Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 10 (7.10.1926)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1926-10-07
- Page
- Seite 257 (sequence 1)
- Language
- German
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Kachrichtenblatt üer Israelitischen Kultusgemeinüe in München unö öes VerbanüeS Sagerischer Israelitischer Gemeinöen Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am Anfang jeöen Monats. — Verlag: B. heller, München, Herzog Marstraße 4, Zernsprecher 53099/ Postscheckkonto Hr. 3987 München. Schristleitung: Dr. Eugen Ochmiöt, Rechtsanwalt in München, karlstraste 6. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4.— für üas Fahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene nun-Feile 40 Pfennige. Familienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Pfennige. 1926 München/ 7. Oktober Kr. io Inhalt: Rom und Jude — Zur Schächtfrage — Zur Geschichte der Juden in München (Schluß) — Jüdischer Reichsverband — Zentralstelle für jüdische Adoptionsvermittlung — Zsntralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden — Rathenow — Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde — Bücherschau — Vereine — Personalnachrichten — Kalendarium. Nom und Juda von Dr. E. Brandenburg. Die folgenden Ausführungen des bekannten Archäologen, der am 27. Oktober im Rahmen der gemeindlichen Lehrkurse über seine neuesten Forschungsergebnisse in Palästina berichten wird, dürften besonderes Interesse finden. Man hat schon öfters den Charakter des Römers mit dem des Juden verglichen, was aber immer eine mißliche Sache ist, da man den Charakter eines ganzen Volkes, das sich doch aus so vielen und verschiedenen Elementen zusammensetzt, schlecht fassen kann; es werden daher immer nur gewisse, einzelne und besonders hervorstechende, durch Vererbung, klimatische und religiöse Einflüsse erlangte Eigenschaften sein, die bei solchen völkerpsychologischen Experimenten in Frage kommen. Von diesem notwendigerweise etwas verklausulierten Standpunkt aus lassen sich aber gewisse Parallelen zwischen beiden Charakteren feststellen. So haben der Jude und der Römer in hohem Maß analytische -Qualitäten, die sich bei erfterem in seinem scharfen Witz, der sofort beim Gegner die wunde Stelle herausfindet, in knapper Weise charakterisiert und geißelt, äußert, wogegen ihm der gemütliche Humor fehlt. Als vor der Seeschlacht von T. (eS ist so lange her, daß ich das in der Schule „gehabt habe"; ich habe die Namen vergessen!) die heiligen Orakelhühner nicht fressen wollten, was höchst fatal war, ließ der Feldherr P, ärgerlich darüber, sie ins Meer werfen, indem er sagte: „Wenn sie nicht fressen wollen, so laß sie saufen!" — Das könnte auch ein Jude gesagt haben. Mit diesen wenigen Worten ist der antiquierte Aberglaube an die höhere Weisheit stupider Tiere abgetan! Auch zwischen den echt jüdischen Gestalten der Makkabäer und so manchem Römer, und zwar in dem Sinn, den wir in das Wort legen, könnte man leicht Vergleiche anftellen. Ist diese nicht zu leugnende Ähnlichkeit nun ein bloßes Produkt des Zufalls, denn die äußern und innern Geschicke Roms und Juda —Israels sind so ganz verschieden, oder beruht das auf gemeinsamen Ursachen? Der Historiker, der am Buchstaben deS Geschriebenen und Überlieferten hängt, wird nein sagen; wenn man die Geschichte der Menschheit aber vom einzig wahren Standpunkt, nicht nur dem der Schlachten, d. h. die kulturloseste Seite der Menschen registriert (Schlacht kommt von Schlachten), sondern von dem der wechselseitigen Kulturbeziehungen betrachtet, die die ganze alte Welt wie ein vielverschlungenes, oft schwer zu entwirrendes Netz umspannen, so kann man diese Frage bejahen. Um das zu verstehen, müssen wir einen kurzen Blick auf die großen Geschehnisse der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung werfen. Da tritt nämlich neben die beiden großen Weltmächte, Babylonien und Ägypten, noch eine dritte, Cheta. Als Söhne HetS sind die Hettiter freilich schon seit langem aus der Bibel bekannt, aber doch eigentlich erst, nachdem der geniale und zu früh verstorbene Hugo Winkler, vor nun grade zwanzig Jahren ihre Hauptstadt mit einem großen diplomatischen Archiv gefunden hat, fangen wir an, Näheres über sie zu wissen; einerseits grenzte ihr Reich an Nordmesopotamien, anderseits erstreckte es sich über Syrien bis zum Karmel, der die Grenze zwischen ihm und der damals ägyptischen Provinz Palästina bildete. Doch selbst in Südpaläftina waren sie die „Herrenschicht", wie das die Bibel beim Grabkauf Abrahams in Hebron bezeugt. Also kamen die Hettiter auch kulturell mit den beiden andern Staaten in nahe Berührung, so daß wir in ihrer eignen Kultur zahlreiche Elemente der beiden andern Nachweisen können. Wenn nun die Hettiter ethnologisch auch kein einheitlicher Begriff waren (ihre Hauptmasse war, nach Prof, von Luschan,