Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-09-08 · 9 (8.9.1926) · p. Seite 237

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
9 (8.9.1926)
Article
Inhalt
Date
1926-09-08
Page
Seite 237 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2727823-2727832--01285-2730209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nachrlchtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinüe in München unö ües Berbanöes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Dagerische Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am Anfang jeücn Monats. — Verlag: B. Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4.— für ÜaS Herzog Marstraße 4, §ernfprecher Postscheckkonto Nr. z-S7 München, ßahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene »un-Zeile 40 Pfennige. Ächristleitung: Or. Lugen Vchmiöt, Rechtsanwalt in München, Karlstraße 6. Kamilienanzeigen, -Stellengesuche unü ähnliche Angebote 15 Pfennige. 1926 München/ S. September Ir. 9 Inhalt: Die gute alte Zeit — Die Ehe als Geheimnis und Gebet — Zur Geschichte des Synagogengesanges in Deutschland — Betrachtung zu Rosch-Haschonoh — Zentralstelle für jüdische Adoptionsvermittlung — Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen — Jüdisch-theologisches Seminar in Breslau — Aus dem Verbände — Adolf Beer j — Israelitische Kinderheilstätte Bad Kissingen — Die Ferienkolonie in Krumbach — Aus der Gemeinde — Bücherschau — Vereine — Amtlicher Anzeiger. -Bekanntmachungen des Verbandes: Ersatzwahl — Aufnahme in die Israelitische Kinder- 'heilstätte Bad Kissingen— Personalnachrichten. Die gute Von Rabbiner Prof. Dr. Von welchem Standpunkt auch immer an unserer Zeit Kritik geübt wird, so viel scheint für jeden Beurteiler festzustehen, daß die alte Zeit, man sagt gewöhnlich: die gute alte Zeit, doch ganz anders war, und man wiederholt diese Betrachtung bei jeder der vielen Gelegenheiten, die sich bieten, mit der Gegenwart unzufrieden zu sein, sei es in religiöser, sei es in politischer oder sonst irgendeiner Beziehung. Es wäre aber eine verhängnisvolle Selbsttäuschung, wenn wir glauben wollten, daß gerade nur unsere Gegenwart diese Erscheinung aufweist. Vielmehr zeigt sich der gleiche Zug, soweit wir die Geschichte zurückversolgen können: immer wurde über die Gegenwart geklagt und die Vergangenheit als besser zurückgewünscht. Wir brauchen bloß in der Bibel das Buch Koheleth aufzuschlagen, um zu finden, daß wir hier vor einer allgemein menschlichen Erscheinung stehen, die zum ehernen Bestände der Begleiterscheinungen des Lebens gehört. Mahnt uns doch schon Koheleth (7, 10): „Frag nicht: Wie kommt's, daß die früheren Tage besser waren als die gegenwärtigen? Denn nicht aus Weisheit stellst Du solche Frage." Koheleth, der reise, lebenserfahrene Denker, begnügt sich nicht etwa damit, bloß zu konstatieren, daß die Menschen nie zufrieden mit der Gegenwart sind; sondern er hält auch mit seinem Urteil darüber nicht zurück. Er warnt vor dieser falschen Fragestellung und erklärt geradezu: „Nicht aus Weisheit stellst Du solche Frage." Wollen dämm auch wir den Spuren Koheleths folgen und die Erkenntnis gewinnen, daß wir keinen Grund haben, die Vergangenheit zurückzuwünschen, vielmehr verpflichtet sind, dem Gotte zu danken, der die Zeiten ändert und uns eine bessere Gegenwart erleben ließ! 1 Aus einer Festpredigt, gehalten am zweiten Tage des Laubhüttenfestes 5686 (4. Oktober 1925). alte Zeit Perle s (Königsberg)'. „Frage nicht: Wie kommt's, daß die früheren Tage besser waren als die gegenwärtigen?" Schon in der bloßen Fragestellung liegt ein bedenklicher logischer Fehler. Steht denn die Tatsache, daß die früheren Tage besser waren, wirklich so fest, daß man fragen darf: „Wie kommts, daß die früheren Tage bester waren als die gegenwärtigen?" Wird hier doch schon vorausgesetzt, was es erst zu beweisen gilt! Kennt man denn überhaupt die früheren Tage so genau? Bemerken doch schon unsere alten Weisentreffend zu unserer Stelle: „Du kennst ja nur das, was in Deiner Zeit sich zuträgt" und vermißt Dich doch, einen Vergleich zu ziehen mit der Vergangenheit, die Du gar nicht kennst. Die Vergangenheit war nicht bester; sie erscheint nur aus der Entfernung in verklärtem Lichte. Wir alle kennen verehrungswürdige Gestalten aus der Vergangenheit und glauben darum, alle Menschen und alle Dinge seien damals bester gewesen. Gewiß, jede Zeit hat ihre Vorzüge, und auch die Vergangenheit besaß manches unwiederbringliche Gut, erzeugte manche heute gar nicht mehr mögliche Typen und Individuen, stellte noch nicht so hohe Ansprüche an die Leistungsfähigkeit feües einzelnen, bot mehr Ruhe und Zufriedenheit als unsere Zeit mit ihrem atemlosen Vorwärtsdrängen. ° Und doch wäre es ein schlimmer Irrtum nicht bloß, sondern auch eine große Undankbarkeit, wollten wir darum die Gegenwart gegenüber der Vergangenheit zurücksetzen. Wir haben nur zu schnell vergessen, wie es früher aussah. Liegt es ja überhaupt in der menschlichen Natur tief begründet, sein früheres Glück nie vergessen zu wollen, während das frühere Leid und Ungemach überraschend schnell unserem Gedächtnis entschwindet! Ist es doch geradezu der einzige Trost, den Zophar seinem unglücklichen Freunde Hiob zuruft (11, 16): „Du wirst ja Dein Leid bald selbst vergessen und nur mehr daran denken wie an Wasser, das vorübergeflossen." 2 Midrasch Lekach Tob (ed. Feinberg) z. St.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.