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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-08-07 · 8 (7.8.1926) · p. Seite 226

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
8 (7.8.1926)
Article
Dem Andenken Dr. Ignaz Heinsfurters
Date
1926-08-07
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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226 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Anwalt des Rechtes bedarf, um die Aufgaben seines schweren Berufes wirklich erfüllen zu können. Sein tiefgegründetes Wissen ließ keine Rechtsfrage ihm zu schwierig erscheinen. Sein kritischer Verstand, seine scharfe Auffassungsgabe ermöglichten es ihm, in den verwickeltsten Fällen immer rasch den richtigen Weg zu finden. Dabei verfügte er über eine glänzende forensische Beredsamkeit, die seinen Vortrag zu einem Genüsse auch für den bloßen Zuhörer gestaltete und die vollste Aufmerksamkeit ihn bei den Richtern finden ließ. Er war ein Meister des Stils, so daß die Lektüre seiner schriftlichen Ausführungen nie ermüdend, sondern immer anregend wirkte. Ignaz Heinsfurter hat Streitfragen, die ihn zunächst als Anwalt nicht betrafen, zum Gegenstand eigenen Studiums gemacht und mit Vorliebe mit befreundeten Berufsgenossen in scharfsinniger Weise die Meinungen ausgetauscht. Er war vorsichtig in seinem Urteil über andere, vorsichtig in der Wahl der Freunde. Hatte er aber eine Enttäuschung erfahren, die auch ihm manchmal nicht erspart blieb, dann war er auch offen mit der richtigen Kennzeichnung solcher Persönlichkeiten. Seine Güte wurde von vielen, nicht immer Würdigen, in Anspruch genommen. Glaubte er an die Not desjenigen, der sich an ihn gewendet hatte, so wurde nie vergeblich seine bereitwillige Hilfe angerufen, aber leider auch mißbraucht. Er tröstete sich dann mit den Worten: Ich habe als Mensch so gehandelt, wie ich nach meiner Ansicht gegenüber dem in Not Befindlichen handeln mußte. Das Bild des ausgezeichneten Mannes wäre nicht gekennzeichnet, wenn man nicht auch seine Treue gegenüber dem angestammten Glauben hervorheben würde. Mit Vorliebe beschäftigte er sich in freien Stunden mit dem Schrifttum unserer Weisen, in die zu vertiefen ihm Befriedigung schaffte. Er freute sich, wie er mir oft erzählte, beim Herannahen des Pesachfestes auf die beiden Sederabende, die er fast immer im Kreise der Familie Sigmund Fraenkel verleben konnte. An diesen intimen Abenden zeigte er durch Anteilnahme an vielerlei von dem kenntnisreichen Sigmund Fraenkel aufgeworfenen Fragen eine reiche Kenntnis unseres jüdischen Schrifttums. Wir verehren in Ignaz Heinsfurter den hervorragenden scharfsinnigen Juristen und Denker; wir verehrten in ihm noch mehr den Menschen und Charakter. Er war, so merkwürdig dies klingen mag, ebenso wie der vor wenigen Tagen leider aus dem Leben geschiedene Geheimrat Dr. Karl Oppenheimer ein naives Kind mit einer überaus keuschen und reinen Empfindung, ein Idealist in des Wortes schönster Bedeutung, ein feuriger und doch allezeit treuer Freund seiner Freunde, reich an Milde und Menschlichkeit, wo es galt, Notleidende zu trösten und ihnen zu helfen, ein leuchtendes Beispiel hohen sittlichen Ernstes und unwandelbar in Gesinnungstüchtigkeit. Er war alles in allem, wie in keiner anderen Sprache auszudrücken möglich ist, ein Jsch zadik. Er wird bei allen, die im Leben ihm nahestanden, unvergeßlich bleiben. Der Spruch des Talmud kennzeichnet ihn: Wissen und Tugend im Verein: Ein edler Renner, silbergezäumt. Wissen allein: Ein Klepper, der sich zaumlos bäumt. München im Juli 1926. Dr. Heinrich Frankenburger. Geheimrat Dr. Karl Oppenheimer. Am 10. Juli ist Dr. Karl Oppenheimer im Jüdischen Landheim in Wolfratshausen verstorben. Die Stadt München und die jüdische Gemeinde im besonderen haben in Dr. Oppenheimer einen ihrer besten Männer verloren. Karl Oppenheimer, geb. 29. August 1864 als Sohn eines angesehenen Kaufmanns in Bruchsal (Baden), besuchte nach Beendigung seiner Gymnasialzeit die Universitäten in Heidelberg und München, war dann als Assistent im Haunerschen Kinderspital in München tätig und ließ sich hier im Jahre 1890 als Kinderarzt nieder und zwar als erster Vertreter dieser Spezialität in München, der ausschließlich dieses Fach vertrat und keinerlei andere Praxis ausübte. Sofort bei seiner Niederlassung richtete er eine unentgeltliche Sprechstunde für arme Kinder ein, die sich schon bald dank der Persönlichkeit ihres Leiters unter dem Namen Ambulatorium für Kinderkrankheiten einer großen Popularität in weiten Kreisen erfreute. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten gingen aus diesem Ambulatorium hervor. Im ständigen Verkehr mit dem Proletariat erkannte Oppenheimer immer mehr, daß die hohe Säuglingssterblichkeit bei den unteren Volksklassen in erster Linie eine Folge der großen Unwissenheit auf dem Gebiete der Säuglingspflege war. Er begann daher in Wort und Schrift an der Aufklärung der Mütter über richtige Säuglingsernährung zu arbeiten. Über 30 Vorträge und Abhandlungen Oppenheimers sind in den medizinischen Fachzeitschriften erschienen und haben Oppenheimers Namen weit über den Kreis seiner ärztlichen Klientel hinaus bekanntgemacht. Im Jahre 1905 gliederte Oppenheimer seinem Ambulatorium eine Mütterberatungsstelle an (die erste in Deutschland). Schon nach Jahresfrist zählt München 19 solcher nach Oppenheimers Vorbild geschaffener Stellen. Oppenheimer erwirkte für diese Stellen von der Stadt die Berechtigung S t i l l p r ä - m i e n auszuzahlen. Auf seine Veranlassung wurde das Institut der Fürsorgeschwestern geschaffen. Im Jahre 1912 unternahm Oppenheimer auf Grund zahlreicher von ihm in Münchener Schulen durchgeführter Körpermessungen einen Kampf für die Speisung armer Schulkinder aus städtischen Mitteln. Er wurde im Lauf der Verhandlungen zwar auf alle mögliche Weise angefeindet, setzte aber schließlich die von ihm als notwendig erkannte und energisch geforderte Einrichtung der Schülerspeisung durch. Bei Kriegsbeginn richtete er an der Auerfeldstraße im Gebäude der ehemaligen Irrenanstalt eine Krippe für Kinder arbeitender Frauen ein, die sich zu einer kleinen Musteranstalt entwickelte und auswärtigen Besuchern, die das Münchner Krippenwesen kennenlernen wollten, stets vom Magistrat aus gezeigt wurde. Später übernahm er die ärztliche Leitung der Kinderherberge an der Khidlerstraße, in der arme verlassene Kinder Aufnahme fanden. Im Jahre 1925 wurde ihm die Leitung der städtischen B e r a t u n g s st e l le im Westend übertragen. Oppenheimer war ein guter, treuer Jude. So war es für ihn selbstverständlich, daß er — gemeinsam mit seiner gleichstrebenden Gattin, die in beruflicher, wissenschaftlicher und sozialer Tätigkeit bis zu seinem Lebensende ihm die beste Helferin und Genossin gewesen ist — den sozialen Problemen und Nöten des Judentums sein warmherziges Interesse in besonderem Maße zugewendet hat. Als im Jahre 1918 Nachrichten aus dem Osten von dem furchtbaren Elend in der jüdischen Bevölkerung in den von den deutschen Truppn besetzten Gebieten zu uns drangen, wandte sich Oppenheimer an das Kommando von Oberost, um die Erlaubnis zu erwirken zur Errichtung von Säuglingsfürsorgen in Lemberg und Wilna, mit der er der furchtbaren Kindersterblichkeit zu steuern gedachte. Leider wurde sein Plan nicht verwirklicht, da das bayerische Sozialministerium Oppenheimer aus seiner Tätigkeit als Fürsorgearzt nicht entlassen wollte, und das Kommando Oberost die nachgesuchte Genehmigung verweigerte. Einem anderen Gebiete jüdischer Fürsorgetätigkeit hat Dr. Oppenheimer aber die letzten 5 Jahre seines Lebens den größten Teil seiner Kraft gewidmet. Das jüdische Landheim in Wolfratshausen, dessen ärztliche Leitung er seit der Gründung im Jahre 1921 in Händen hatte, kann mit Fug und Recht als seine Schöpfung be- HAUS DER QUALITÄTSSTOFFE MÜNCHEN KARLS PLATZ 5 N. STARK & Cil ( ( NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11

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