Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (8.9.1926)
- Article
- Zur Geschichte des Synagogengesanges in Deutschland
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 242 (sequence 1)
- Language
- German
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Bayerische Israelitische Gememdezeitung Nr. 9 Zur Seschichte des Synagogengefanges in Deutschland Der Synagogengesang der deutschen Juden ist das Produkt einer vielhundertjährigen Entwicklung, die sich auf dem Wege mündlicher Überlieferung vollzogen hat. Sein ältester Teil, die kantillierenden Vorlesungen aus der Thora und den Propheten, die rezitativischen Singweisen der Stammgebete, insbesondere an den Werktagen, sie lassen noch heute Motive und Kandenzierungen erkennen, deren palästinensischer Ursprung bis ins Altertum, bis in die vorchristliche Zeit zurückführt. Diese Behauptung stützt sich auf nachweislich vorhandene Analogien mit Singweisen des gregorianischen Chorals, auf dessen Beeinflussung durch den Synagogengesang auch in neuerer Zeit von dem Kirchenmusik- Historiker Peter Wagner in seiner „Einführung in die gregorianischen Melodien" an verschiedenen Stellen hingewiesen worden ist. Sie stützt sich aber auch aus die Tatsache, daß dieses uralte Chasonus pentatonische und tetrachordische Tongänge aufweist, die schließlich zu vorzugsweiser Verwendung der phrygischen, dorischen und mixolydischen Tonart führten. Wohl besitzen wir in dem tiberiensischen Akzentuationssystem aus etwa dem 7. Jahrhundert u. d. g. Z. eine Art Notenschrift, deren Zeichen „Neginoth" aber nicht je einen Einzelton, sondern Tongruppen darstellen, die wohl schon Jahrhunderte vorher in Übung mögen gewesen sein, Zeichen, die für die Bestimmung der Höhe des Anfangstones keinerlei Anhaltspunkte bieten, infolgedessen konnten und können sie auch nur wieder von Mund zu Mund erlernt werden. Ehrfurcht vor diesen musikalischen Überbleibseln aus grauer Vorzeit, der Vortrag dieser schlichten, rezitativischen Weisen in den frühesten Zeiten durch ehrenamtliche Vorbeter und durch die Gemeinde in Responsorien oder Antiphonien, schützte sie bis zu einem gewissen Grade vor allzustarkem Eindringen fremder Einflüsse. Dies wurde anders als das Gebetsritual im Mittelalter eine wesentliche und wachsende Erweiterung erfuhr. Die in Prosa und mit zahlreich eingestreuten Bibelversen abgefaßten Stammgebete wurden Jahrhunderte hindurch bereichert durch metrische, religiöse Poesien. Anstelle des ehrenamtlichen — trat oft der Berufsvorbeter, der mitunter den Dichter und den Komponisten in seiner Person vereinigte. Für seine Melodien, die nunmehr häufig die geschlossene, rhythmisierte Liedform erhielten, verwendete er wohl auch traditionelle, synagogale Motive und schuf Kunstwerke, die namentlich an Festtagen auch heute noch tiefgehende, Herz und Gemüt ergreifende Wirkungen hervorzubringen vermögen. Zu ihnen zählen jene allbekanMen Weisen des Kol nidrei, der Aboda, des Olenu leschabbeach, die verschiedenartige Stimmungen zum Ausdruck bringenden Kaddeschim und noch viele andere Perlen des Synagogengesanges. Aber auch Entlehnungen, bewußt und unbewußt, aus dem Liederschatz der Wirtsvölker, in deren Mitte Juden lebten, waren LEBEN- UNFALL¬ EINBRUCH FEUER- GEPÄCK- Telephon 73619 Versicherung E. C A H N Grimmstraße 4/1 an der Tagesordnung, trotz des Widerspruchs von rabbinischer Seite. So gewahren wir unter den Gesängen der synagogalen und häuslichen Liturgie der Juden in Deutschland einen nicht unbeträchtlichen Teil, dessen Herkunft vom deutschen Volksliede in mehr oder minder notengetreuer Fassung nicht bezweifelt wird. Diese Entwicklung muhte sich verhängnisvoll auswirken, als von musikalisch ungebildeten, urteilsunfähigen Elementen ohne Bedenken triviale Melodien, ja Gassenhauer, verwendet wurden, um sie auf heilige Texte an heiliger Stätte zu singen. Der Niedergang, die Verwilderung des Synagogengesanges erfuhr noch eine Verschärfung durch das Bestreben vieler Berufsvorbeter, mehr durch virtuosenhafte Gesangsleistungen glänzen zu wollen, als durch Innigkeit und Schlichtheit des Vortrages. A. Z. Jdelsohn, der verdienstvolle Forscher auf dem Gebiete des Synagogengesanges, charakterisiert sie treffend mit folgenden Worten: „Seit etwa dem 16. Jahrhundert bildete sich in Deutschland und Polen der Typus von wandernden Chasanim, etwa den Troubadours und Minnesängern ähnelnd. In Osteuropa erhielten sie sich bis auf die Gegenwart. Ihre Gesangsweise entartete zu Zigeunervirtuosität. Die besten unter ihnen entfalten eine blendende Kehlfertigkeit bei enormen Stimmitteln. Die von ihnen verfaßten Stücke bilden ein Gemisch von traditionellen Motiven mit Marsch- und Opernbrocken nebst halsbrecherischen Flöten- und Geigenpassagen, getragen von schlechter Harmonie. Sie wirken auf die Hörer nur momentan, etwa wie die Schaustücke der Tausendkünstler." Ein so gearteter Gottesdienst, mit den Ghettospuren ästhetischer und kultureller Rückständigkeit, konnte einer Generation nicht mehr genügen, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert im Begriffe stand, moderne Bildung, moderne Kultur in sich aufzunehmen. Die immer lauter sich erhebende Forderung nach einem auch in musikalischer Hinsicht zeitgemäß ausgestatteten Gottesdienst führte Salomon Sulzer, den Reformator des Synagogengesanges, auf den Plan, der in der ersten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts als Oberkantor der Wiener Gemeinde ein vorbildlich wirkendes Muster eines zeitgemäßen Gottesdienstes schuf. Neben der Einführung eines vierstimmigen Chores, der auch den Gemeindegesang führen und stützen sollte, machte er sich besonders verdient durch eine geläuterte Wiederherstellung des traditionellen Synagogengesanges. Das gleiche Ziel mit gleich großem Erfolge erreichte in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts der Berliner Chordirigent und Musikdirektor Louis Lewandowski, dessen musikalische Schöpfungen, mit und ohne Orgelbegleitung, diejenigen Sulzers aus den deutschen Synagogen nahezu verdrängt haben. Beide aber, und auch ihre Nachfolger, würdigten nicht genügend die Eigenart der jüdischen Musik in ihrem Schaffen für die Synagoge. Wohl weiß ich, daß der Begriff „jüdische Musik" ein noch viel umstrittener ist. Gleichwohl verstößt es gegen das Stilgefühl, wenn traditionelle Motive, mit altertümlichen Wendungen, die allerdings auf Einstimmigkeit beruhen, in ein modern harmonisches Gewand gekleidet werden, wenn Responsorien charakteristisch jüdischen Gepräges ganz modern empfundenen weichen mußten. In dieser Hinsicht scheint sich in der neuesten Zeit ein Umschwung in den bisherigen Anschauungen zu vollziehen, der eine heilsame Weiterentwicklung des Synagogengesanges erhoffen läßt. E. K i r s ch n e r.