Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 9 (8.9.1926)
- Article
- Die gute alte Zeit
- Date
- 1926-09-08
- Page
- Seite 238 (sequence 2)
- Language
- German
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238 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung dir. 9 Doch es nützt wenig, wenn wir nur feststellen, daß es ein allgemein menschlicher Zug ist, das überwundene Leid schnell zu vergessen; sondern diese Feststellung muß uns auch dazu führen, ein Mittel zu finden, um die verhängnisvollen Folgen dieser Erscheinung zu beseitigen. Dieses Mittel kann nur «eines sein: wir müssen uns mit unserer Vergangenheit besser vertraut machen, wir müssen fleißiger Geschichte studieren, um einen richtigen Maßstab für die Beurteilung unserer Zeit zu gewinnen. Wenn wir verstehen, wie und woraus sich die Zustände der Gegenwart entwickelt haben, werden wir erst ihren wahren Wert erkennen. Speziell, wenn wir die äußere und innere Verfassung des Judentums von heute mit früheren Zeiten vergleichen, müßten wir förmlich mit Blindheit geschlagen sein, wollten wir nicht die Fortschritte anerkennen. Wir brauchen unsere Augen durchaus nicht vor den schweren Schäden unserer Zeit zu verschließen und müssen doch bei unparteiischer Prüfung uns eingestehen, daß alle Schattenseiten der Gegenwart gegenüber ihren Lichtseiten bei weitem zurücktreten. Versetzen wir uns einmal in die Zeit heute vor 120 Jahren und vergegenwärtigen wir uns das damalige Aussehen des deutschen Judentums! Da waren wir noch nicht einmal Bürger des Staates, da hießen wir noch „Schutzjuden", und jeder von uns mußte das Recht, nur die Luft des Landes zu atmen, sich besonders erkaufen. Die meisten Berufe waren uns unzugänglich, die Schulen des Landes, die hohen wie die niederen, verschlossen, und was die natürliche Folge war, die Bildung der Juden war zurückgeblieben und einseitig: sie waren abgeschnitten vom Strome der Weltkultur, den sie in ihrer nächsten Nähe dahinrauschen sahen, ohne sich in seinen Fluten baden zu können. Aber auch unser religiöses Leben war durch die Not der Zeiten verkümmert und entwürdigt. Wohl war der religiöse Sinn überall verbreitet, waren Eottvertrauen und Opfermut selbstverständliche Eigenschaften jedes Mitgliedes unserer Gemeinschaft, aber welch trübes Bild bot doch unser Religionswesen nach außen und innen! Der Gottesdienst war im vollsten Sinne des Wortes verwahrlost; fast nie ertönte das belehrende Wort im Gotteshause, und wenn es zweimal im Jahre, am Sabbath vor Peßach und vor dem Versöhnungstage, geschah, dann in einer Form und mit einem Inhalte, die höchstens dem talmudisch vorgebildeten Hörer etwas bot, aber die Menge, namentlich die Frauen und Kinder leer ausgehen ließ. Kein sangeskundiger Vorbeter erhob die Gemeinde durch weihevollen Vortrag der Gebete, sondern in wirrem Durcheinander und schriller Disharmonie ertönten die Gebete der ganzen Gemeinde. Ter Jammer, der in ihrem Innern lebte, machte sich Luft in ekstatischem Gebete, das zwardurch seine Andacht rührend, aber in seiner Form abstoßend war. Auch außerhalb des Gotteshauses bot das religiöse Leben ein wenig erfreuliches Bild. Seit Jahrhunderten unverändert, war die äußere Betätigung der Frömmigkeit erstarrt und beschränkte sich auf die gewohnheitsmäßige Übung aller Gebräuche und Traditionen: aber der Geist war daraus entwichen, der tiefere Gehalt des Judentums war längst aus dem Bewußtsein geschwunden. Von einem wirklichen jüdischen Geistesleben oder gar von einem selbständigen Schrifttum waren kaum Ansätze vorhanden. Da kam die Zeit, wo die Juden fast gleichzeitig die Befreiung aus dem Ghetto und den Anschluß an die allgemeine Kultur erlangten, und die nun folgende Übergangszeit bot ein noch trüberes Bild. Tenn jetzt standen das alte Judentum und die moderne Bildung im Kampfe miteinander, jetzt wurde die Meinung laut, es könne nur Judentum ohne moderne Bildung oder moderne Bildung ohne Judentum geben. Fanatisch schlossen sich die Anhänger des Alten von dem Geist ihrer Zeit ab, fanatisch hielten sich die Freunde der modernen Bildung vom Judentum fern, es erfolgten Massenübertritte zur herrschenden Religion, die Gebildeten mieden das Gotteshaus, die Jugend wuchs größtenteils ohne jede religiöse Unterweisung auf; es sah ganz so aus, als sei das Judentum nur noch eine Mumie, die bei der Berührung mit der Luft zerfällt, aber nicht eine geistige und sittliche Macht, die berufen ist, die Welt zu erlösen. Da erstanden große Männer, die unsere Zeit vorbereiteten, deren Bestrebungen «erst «allmählich anfangen verstanden zu werden, aber noch lange nicht allgemein durchgedrungen sind, Männer, die tiefe Religiosität mit tiefer Kenntnis aller jüdischen Werte und ebenso tiefer Allgemeinbildung und Gelehrsamkeit vorhanden, Männer, die dem Judentum wieder den Einfluß auf unser Leben zu verschaffen suchten, der ihm zukommt, und einen Ausgleich zwischen Judentum und modernem Denken anbahnten. Noch ist ihre Saat, wie der häßliche Parteikampf zeigt, nicht ganz aufgegangen; doch eine entschiedene Wendung zum Besseren zeigt sich schon an allen Stellen. Das Judentum ist wieder zum Selbstbewußtfein erwacht; es erweist sich als kulturschöpferische Macht und erstreitete sich nach außen und innen immer mehr die gebührende Stellung. Die begeistertsten und opferfreudigsten Söhne unserer Gemeinschaft begnügen sich nicht damit, nur hierzulande das jüdische Leben zu wecken, sondern gehen auch daran, mit ihrer Hände Arbeit das Land der Väter aufzubauen und dort mit ihres Geistes Arbeit Sprache und Schrifttum Israels wiederum in altem Glanze auferstehen zu lassen. Doch auch in den Kreisen, die diesen Bestrebungen ablehnend und verständnislos gegenüberstehen, regt sich immer stärker der Wille zum Judentum. Man weift dort klarer als früher, warum man Jude ist und Jude bleiben will, bringt sich und bringt bereits der Heranwachsenden Jugend zum Bewußtsein, was die Welt schon dem Judentum verdankt, und was es ihr noch zu bieten berufen ist. Man mißt das Judentum an den andern geistigen Werten, die es noch daneben gibt, und lernt es dadurch in seiner Eigenart und Einzigartigkeit schätzen, und gerade die geistig Höherstehenden besinnen sich immer mehr auf das, was sie dem Judentum danken und ihm zurückzugeben verpflichtet sind. All das sind große Fortschritte gegenüber der Vergangenheit, die wir aber vielfach gar nicht mehr als solche empfinden. Denn wir haben uns schon daran gewöhnt, daß wir es als etwas Selbstverständliches ansehen und gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, daß es früher anders war. Diese Unterschätzung der Gegenwart gegenüber der Vergangenheit ist indes nicht nur undankbar, sondern sie ist auch direkt schädlich, ja gefährlich: denn sie lähmt unsere Hoffnung auf die Zukunft und erschwert daher jeden Fortschritt. Mit Recht bemerkt der deutsche Dichterfürst: „Es ist kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet; und die echte Sehnsucht muß stets produktiv sein, ein neues Besseres erschaffen." Dieses Dichterwort enthält eine wichtige Lehre für uns: die vergangene Zeit zurückzubringen, selbst wenn wir Grund hätten es zu wünschen, wird niemals gelingen; doch eine bessere Zukunft vorzubereiten, steht in unserer Macht und ist daher unsere Pflicht. Nicht unnütze Klagen darum für eine entschwundene und unwiederbringliche Zeit, sondern kraftvolle Tätigkeit in unserer Zeit, nicht Bekrittelung der Gegenwart, sondern Ausnutzung aller ihrer Hilfsmittel zur Verbesserung der Welt, in der.wir leben! Wer 1 Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedr. von Müller 4. November 1823.