Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 11 (8.11.1926)
- Article
- Chabor, Chaibar
- Date
- 1926-11-08
- Page
- Seite 294 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727834-2730406--01495-2730465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
294 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 vücherschau. Chabor, Chaibar. Von Max Brod. Vorbemerkung: Die Mitteilung von der überraschenden Entdeckung eines jüdischen Beduinenstammes behandelt Max Brod in dem folgenden Artikel. Brods Roman „Röubeni" hat hiedurch eine merkwürdige Bestätigung gesunden. Aus Jerusalem Kam in diesen Tagen seltsame Kunde. Der Sekretär des Wahabitenkönigs Jbn Saud, des Eroberers von Mekka, hielt einen Vortrag, in dem er über einen in Zentralarabien lebenden unabhängigen jüdischen Beduinenstamm, den Stamm Haibar, Verbündeten der Wahabi-Araber, berichtete. Dieser Stamm, 60 000 Angehörige zählend, ist kriegerisch und hält die jüdischen Ritualgebote ein, — also ein Stamm unabhängiger kriegerischer Juden. Von einem solchen Stamme behauptete Röubeni, 1523 nach Europa entsandt zu sein, um die Juden zu befreien. —( Graetz erklärt die ganze Sache für Schwindel, das Königreich Chabor oder Chaibar (auch die Lesart Thabor findet sich) für erdichtet. Run stimmt sogar der Name. Und mein Röubeni erscheint rehabilitiert. Nein, er war gewiß kein Schwindler. Liest man sein Tagebuch, das im Breslauer Frankelschen Institut in einer Abschrift vorliegt und mehrfach gedruckt wurde (das Original ist auf rätelhafte Art aus der Oxforder Bodlejana verschwunden, wo es noch 1867 katologisiert und kopiert wurde), — liest man dieses Tagebuch, so hat man durchaus den Eindruck eines naiven, schlichten Menschen, der nichts als Erstaunen darüber empfindet, daß die Juden Europas seinem Besreiungsruse nicht folgen. Sehr -charakteristisch ist etwa die folgende Stelle: „Am Sonntag brachen wir auf, zogen nach Siena und traten in das Haus eines vornehmen Mannes. Jsmaöl Marieto, fein Hort und Erlöser beschütze ihn. Aber er war nicht daheim, sondern in der Stadt; als er später ankam, ließ er uns in ein großes Zimmer seines Hauses eintreten und stellte vier Zimmer und Lager zur Verfügung. Er hatte ein großes Haus, denn er war sehr reich. Und ich fragte ihn: „Was ziehst du vor? Jerusalem, oder wolltest du ewig hier bleiben?" Da antwortete er mir: „Ich habe kein Verlangen nach Jerusalem und will nur hier in Siena bleiben." Das setzte mich in große Verwunderung, daß er den großen Reichtum, den Gott ihm verliehen hatte, nicht zu einer verdienstvollen Tat, für den Dienst Gottes verwenden wollte, sondern unersättlich in seiner Geldgier war. Wahrlich, der Habgierige wird seines Geldes nicht satt." Und so könnte man noch vieles aus diesem ergreifenden Tagebuche ansühren, was unfern Röubeni immer wieder in der Rolle des unerfahrenen, ungebrochenen Volljuden gegenüber den hoch¬ Heinrich Schalit Pianist und Komponist (m. d. österr. Staatspreis f. Komposition ausgezeichnet) Wi ederbeginn des Privatunterrichts Klavier: Von den Anfängen bis zur Reife — moderne Schule—Einzelunterricht und Kurse auch für begabte Anfänger Theorie: Allgemeine Musiklehre, Gehörbildung, Musikdiktat; Harmonie-, Kontrapunkt- und Kompositionslehre. Lied- und Partienstudium Anmeldungen: Bauerstraße 25/IV, Tel. 34220 Der Unterricht wird außerdem erteilt im Studio bei M. J. Schramm, Rosenstraße 5 kultivierten, aber in ihrem nationalen Instinkt schon geschwächten Juden Europas zeigt. Ich gestehe, daß mich die Schimpfereien Graetzens doch etwas angesteckt haben. Zwar sah ich sofort, sogar durch die Graetzsche Entstellung hindurch, die heroische und tragische Größe dieses Mannes. Aber die Suggestion, daß er lüge, war schon zu tief in mich eingefressen und so machte ich ihn zu einem Halblügner. Er war nach meiner Konzeption zwar in Chabor, aber die Gesandtenrolle hat er erfunden. Nach Graetz war er nie in Chabor (Chaibar), weil es einen solchen unabhängigen, jüdischen Staat angeblich damals gar nicht mehr gab. Nur aus Mohammeds Zeit, also von viel früher her, seien noch unabhängige jüdische Stämme in Arabien historisch verbürgt. — Und nun zeigt sich gar, daß ein solcher Name noch heute existiert! Armer Röubeni, wie Unrecht habe sogar ich, dein ehrlicher Bewunderer, dir immer noch getan. Es ist ja vermutlich alles durchaus richtig und wahr, was du in deinem „Neßioth" dem Reisetagebuche, berichtest. Und nun sollte und müßte man, dem alten Zweifler Graetz und mir zum Trotz, dein Tagebuch in aller Schlichtheit als hebräisches Volksbuch in einer guten kritischen Ausgabe und auch in deutscher Übersetzung edieren und die Worte Seumes an den Anfang stellen: „Wir Wilden find doch bessere Menschen." Ja, als ein echter Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte, reiste dieser rührend kindliche und tapfere Prinz bei den Juden des Westens umher und suchte in ihren erstorbenen Seelen die letzten Funken des Judentums neu zu entfachen. Darüber ist er zugrunde gegangen. Das jüdische Volk aber hat bis heute seinen Helden nur dadurch geehrt, daß es ihn durch seine Geschichtsschreiber entweder zur Legende verblassen oder gar verleumden und als Gauner und Hochstapler hinstellen ließ. — Wenn mein Roman den Anfang einer gerechteren Würdigung dieser wirklich ergreifenden Figur, einer der liebenswertesten unserer Geschichte, bedeutet (wohlgemerkt: den Anfang nur, die erste Anregung),— dann will ich mit meiner Arbeit sehr zufrieden sein. In seiner Dissertation über Röubeni, die leider nur eine Teilübersetzung des „Tagebuches" enthält, geht Ed. Biberfeld auch auf den Namen Chabor ein, der heute in der Vokalisierung „Chaibar" eine seltsame und unerwartete Auferstehung feiert. Im 2. Buch der Könige (so zitiert Biberfeld) wird von den zehn Stämmen berichtet, die nach der Zerstörung des Nordreichs Israel von Salmanassar in die assyrische Gefangenschaft weggeführt wurden, und zwar „nach Chelach, Hora und an den Habor". Die Namen deuten auf das Hochland von Iran. Womit auch die in meinem Roman zitierte Quelle („inclusos Intra montes Caspios"), die ich in einem ungedruckten Manuskript der Vatikanifchen Bibliothek, im Codex Tizio gefunden habe, sehr gut übereinstimmt. — Biberfeld meint nun, daß die zehn Stämme von Iran nach Arabien und von da nach Afrika (Falaschas) gezogen seien, wobei sie den Namen Habor auf die von ihnen in Arabien bewohnte Landschaft übertragen hätten. Damit stimmt nun wieder die Behauptung Röubenis (in seinem Tagebuche) überein, daß man in seinem Königreiche Chabor" die Reste der Stämme Röuben, Gad und des halben Stammes Manafse vor sich habe und daß diese Stämme in Verbindung ständen mit den Stämmen Simon und Benjamin, die unter ihrem Könige Baruch ben Jaset zwischen dem weißen und blauen Nil wohnten. Biberfeld verspricht, Beweise für seine Hypothese zu erbringen. Doch scheint er seine Arbeit über die „verlorenen zehn Stämme" nicht abgeschlossen zu haben. — Vielleicht wirkt nun die Nachricht von dem-Unvermutetsten Auftauchen eines solchen verloren-geglaubten Stammes doch ein wenig galvanisierend auf unsere jüdischen Historiographen und Geographen ein und veranlaßt neue Forschungen auf diesem so arg vernachlässigten Gebiete. Eine ganze Menge interessanter Fragen tauchen aus. Ich will nur zwei andeuten: Ob sich wohl noch im Stamme Chaibar ein Andenken an ihren Stammeshelden Röubeni erhalten hat und in welchem Lichte mag ihnen die verunglückte Expedition ihres Königssohnes nach Europa erscheinen? Stehen diese Krieger den Juden Europas auch heute noch so ablehnend gegenüber wie jene jüdischen Beduinen, von deren Überfall auf eine Karawane mir Wolfgang von Weisl erzählt hat? Dieser Überfall soll in einer englischen Zeitschrift etwa um 1880 geschildert fein? Weisls Bericht hat meine Darstellung Röubenis entscheidend beeinflußt. Für Mitteilung von Details über diese, ganze Angelegenheit wäre ich jedermann dankbar.