Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-12-03 · 12 (3.12.1926) · p. Seite 305

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
12 (3.12.1926)
Article
Inhalt
Date
1926-12-03
Page
Seite 305 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727823-2727835--01510-2730583
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rachrichtenblatt der Israelitischen KultuSgemeinöe in München und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Vagerische Israelitische Gememöezeitung Erscheint am Anfang jeden Monats. — Verlag: B. Heller, München, Herzog Marstraste 4/ Zernsprecher 53099/ Postscheckkonto Rr. 39S7 München. Schristleitung: Sr. Eugen Schmidt, Rechtsanwalt in München, Rarlstraste 6. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4 — für das Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene nun-Zeile 40 Pfennige. Zamilienanzeigen, Stellengesuche und ähnliche Angebote if Pfennige. 192,6 München, z. Dezember Kr.IL Inhalt: Paulus unter den Juden — Custos, quid de nocte? — Die Jahrhundertfeier der Universität München — Die Jubiläumsfeier der Universität München und die jüdischen Korporationen — Der Preußische Landesverband lehnt den Entwurf zur Verfassung des Reichsverbandes der deutschen Juden ab — Eine Doppelfeier in Alzenau — Ausbildung jüdischer junger Mädchen zur „Technischen Lehrerin" oder „Gewerbelehrerin" — 30 Jahre K.-C. — Aus dem Verbände — Lehrerzeitung — Aus der Gemeinde — Bücherschau — Vereine — Amtlicher Anzeiger: Berichtigung von Matrikelbüchern; Berichtigung — Personalnachrichten. Paulus unter den luden Eine Chanukka-Betrachtung. Die jüdische Geschichte ist gewiß nicht arm an Momenten, die nicht nur bedeutend, sondern geradezu entscheidend sind. Wie oft hing die Eriftenz unserer Gemeinschaft nur noch an schwachen Fäden, wie oft erschien erst im letzten Augenblick die Rettung. Vom Auszug aus Ägypten angefangen, der darum über den geschichtlichen Charakter hinaus zum Symbol der „ewigen Erlösung" ward, kann man fast Jahrhundert um Jahrhundert solche kritischen Zeiten finden. — „Geschichte und Religion" sagt Werfel in seinem „Argument" zum Paulus „sind unversöhnliche Gegensätze; denn Geschichte rationalisiert den Augenblick des göttlichen Wunders, der am Beginn jeder Stiftung steht". Wie ist es aber, wenn wir das göttliche Wunder nicht nur am Anfang sehen, sondern in steter Wiederholung? Mag sein, daß „die historische Betrachtung religiöser Erscheinungen nicht nur gläubige, sondern auch ungläubige Gemüter verletzt", — aber wie wäre es mit einer Umkehrung? Sollte nicht für den gläubigen Menschen gerade die religiöse Betrachtung historischer Erscheinungen der Rätsel Lösung sein? Wir pflegen mit solchen Gedanken zur Chanukkazeit uns der Vergangenheit zu erinnern und wohl auch Parallelen von ihr zur Gegenwart zu ziehen. Ungesucht mag sich manchem Besucher des Prinzregententheaters eine Ähnlichkeit zwischen der Makkabäerzeit und jenen Jahrzehnten vor der Zerstörung des zweiten Tempels aufgedrängt haben, aus denen das seines Gegenstandes würdige Drama Werfels „Paulus" seinen Stoff schöpft. Die Leitung unserer Staatstheater hat es trefflich verstanden, mit dem Namenshelden die jüdische Umwelt lebendig werden zu lasten. In der Tat ist die Ähnlichkeit der geschichtlichen Situation frappierend; vielleicht würden sogar manche Züge in Werfels Drama mehr in die Makkabäerzeit Hineinpassen als in die zwei Jahrhunderte später liegende, wie die Gestalt des Griechlings Matthias. Wie es auch oft bei der Betrachtung der Makkabäerzeit gefchiebt, daß Streiflichter aus der Gegenwart auf jene Zeit fallen, hat es auch Werfel nicht unterlassen, Gedanken von heute in jenes Jahrhundert zu projizieren. Zwei Gefahren bedrohen in der Makkabäerzeit den Bestand des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion; das Volk, das jahrhundertelang unter babylonischer, persischer'und griechischer Herrschaft gestanden hatte, geriet jetzt in Gefahr, im Syrerreich aufgelöst zu werden; dazu kam, daß das Hellenentum im jüdischen Volk schon große moralische Eroberungen gemacht hatte, und zwar an der Stelle seines geringeren Widerstandsvermögens, in Ägypten; schon drohte diese Bewegung auch nach Palästina überzugreifen, — da riß der Widerstand der Makkabäer das Volk und seine Religion aus der Gefahr, die um ein Geringes beide vernichtet gehabt hätte. Dieselben Gefahren politischer und religiöser Art sind es, die das erste nachchristliche Jahrhundert zu einem so verhängnisvollen gestalten. Sie sind sogar ungleich größer, um soviel größer, als Svrien kleiner war als Rom, dessen Siegeszug über ein so kleines Land binwegschreiten mußte. Hatte der Heldenmut der Makkabäer den Syreranfturm zurückwerfen können, — der nicht geringere Heldenmut der Zeitgenossen des Paulus vermochte nicht, römischer Übermacht und Kriegsgewohnheit ftandzuhalten. Wie groß muß uns dieser Kamps erscheinen, wenn wir uns daran erinnern, daß gerade im Kampf gegen den äußeren Feind das alte jüdische Erbübel, der innere Streit, verhängnisvoll entbrannt war. Die politischen Gegner im jüdischen Lager zerfleischten einander, die religiösen Parteien waren weniger versöhnlich denn je und nun tritt das neue Moment hinzu: die neuentstandene Religion, die für das um seinen Bestand ringende Judentum um so größere Gefahr bot, als auch dieser schwere Kampf sich im Innern des Volkes abspielte. Wie anders wäre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.