Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (3.12.1926)
- Article
- Eine Doppelfeier in Alzenau
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 311 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitunq 311 Line Doppelterer m 5llzenau In der Nordwestecke unseres engeren Vaterlandes, dort, wo die lieblichen Waldberge des Vorspessarts den sich weitenden Kahlgrund grüßen, liegt zwischen sanftem Hügelgelände, von wenig ertragsfähigen Fluren umrahmt, der gewerblich rührige Marktflecken Alzenau. Die nahen Braunkohlengruben im Tertiärgebiet des Untermaintales und das benachbarte Industriezentrum von Hanau-Offenbach bestimmen die wirtschaftliche Eigenart seiner Bevölkerung. Seit vielen Jahrhunderten ist im Kahlgrunde auch eine jüdische Bevölkerung ansässig, die nachweislich im 17. Jahrhundert in dem Alzenau benachbarten Wasserlos 30, in Alzenau 12 Familien zählte. Heute hat sich das Zahlenverhältnis der jüdischen Bevölkerung der beiden Orte, welche eine Kultusgemeinde bilden, umgekehrt. Während im 17. und 18. Jahrhundert die Juden von Alzenau allfabbatlich zur Synagoge nach Wasserlos wunderten, besuchen heute die jüdischen Familien von Wasserlos die Synagoge zu Alzenau, deren Grundsteinlegung und Bau urkundlich aus das Jahr 1826 festgestellt ist. Das 100jährige Bestehen ihres Gotteshauses gab der Gemeinde Alzenau-Wasserlos Anlaß zu einer Gedenkfeier, in deren Rahmen die gleichzeitige Feier der 25jährigen Wirksamkeit ihres Lehrers in der Gemeinde miteingefügt war. Was dieser Doppelseier die charakteristische Note und für den fremden Teilnehmer den eigenartigen Reiz verlieh, war die Beteiligung der gesamten christlichen Bevölkerung des Marktfleckens an dieser jüdischen Feier. Ein seltener Fall in unserem engeren Vaterlande, daß solch friedliche Harmonie zwischen den verschiedenen Glaubensbekenntnissen eines kleinen Ortes besteht, das auch in den politisch unruhigsten Zeiten des vergangenen Jahrzehnts niemals durch den leisesten Mißton getrübt war. Schon der Festgottesdienst am Freitagabend des 19. Novembers findet die gesamte Verwaltung der politischen Gemeinde als Teilnehmer in der festlich geschmückten, in ihren bescheidenen Ausmaßen stimmungsvoll wirkenden Synagoge. In der Festpredigt des Morgengottesdienstes am Sabbat benutzte Herr Bezirksrabbiner Dr. Breuer (Aschaffenburg) den Bericht des Wochenabschnittes über die Errichtung des Gottesaltars zu Bethel durch Erzvater Jakob und dessen Mahnung an seine Gemeinde, die fremden Götter aus ihrer Mitte wegzuschaffen, zu einer wuchtig eindrucksvollen Predigt über die Bedeutung des Gotteshauses und zu einer ernsten Mahnung wider die Sünden der Zeit. Dem Beamten verlieh er als Zeichen der Anerkennung für feine verdienstvolle Wirksamkeit den Ehrentitel eines Chower. Ein Festkommers im größten Saale des Ortes vereinigte am Abend eine 4—500köpfige Menschenmenge aus allen Schichten der Bevölkerung zu freundschaftlicher Harmonie der Konfessionen, die sich einsanden, die jüdische Gemeinde und den jüdischen Lehrer gemeinsam zu ehren. Der 2. Vorstand der Gemeinde, Herr Marburg, begrüßt die Erschienenen und gedenkt der Verdienste, die sich der Beamte in seiner 25jährigen Wirksamkeit erworben hat. In dem Vortrag eines poetisch gehaltenen Prologs — sicherlich verfaßt von dem im ganzen Kahlgrunde als Festdichter bekannten Herrn Lehrer Wechsler — läßt Frl. Neu aus Wasserlos in dramatisch vollendetem Vortrag die Geschichte der Doppelgemeinde Alzenau-Wasserlos in den letzten Jahrhunderten vor dem Hörer vorüberrauschen. Vier verschiedene Gesangvereine und verschiedene Sport- und Turnvereine des Marktfleckens bieten ihr Bestes zur Verschönerung der Feier. Weitere Deklamationen und Reden, darunter Ansprachen der Vorstandschaft der benachbarten Kultusgemeinde Aschaffenburg, gelten der Ehrung der Gemeinde und ihres Beamten. Ein Vorstandsmitglied der Gemeinde Alzenau gedenkt unter Überreichung von Ehrendiplomen der Verdienste zweier Gemeindemitglieder, von welchen Herr Louis Hamburger 35 Jahre als 1. Vorstand, Herr Isidor Hamburger ebensolange als Kassier ununterbrochen ihres Amtes walten. Den Mittelpunkt des Doppelfestes bildete die akademische Feier am Sonntagnachmittag, zu der wiederum eine vielhundertköpfige Menschenmenge aus nah und fern herbeigeeilt war. Herr Kassier Hamburger'begrüßt die Festgäste und die erschienenen Delegierten der geistlichen und weltlichen Behörden und überreicht dem Beamten namens der Kultusgemeinde und ihrer Chevras Ehrengaben. Herr Bezirksrabbiner Dr. Breuer würdigte in einer eindrucksvollen Ansprache die Verdienste des Jubilars Wechsler in Schule und Gotteshaus unter Hervorhebung der außerordentlichen Schwierigkeiten, mit welchen die religiöse Einwirkung auf die Seelen der Jugend und der Erwachsenen im allgemeinen, ganz besonders aber die jüdisch-religiöse Erziehungstätigkeit im Sinne des überlieferten Judentums gegenüber den heutigen Zeitströmungen zu kämpfen hat. Das 100jährige Bestehen der Synagoge und die drei Jahrhunderte zurückreichende Geschichte der Gemeinde gab ihm Anlaß, in eindrucksvollen Darlegungen nachzuweisen, wie sehr der deutsche Jude mit dem deutschen Heimatboden verwurzelt ist und das deutsche Judentum, das seit 1600 Jahren in Deutschland Heimatrecht besitzt, durch Betätigung seines Väterglaubens dem deutschen Vaterlande in der Mitwirkung am geistigen und sittlichen Wiederaufbau die besten Dienste erweist. Als Vertreter des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden überbrachte das Ratsmitglied, Herr Hauptlehrer Stoll (Würzburg), die Grüße und Glückwünsche des Präsidiums. An der Hand der Geschichte des Verbandes legte er dar, daß der Verband, wie an den L e i d e n , so auch an den Freuden der Gemeinden innigen Anteil nehme. Die heutige Doppelfeier und der Kreis der Teilnehmer, der sich aus allen Konfessionen rekrutiert, ist für ihn der Beweis, daß die drei Grundpfeiler der sittlichen Weltordnung — Gotteslehre, Gottesdienst und allgemeine Nächstenliebe — in den Herzen der Mitglieder der Gemeinde Alzenau-Wasserlos auf festem Grund ruhen. Vertreter der katholischen und protestantischen Geistlichkeit betonten, daß ihre christlichen Gemeinschaften gerne mit dem gläubigen Judentum Zusammenwirken wollen auf dem gemeinsamen Boden des Glaubens an den Einen Gott und der Verteidigung und Verbreitung des den Konfessionen gemeinsamen biblischen Sittengesetzes. Der Vertreter des Bezirksamtes dankte ganz besonders dem Lehrer Wechsler für seine unermüdliche Tätigkeit zur Förderung aller gemeinnützigen Bestrebungen in Ort und Bezirk. In gleicher Weise bringt der Bürgermeister des Ortes die Glückwünsche des Marktfleckens für die beiden Jubilare zum Ausdruck. Weiterhin halten Ansprachen Vertreter der jüdischen und christlichen Lehrerschaft des Bezirkes. Umrahmt war die akademische Feier von den wuchtigen Chören des Synagogenchores der Israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt a. M., der unter der persönlichen Leitung seines Dirigenten, des Herrn Max Neumann, der selbst im Kahlgrunde seine Heimat hat, in Stärke von etwa 50 Köpfen mit Sonderzug aus Frankfurt herübergekommen war. Musikalische und sonstige Darbietungen hielten alt und jung noch viele Stunden beisammen. Als die von auswärts gekommenen Gäste wieder der Heimat zustrebten, waren alle durchdrungen von dem Bewußtsein, bei der Doppelfeier in Alzenau in der Bekundung selten freundschaftlicher Harmonie christlicher und jüdischer Ortsgenossen ein Erlebnis in sich ausgenommen zu haben, das ihrem Gedächtnis unvergänglich sein Am Montag, dem 22. November, konnte Frau Recha Stark, Mitglied der Tagung des Verbandes Bayer. Jsr. Gemeinden und der Eemeindeveriretung der Israelitischen Kultusgemeinde München, die Wiederkehr ihres 60. Geburtstages feiern. Verband und Gemeinde haben der um die Wohlfahrtspflege in Stadt und Land überaus verdienten Frau ihre herzlichsten Glückwünsche übermittelt. Der Vorsitzende der Gemeindevertretung nahm in der Sitzung vom gleichen Tage Gelegenheit, Frau Stark unter Überreichung einer Blumenspende die Wünsche der gemeindlichen Kollegien auszusprechen. Zu unser aller Schmerz wurde Frau Stark zwei Tage nach ihrem Ehrentage durch das Ableben ihres Gatten in tiefe Trauer versetzt. Die vielgeprüfte Frau, die erst in diesem Jahre ihre Tochter in der Blüte der Jahre verloren hat, ist der Anteilnahme weitester Kreise der Gemeinde wie der gesamten bayerischen Judenheit gewiß. Maland Zeichenunterricht NATURSTUDIUM PORTRÄT — LANDSCHAFT — BLUMEN KOMPOSITION — RADIERUNG KURSE UND EINZELUNTERRICHT JAMES BIEBERKRAUT NEUREUTHERSTRASSE 18/4