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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-12-03 · 12 (3.12.1926) · p. Seite 307

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
12 (3.12.1926)
Article
Custos, quid de nocte?
Date
1926-12-03
Page
Seite 307 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 307 barung, mit den zehn Geboten um. Ist es darum verwunderlich, wenn er seine Thesen 22 — 25 in der Elementarforderung gipfeln läßt, daS Alte Testament zu vernichten, wobei er diese Argumentation mit der „wuchtigen" These 25 motiviert und belegt, indem er sagt, das Alte Testament sei nicht der Untergrund, sondern lediglich der geschichtliche Hintergrund des Neuen Testamentes. Die Fortsetzung des Alten Testamentes und seine Erfüllung sei nicht das Neue Testament, sondern der Talmud und der Schulchan-Aruch. Und diesem Dinterschen Geiftesprodukt ward auch ein Reisesegen, gesprochen von dem Altmeister des Judenhasses Theodor Fritsch in Nr. 579 des „Hammer" v.I. Ernting 1926, S. 363. „Möge nun Dinters verdienstvolles Buch seinen Weg nehmen und die Nacht aus unseren Gehirnen verscheuchen helfen." So lauten die segenspendenden Worte. Wir aber muffen uns fragen, wie mag es in den Gehirnen dieser Menschen aussehen, die derartige blasphemische Machwerke fertigen können. Ich glaube nicht, daß eS vonnöten sein wird, den Lesern der Gemeindezeitung die Dinterschen Irrtümer und Falschheiten zu widerlegen. Jeder Jude wie auch jeder Christ kennt ja seine Religion so genau, daß ihm die Haltlosigkeit der Dinterschen Aufstellungen von vornherein klar und erkennbar ist. Oder soll ich darauf Hinweisen, daß Juden wie Christen die Bibel als Gottes Wort gilt wegen der erhabensten Wahrheiten, die darin enthalten sind? Muß ich betonen, daß das Alte Testament bereits ganz klar die Lehre von dem einen Gott, dem Schöpfer aller Dinge enthält? Ist es nötig, die hohe Sittlichkeit auch des Alten Testamentes hervorzuheben, die weit höher steht als jene der umwohnenden Heidenvölker, daß die Nächstenliebe bereits im alten Bunde gefordert und in den Psalmen als Tugend gepriesen wird, daß wir dort auch schon der Feindesliebe begegnen? Wäre es erforderlich, auf die verschiedenen Ähnlichkeiten anderer Gesetzbücher jener Zeit mit dem Gesetze von Sinai hinzuweisen? Jedem wird dabei das Grundfalsche von Dinters Behauptungen klar vor Augen treten, wenn dieser „Reformator" meint, alle andern Gesetze stünden höher als das alttestamentliche. Nur eines kann es geben und das ist dies. Gott hat sein Gesetz in das Herz aller Menschen geschrieben und diese Schrift Gottes lautet Natur- - gesetz, woher es eben kommt, daß wir bei allen Völkern des Erdenrundes mehr oder minder die gleichen sittlichen Anschauungen treffen, daß also z. B. auch ein Kamerunneger, der nie etwas von Gott gehört hat, weiß, daß es nicht erlaubt ist, einen Menschen zu töten. Das wurzelt im Naturgesetz, das der Schöpferin jedes Menschen Herz gesenkt hat, das ihm gleichsam der Kompaß sein soll auf der Fahrt durchs Leben. Doch damit ist nicht gesagt, daß das alttestamentliche Gesetz nicht höher steht. Bei einigem Nachdenken muß sich jeder sagen, daß wir es hier mit einem Auf-der-Grenze-sein zweier Welten zu tun haben. Das Naturgesetz steht zwischen Unnatur und Ubernatur, es will den Menschen bewahren vor Handlungen, die seiner Natur zuwiderlaufen, also unnatürlich sind; es vermag aber den Menschen nicht weiter emporzuheben, dazu bedurfte es des göttlichen Gesetzes, des Hinaufhebens der ganzen Kreatur in das Göttliche, das aus der Offenbarung auf Sinai leuchtet. Und das ist das innere Pathos das altteftamentlichen und damit auch des jüdischen Gesetzes. Was aber besonders betont werden muß, ist ein anderes. Der Prophet Isaias sagt 62, 6: „8uper muro8 tuo8 seru8u1em L0N8titui LU8toä.e8", d. h.: „Auf deinen Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt." Und dieses Prophetenwort gilt namentlich auch in unserer Zeit. Man sage nicht: „So schlimm wird es nicht sein, dieses Buch erhält schließlich doch nicht viele Leser usf." Der Sämann Dinter gibt sich nicht zufrieden, seinen Samen in dem Buch feilgeboten zu haben, seine Furchentätigkeit hat sich ein größeres Ziel gesteckt. Er will diese 197 Thesen in einer in zwanglosen Heften erscheinenden Zeitschrift „Die reine Heilandslehre, Zeitschrift zur Vollendung der Reformation" wie auch in Volksversammlungen ausführlich behandeln und verteidigen. Also, der Same soll in weiten Ausmaßen gestreut und ja recht in die Tiefe gesenkt werden, um Frucht zu bringen. Und das wird er auch. Zum Beweis folgendes Erlebnis! Vor nicht allzu langer Zeit kam ich in eine Gaststätte auf dem Lande. Ich fand dort den „Hammer" aufliegen und logischerweise hatte der Wirt die gleichen Ansichten. Auch er sah im Alten Testament nichts als Sünde und Fluch. Wohlgemerkt, es geschah dies in einer rein katholischen Gegend von einem katholischen Wirt. Und ein einziger dieser Art in einer Gemeinde vermag genügend Wühlarbeit zu leisten in Dinterschem Sinne. Darum seien wir Wächter, Juden wie Christen! Aber seien wir auch gute Wächter, die da acht haben auf die auflodernden Feuer des Haffes, der Blasphemien, der Gottesfeindschaft, die da Ausschau halten auf Diebe und Feinde, d. h. auf die falschen Propheten, Heuchler und Verführer, die da ein Ohr haben auf die Stunden, wo besondere Wachsamkeit nottut. Nacht wird und muß Heraufziehen, wenn Dinter und die Seinen, die sich zu einer Religionsgemeinschaft der deutschen Volkskirche zusammenschließen wollen, ihr Werk vollenden können. Das alles wird keine Erneuerung sein, keine neuen Menschen schaffen, sondern es wird das werden, was das Wort „reformare" in seiner Urbedeutung besagt, ein Zurückformen des Menschen in Zustände, die nicht christlich und jüdisch, die rein heidnisch sind. Und das wäre nicht nur Kulturniedergang, sondern Kulturschändung, Kulturraub. Das wäre nicht Licht, sondern Nacht, nicht Wahrheit, sondern Irrtum, nicht Glück, sondern Verderben für unser Volk. Ihr Wächter, ist es noch die Stunde tiefsten, undurchdringlichen Dunkels oder kündet ihr uns bald den Anbruch leuchtender Morgenröte, die Stunde des Lichtes, wo Gerechtigkeit, Wahrheit und Friede herrschen? Cu8t08, quid de nocte? Feine Qualitätsstoffe und Tuche Import für Damen und Herren Import WEINBERGER & BISSINGER Rindermarkt 7 MÜNCHEN / AUGSBURG beim Fuggerdenkmal

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