Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 12 (3.12.1926)
- Article
- Paulus unter den Juden
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727835-2730496--01515-2730584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
306 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 vielleicht eine Auseinandersetzung zwischen Paulus und seiner geistigen Heimat ausgefallen, wenn sie nicht gerade in jener Zeit des Endkampfes gegen Rom, sondern in ruhigen Zeiten gespielt hätte. Was war die Ausgabe der Makkabäerzeit gewesen? Durch Verteidigung von Land und Volk auch die Religion zu retten, das Eindringen eines Geistes zu verhüten, der später zwar von einem starken, selbstbewußt gewordenen Judentum leicht ausgenommen werden konnte, der aber damals die jüdische Religion von innen heraus unterhöhlt hatte. Was war die Aufgabe zur Zeit des Paulus? Der aktive Widerstand gegen Roms Gewalt war fruchtlos; um so größer war die Gefahr, sich auf den Wegen, die Paulus wies, an die weite Welt zu verlieren, die Eigenart und die Reinheit des Gottesglaubens einzubüßen. War doch in jener des alten GotteSglaubenS überdrüssigen Welt die Ahnung vom wahren Gott weithin verbreitet worden; ob die in Kleinasien, Griechenland, Italien lebenden Juden bewußt oder unbewußt Mission trieben, mag dahingestellt bleiben, aber gewiß ist, daß der jüdische Gottesgedanke vielfach in der von Glaubensvorstellungen übersättigten Welt eine Art von Kristallisierung auSlöste. Was hätte in jener Zeit des AufeinanderprallenS von Neuem und Altem näher gelegen, als, wie Paulus es wollte, den Verlust des Tempels durch Gründung einer Kirche wettzumachen, das jüdische Volk abzulösen durch die Menschheit? — Unsere Väter fühlten die Gefahr dieser Lockung. Das Ziel konnte nur erreicht werden durch Aufgabe der L e h r e (nicht des „Gesetzes", wie falsche Übersetzung und Auslegung sagt), durch Preisgabe jenes wichtigen Erziehungsmittels der Gebote, durch das Eingehen von Kompromissen. Hatte das Volk seinen Staat verloren, so konnte doch dem Menschen seine Kraft, seine Tat, seine Aktivität erhalten werden in einer Religion, die nicht im Glauben und in Wundern, sondern in Geboten und wirkenden Taten das Wesentliche sah. Dem Volk, das jetzt in die Diaspora ging, konnte das Heil nicht in der einmaligen Erlösungstat liegen, die in der Vergangenheit geschehen sein sollte, es konnte sich mit nichts anderem zufrieden geben als mit der stetigen, immer neu werdenden Erlösung, deren letztes Ende im Messiasreich der Zukunft liegen mußte. Jener Entschluß unserer Väter hat den Kindern ihren Weg gewiß nicht leicht gemacht; aber durch diese Religion haben sie ihr Volk gerettet und damit ebenso Großes geleistet wie die Makkabäer, die durch die Rettung des Volkes einst die Religion erhalten haben. Chanukka ist ein Fest reiner Freude; wir empfinden die beglückende Erbschaft, die mit keiner Last beschwert ist. Sehen wir Paulus, so empfinden wir die Schwere der Fragen, die nicht nur auf der Bühne, sondern auch in uns ertönen. Im Kampf der Makkabäer hat Gott fein Urteil schnell gesprochen. Die große Auseinandersetzung zwischen Gamaliel und Paulus, das erschütternde Zeugnis zweier großer Seelen, ist noch nicht zu Ende; hier stehen die Jünger des einen, dort die Nachfolger des anderen. Mögen in diesem Kampfe der Geister uns der Mut und die Treue der Makkabäer den Weg ebenso weisen, wie das Gottvertrauen und die Standhaftigkeit des Gamaliel und seiner Schüler. L. Baerwald. Lustos, quid de nocte? Von Kaplan Franz Rödel (München) Der 31. Oktober 1517 ist der denkwürdige Tag, an dem Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg anschlug. Dieser Schritt bildete bekanntlich den Auftakt zur großen Reformation des 16. Jahrhunderts, die Einleitung zur Spaltung der abendländischen Christenheit. Und nach mehr denn vierhundert Jahren komrnt ein anderer, heftet seine Thesen an dem Tempel des Wiederaufbaus unseres deutschen Volkes an, doch nicht 95, nein gleich 197 sind es, gleichsam zum Symbol der unfertigen und gewissermaßen „rückständigen" Reformation eines Martin Luther. Und dieser neuauftretende „Heiland" am deutschen Volke will reine Arbeit machen, will seine Volksgenossen aus tausendjähriger Nacht zum Lichte führen. Und den Grundton dieser „Heilandsaufgabe" bildet unvernünftiger, unberechtigter wie auch unwissenschaftlicher Radikalismus. Der Name des neuen deutschen Volksregenerators ist Artur Dinter, der sein epochemachendes Evangelium in seinem Buche „197 Thesen zur Vollendung der Reformation, die Wiederherstellung der reinen Heilandslehre" niedergelegt hat. Wahrlich, die Lektüre dieses Dinterbuches preßte in mir den Ruf hervor: Custos, quid de nocte? Denn es ist ein Wandeln in Nacht und Grausen des Irrtums, ein Zertrümmern ewiger Wahrheiten, die der Menschheit stets Licht bedeuteten, die Leuchttürme waren für sie auf den Sturmesfahrten durch das Leben. Darum ist es wirklich an der Zeit, Wachttürme aufzurichten, zum Wächter zu werden für die zum Licht strebende Menschheit, soll nicht der Irrtum in solch grober Form die ewig gültigen Wahrheiten zu elenden Wracks zerschellen machen, sollen nicht die Urwahrheiten des Glaubens zu nichtigen Torsos werden. Es ist klar, daß dieser neuerstandene Reformator in die heilende Kraft seines Evangeliums auch das Judentum einbezieht, daß er zum Kernpunkt seiner ganzen Lehre die Entjudung der Religion macht, da nach seiner Anschauung der Katholizismus und der Protestantismus wie überhaupt das ganze Christentum verjudet sind. Darum wird erst dann die Morgenröte der reinen und unverfälschten Wahrheit anbrechen, wenn dieser ReimgungSakt in radikaler Weise vollzogen ist. WaS sind nach ihm die Juden? S. 52 in seiner 60. These sagt er: „Die Juden sind die Verkörperung jener selbstsüchtigen tief gefallenen Geister, die in der Urzeit der Geiftesschöpfung aus Größenwahn und Eigensucht den Abfall ganzer Geistesscharen von Gott bewirkt haben. Luzifer ist ihr Anführer und ihr Gott Jahwe — bis auf den heutigen Tag." Und zu solcher Charakterisierung bietet These 13 — 15 den Untergrund, wo der Iudengott Jahwe des Alten Testamentes die Ichgestaltung — Personifikation — des Bösen bedeutet, wo er als ein Gott der Grausamkeit und Rache, des Betruges und der Sünde, kurz als ein Teufelsgott analysiert wird und wo Dinter in These 15 zu dem Resultat gelangt, die Juden seien daher nicht das auserwählte Volk Gottes, sondern das auserwählte Volk des Teufels. Und schreiten wir noch weiter in diesem Labyrinth Dinterscher Blasphemien, so stoßen wir auf die alten, „wissenschaftlichen" Ergebnisse, das Alte Testament sei kein göttlich geoffenbartes Buch, sondern das widerspruchsvolle Werk irrender Menschen. In der . gleichen Weise springt Dinter mit den Propheten, mit den Psalmen, mit der Eingottlehre, mit der Sinaioffen-