Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 11 (8.11.1926)
- Article
- Würzburg [Nachricht]
- Date
- 1926-11-08
- Page
- Seite 292 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 TVürzburg. Mittwoch, den 10. November 1926, abends 8 Uhr, singt im „Russischen Hof" der in Münchner jüdischen Kreisen best bekannte Bariton Max Gund er, „Die Winter reise" von Schubert. Die Begleitung liegt in den Händen des bekannten Münchner Gesangsmeisters Julius Schweitzer. Attlhermsdorf. Am 25. Oktober vollendete in voller körperlicher und geistiger Frische der erste Vorstand unseren Gemeinde, Gemeinde- und Armenrat sowie Ersatzmann der Tagung des Gemejndeoerbandes, Herr Heinrich Ehrenbacher, sein 70.. Lebensjahr. Seit fast vier Jahrzehnten leitet er die Gemeinde in hingchungsvollller Treue und streut sich allenthalben durch sein vornehmes Wesen und Betätigung im Dienste der Allgemeinheit der größten Achtung. Bon der Gemeinde, deren Begirksrabbinate und den Vereinen, denen er angehört, wurde er durch Geschenke und Ansprachen allseits geehrt. Möge dem verehrten Vorstandsveteran ein recht glücklicher Lebensabend beschieden sein. ttus der Semeinde Vortrüge 3000 Jahre hebräische Sprache. Über obiges Thema sprach im Rahmen der gemeindlichen Lehrkurse Professor Dr. Felix Perles (Königsberg), der unseren Lesern als Mitarbeiter unserer Zeitung bereits aus einen Reihe von Aufsätzen bekannt ist. In anschaulicher Weise wußte der Gelehrte ein Bild von den verschiedenen Epochen im Entwicklungsgang der hebräischen Sprache zu geben. Die hebräische Sprache gehört zur westlichen Gruppe des semitischen Sprachstammes. Die Bezeichnung „hebräisch" ist jung und findet sich erst 130 v. Ehr. Bei Jesaias heißt sie die Sprache Kanaans. Diese Bezeichnung ist die korrektere. Die Anfänge der Sprache verlieren sich im Dunkel, jedoch steht fest, daß die Sprache bereits vor der Religionsgründung da war, da verschiedene Wortbildungen deutlich auf heidnische Gebräuche zurückgehen. Die 1. Periode reicht bis zum 1. babylonischen Exil. Während dieser Zeit ist ein gewisser Einfluß des Assyrischen zu verzeichnen. In der darauffolgenden nachklassischen Epoche hörte das Hebräische auf, die alleinige Sprache der Juden zu sein. In Babylon lernten die Exilanten das Babylonische. Daher sind die gebräuchlichen Monatsnamen babylonischen Ursprungs. Die im Land Zurückgebliebenen lernten neben dem Hebräischen das Aramäische. Auch diese Sprache übte einen starken Einfluß aus; dies zeigt sich an den Klageliedern, bei Ezechiel und anderen. Besonders sinnfällig ist der Einfluß bei Esra und Daniel, wo einige Kapitel rein hebräisch, andere rein aramäisch sind. Am stärksten ist der Einfluß u. a. in den Büchern Koheleth, Chronik, Ruth. Auch das Griechische beeinflußte die Sprache, insbesondere die Phraseologie. Es folgt hierauf die neuhebräische Epoche. Hier wird das Aramäische Umgangssprache, während das Hebräische Schul- und Literatursprache, jedoch nicht Kultsprache wird. Später allerdings wird das Hebräische Kultsprache, zugleich setzt e,in starker Purismus ein. Die Mischnah ist neuhebräisch, dagegen die Gemarah aramäisch. Einen starken Aufschwung erlebt die neuhebräische Lyrik in den synagogalen Gesängen. Als Vertreter neuhebräischer Lyrik sind besonders zu nennen Salomon Jbn Gabirol und Jehuda Haleoi, sie sind die beiden ersten größten Lyriker im mittelalterlichen Europa vor Petrarca und Walter von der Vogelweide, Aristoteles, der ins Arabische und dann ins Hebräische übertragen wurde, kam . erst auf diesem Umwege wieder zu den mittelalterlichen Christen, ’ bei denen er vergessen worden war. Unte,r dem Einfluß des Ghettos verkümmerte die Pflege des Hebräischen bei den Juden, in der Zeit Mendelsohns kommt es zu einer vorübergehenden Blüte. Dagegen entwickelt sich in Osteuropa eine große hebräische Literatur, die von Männern wie Perez, unter den Lebenden Achad Haam und Bialek geschaffen wird. Das ruhmvollste Kapitel der hebräischen Sprache ist ihre Renaissance in Palästina, in den jüdischen Kolonien. Wenn auch moderne Bezeichnungen dort zum Teil dem Arabischen entlehnt sind, so ist doch der Charakter der Sprache dadurch unbeeinflußt geblieben. Der Redner schloß mit dem Aufruf zur Pflege der hebräischen Sprache, die nicht nur ein kösüiches Gefäß, sondern auch der gemeinsame Boden des Judentums sei. S. Der moderne Mensch und die Religion. Am 12. Oktober sprach Dr. Elk auf Einladung des Jüdischen Jugendvereins im Museumssaal über „Der moderne Mensch und die Religion": Nicht jeder Mensch wird von den wirkenden Kräften unserer Zeit bewegt. Dies ist nur ein kleiner Kreis, die städtische Mittel¬ und Oberschicht. Bei uns Juden ist dies allerdings ein verhältnismäßig großer Kreis. Es sieht zunächst so aus, als ob der moderne Mensch keine, Beziehung mehr zur Religion hätte. Er leugnet den Offenbarungscharakter der Religion, womit eine Stütze ihrer Autorität entfällt. Der moderne Mensch enffremdet sich dem Ritus und Kult und entfremdet sich so der religiösen Gemeinschaft. Eine zunehmende Individualisierung und eine Atomisierung der religiösen Gemeinschaft tritt ein. Aber auch der einzelne hat das Interesse für jene Probleme verloren, die früher die Gemüter bewegten. Der Begriff der Sünde entschwindet zu dem Begriff einer seelischen Krankheit, die der kundige Arzt zu heilen vermag. Man denkt nicht mehr an den Tod, das Leben stellt zu viele Aufgaben. Man sucht nach Ersatzbildungen und findet diese in der Kunst, vor allem in der Musik und in einer Vergeistigung und Ästhetisierung der Natur. So scheint es, daß für den Modernen in seiner Beziehung zur Religion nichts übrig bleibt, als der Tatbestand, daß er an den höchsten Tagen die Gotteshäuser zu besuchen pflegt. Es wäre, jedoch unrichtig, diese Erscheinung als bloße „Pietät" zu erklären. Es ist dies vielmehr bei aller Entfremdung von der Religion ein letzter Zweifel und eine letzte Angst, die ihn dazu tre,ibt. Diese Phänomen zu erklären, bedarf es eines Überblicks über die Entwicklung der Religion. Was den primitiven Mensch zur Religion treibt, ist das Bestreben die gewaltigen Mächte der Natur zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Er glaubt an eine primitive Kraft, die in den Dingen steckt, da ihm noch nicht die Ergebnisse einer jahrtausendealten Kultur zur Verfügung stehen. Aus verschiedenen Erscheinungen: Traum, Schlaf, Tod, kommt er zur Seelenvorstellung. Zugleich ist die Religion dem primitiven Menschen ein soziales Mittel. Die Gemeinschaft muß aufrechterhalten bleiben, ihre Autorität wird erhöht, wenn ein höheres Wesen über ihr steht. In einer weiteren Epoche enffteht das Bewußffein, von dem was in der Umgebung ist, verschieden zu sein. Es enffteht der Gedanke eines höheren Planes, der über der Menschheit waltet, der Glaube an den Sieg des Rechtes. Gott ist nicht mehr der Garant der sozialen Ordnung, sondern etwas Höheres, auf den sich der Glaube an die Seele und an die Gerechtigkeit gründet. Mit dem Zeitalter der Renaissance und der Aufklärung wird dieses System der Religion zerstört. Kopernikus reißt den Menschen aus dem Mittelpunkt der Welt, Laplace stellt eine neue Theorie des Weltgeschehens auf, Darwin nimmt dem Menschen den Schein einer besonderen Stellung, Kant gründet die Sittlichkeit auf die Ver- Hat wirklich die Religion noch Platz in der modernen Kultur? Es erscheint zunächst schwer die Frage noch bejahend zu beantworten. Dennoch lebt in unserer Zeit eine Sehnsucht nach dem Übersinnlichen, nach dem Religiösen. Dies rührt her von dem Bewußten, um das Geheimnis in dem wir leben, das Geheimnis, das durch keine Wissenschaft, durch keine Technik enthüllt werden kann. In uns lebt auch der Glaube an das Recht, der in den verschiedenen Bestrebungen sozialer Art zum Durchbruch kommt. Wenn wit tiefer forschen, so sehen wir, daß ein Arbeiten an diesen Aufgaben nur möglich ist, wenn wir glauben. Religion bedeutet, daß in der Welt nicht eine blinde Kraft, sondern ein leitender Wille herrscht. Wenn der moderne Mensch dies erfaßt, dann gewinnt er wieder eine andere Stellung zur Religion und auch eine andere Stellung zur Kulffprache der Religion. Der Glaube, an dm Sieg des Rechtes, der Glaube, daß über der Geschichte ein tieferer Sinn waltet, fordert auch die religiöse Gemeinschaft, denn nur in der Gemeinschaft kann dieser Glaube verwirklicht werden. So findet der moderne Mensch den Weg zur religiösen Gemeinschaft zurück. Das Religiöse hat noch Raum in unserer Kultur. Der moderne Menfch gibt der Kultur sein Recht. Ihren letzten Sinn jedoch erhält die Kultur durch den religiösen Glauben, er erst hebt sie über den Stand der Zivilisation hinaus. Die in großer Zahl erschienenen Zuhörer spendeten dem Vortrag Dr. Elk reichen Beifall. S.