Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 11 (8.11.1926)
- Article
- Von unserem Gruppenleben
- Date
- 1926-11-08
- Page
- Seite 284 (sequence 2)
- Language
- German
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284 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 Art, ähnliche Gestalt. Doch den Vierzehn-, Fünfzehnjährigen werden diese Formen allmählich zu eng. Sie beginnen nach dem Sinn unseres Tuns, unseres hündischen Lebens, nach dem Woher? und Wohin? zu fragen. In ihren Gruppen ist eö Aufgabe des Führers und ganz ebenso der Führerin, dem jungen Menschen die gefährliche, unruhvolle Zeit von vierzehn bis achtzehn Jahren zu einer fruchtbaren gestalten zu helfen. Es gilt die vielen Fragen, die vor allem auf den wachen jungen Juden einftürmen, zur Ordnung und Klärung zu führen. Und dann aber den Buben und das Mädel aus dieser notwendigen Zeit des Nachdenkens und GrübelnS hin zum Handeln im Geiste des Bundes, zum eignen Werk zu führen. Im Kreis der Großen endlich findet der Ältere, nunmehr schon ein Stück in anderem Lebenskreis, in Beruf, in der Fadimlie Stehende den nötigen Rückhalt, der Führerkreis ist dem Einzelnen Brücke zum Bund, der Ortsgruppe aber die führende, richtunggebende Kraft. Die Fahrt am Sonntag, der Heimabend, der Nachmittag auf der Spielwiese oder im Schwimmbad, das ist der Alltag unseres Gruppenlebens. Doch vieles Besondere auch bringt uns das Jahr. Alle Monat etwa ist Ortsgruppenfahrt. Hei, das ist ein Leben, wenn die acht Buben- und Mädelsgruppen mit ihren Wimpeln angerückt kommen. Die Gruppen, die die ganze Zeit sonst dabei sind, sich mehr und mehr zu formen, sich immer enger zu schließen und hoher zu bilden, finden sich hier zu froher Gemeinsamkeit: alle fühlen das Band, das sie umschließt. Und wer zum erstenmal dabei ist, freut sich über die große Schar! Neulich waren gar unsere Eltern mit zu solcher Ortsgruppenfahrt. Sahen unser gemeinsames, zuchtvolles Leben, fteuten sich unserer Spiele, unserer Lieder, sahen den Sport der Buben, den Tanz der Mädel. Und fteuten sich der besonderen Dinge, die wir ihnen zu Ehren vorbereitet. Je mehr der Sommer fortschreitet, desto höher wird der Flug unseres Kameradenlebens. Nun sind wir gelegentlich auch über Nacht auf Fahrt: wie schön ist die Wanderung im abendlichen Wald, wie gut schläst's sich dann beim Bauern im Heu, oder draußen im Zelt mitten im Wald, wie herrlich ist erst das Erwachen des jungen Tages. Dann kommt der Festtag des Bundes am HimmelfahrtStag. Da die Ortsgruppe auf ftoher Treffahrt zur Feier unseres Beisammenseins zusammenkommt. Und der Führer vom Geschehen dieser Jahre seither spricht und von all dem, was noch zu tun ist. An Pfingsten dann ist der Gautag. Im Lagerleben finden sich die Buben und Mädel zusammen. Die Führer eint ernste Aussprache. Am Abend steht der Gau um den flammenden Holzstoß, Weihelieder tönen im Kreis, eine Gruppe spielt ein ernstes Spiel, der Gauleiter spricht. Und allmählich wird eS fröhlich und ausgelaffen. Wir singen alte Landsknecht- und Bauernlieder, springen über das Feuer, allein zuerst, dann zu zweien, zu dreien, mit unseren besten Kameraden. Seinen Höhenpunkt aber hat unser Jahr in der Großen Fahrt. Sie erst gibt einer Gruppe ganz das Gefühl der Gemeinschaft. Weit herum sind unsere Gruppen heuer wieder gekommen. Im Böhmerwald die einen, im Maintal und im Spessart die andern, etliche gar im Salzburgischen und Kärntischen. 'Das gemeinsame Schauen und Erleben in der Natur, im neuen, jeden Tag schönen und wunderbaren Land. Das Aufeinanderangewiesensein des schlichten Fahrtenlebens schließt Führer und Schar fest zusammen; Freundschaft und Kameradschaft, Hingabe und Hilfsbereitschaft, Dienst am Ganzen keimen im Gruppenleben des Jahres, auf der großen Fahrt aber finden sie ihre schönste Erhöhung und Bewährung. Der Bundestag krönt die Große Fahrt. Wohl an sechshundert von den zweitausend Kameraden des Reiches trafen sich heuer im Oberpfälzifchen zuist Bundesfeft. Wenn auch die Sonne uns dort nicht immer lachte, das böse Wetter uns die Freude des Zeltlagers verdarb, wenn auch der Führertag in Nürnberg zuvor manch harte Nuß zu knacken aufgab, so haben wir doch vom Bundestag mit seinen hohen Feiern, seinen frohen Wettkämpfen, seinen mannigfaltigen, ftuchibaren Aussprachen und Arbeitsgemeinschaften viel neue Freude und Kraft zur Arbeit mitgebracht, zu bauen. Paul Rothschild. bericht über die Tätigkeit des Wohlfahrtsamtes im lautenden Zahr. Erstattet vor dem Sozialen Ausschuß der Gemeinde am 27. Oktober 1926. Im vorigen Jahr wurde über die Abteilung 6 des Wohlfahrtsamtes, Jugendfürsorge, über ihre Einrichtungen und Ziele, ausführlich Bericht erstattet. Hier soll nur kurz zusammengefaßt werden, wie in diesem Jahr sich unsere, Arbeit gestaltet hat; der Bericht ist auf die Tätigkeit der offenen Jugendfürsorge beschränkt. Es find in diesem Jahr im ganzen 202 Fälle zur Behandlung gekommen, das bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von über 50 Fällen. Nicht mit eingerechnet sind hier die Verbandsfälle, zur Zeit 15 an der Zahl. Für das Etatjahr 1. Januar bis 31. Dezember 1926 sind Ende letzten Jahres für die offene Jugendfürsorge M. 7000.— bewilligt worden; bis zum 1. Oktober 1926 wurden M. 8472.62 ausgegeben. Wir erhielten jedoch durch Angehörige, durch Staat oder Stadt, durch die Israelitische, Krankenfursorge und die Jüdische Tuberkulosenfürsorge in Berlin M. 1242.65 zurückerstattet, so daß die Reinausgaben der Jugendfürsorge noch M. 7229.97 betrugen. Es geht daraus hervor, daß die von der Gemeinde für die offene Jugendfürsorge genehmigten Mittel für das Jahr 1926 bereits überschritten sind. Der Verein Jugendhilse muh sich nun bemühen, die für den Rest des Jahres anfallenden Ausgaben durch Spenden zu decken. Die insgesamt befürsorgten 202 Kinder verteilen sich folgendermaßen: 7 Säuglinge, 30 Kleinkinder, 97 Schulkinder und 68 Jugendliche. Im Monat waren durchschnittlich 100 Fürsorgesälle zu behandeln, 25 bis 30 Hausbesuche und ungefähr ebensoviele sonstige Gänge z. B. zum Jugendamt, zu den Bezirkswohlfahrtsämtern, in Schulen usw. Die täglichen Sprechstunden sind im Monat von etwa 120 Kindern oder Eltern aufgesucht worden, was gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um fast das Doppelte bedeutet. Unter den Aufgaben der Jugendfürsorge standen auch in diesem Jahr die Erholungsfürsorge mit an erster Stelle. Es wurden im ganzen 126 Kinder in Erholung geschickt, davon 50 vom Verein Ferienkolonie in dessen Heim nach Krumbach. In Wolftatshausen waren im Laufe des Jahres 40 kranke oder rekonvaleszente Kinder, davon 37 auf Kosten der Gemeinde. Rach Kissingen konnten wir 9 sehr erholungsbedürftige und schwächliche Kinder schicken, bis auf eines alle auf Kosten des Verbandes. (Aus dem Lande wurden außerdem in den beiden letztgenannten Heimen in diesem Jahre durch unsere Vermittlung 52 Kinder unte,rgebracht.) 17 Schulkinder und Jugendliche waren im Sommer bei Familien auf dem Lande. Leider wird es von Jahr zu Jahr schwerer,