuführen, die sich nicht kennen. Im übrigen kranke das deutsche Volk noch an den Folgen des verlorenen Krieges und man dürfe gegenwärtig noch nicht alles nach normalen Verhältnissen beurteilen, es bahne sich aber die Gesundung an und auch die Welle des Hasses würde bald abebben. Der Regierungspräsident schloß mit einem Appell an die jungen K.C.er, sich nicht irre machen zu lassen in der Befolgung der Ideale, die den geistigen Gehalt des Verbandes ausmachen und hineinzugehen in die Organe der studentischen Selbstverwaltung, um dort in aktiver Mitarbeit ihren christlichen Kommilitonen näherzutreten, wie dies erst in der letzten Nummer der C.-V.-Zeitung in einem Artikel „Hinein in die studentische Selbstverwaltung", der ihm aus der Seele geschrieben sei, gefordert worden ist. Begeisterter Beifall dankte dem Redner für die warmherzigen, von so autoritativer Seite besonders wertvollen Worte. Dann sprach, gleichfalls freudig begrüßt, der Rektor der Schles. Friedrich-Wilhelms-Unioersität, Geh. Rat K o r n e m a n n. Er betonte mit Nachdruck, daß er während seiner Amtsführung keinen Unterschied zwischen den ihm anoertrauten Studierenden, welcher Konfession sie auch angehören, zu machen gedenke. Als Korporationsstudenten vom alten Schlage erfülle es ihn mit aufrichtiger Freude, in den K.C.ern ein kampfgestähltes Geschlecht vor sich zu sehen, das die besten Traditionen des deutschen Studententums: Unterordnung, Selbstzucht und Kampfesmut treu zu wahren sich mühe. Ansprachen befreundeter studentischer Korporationen und Breslauer lokaler Organisationen bildeten den Abschluß. Der nächste Tag brachte die eigentlichen Arbeitssitzungen. Die jüdische Öffentlichkeit dürfte vor allem interessieren, daß der K.C. durch einen ausdrücklichen Beschluß seinen Mitgliedern die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinde zur Pflicht macht und sie verpflichtet, im Falle eines Austritts die Motive dieses Schrittes ihrer Verbindung mitzuteilen, damit diese sich darüber schlüssig werden kann, ob diese Haltung noch mit den Grundprinzipien des Verbandes zu vereinen ist. Das Fechten im Verband wird auch für fernerhin gestattet. Der K.C.-Tag beschäftigte sich ferner mit der Frage einer Umstellung des Verbandes auf die Verhältnisse einer deutschen Hochschule und faßte noch folgenden Beschluß: Der K.C. trägt den an den deutschen Hochschulen bestehenden Verhältnissen, durch die die Satisfaktionsfrage von untergeordneter Bedeutung für den K.C. geworden ist, Rechnung, indem er seine Hauptaufgabe darin erblickt, daß er seine Mitglieder durch Sport und geistige Ausbildung für den Kampf gegen den Antisemitismus stählt. Er beschäftigte sich weiter auf Grund eines Referates des K.C.-Redakteurs Dr. B e r l a k ausführlich mit den Fragen der Hochschulpolitik, in der der Verband auf der Seite der studentischen Minderheiten seit Jahren führend tätig ist. Eine Reihe von Richtlinien wurde für die hochschulpolitischen Arbeiten der einzelnen Verbindungen aufgestellt und die Forderungen, die der K.C. für die Ausgestaltung der studentischen Selbstverwaltung sich zu eigen macht, formuliert. Der