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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-08-07 · 8 (7.8.1926) · p. Seite 214

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
8 (7.8.1926)
Article
Lebenslust und Lebenskampf
Date
1926-08-07
Page
Seite 214 (sequence 2)
Language
German
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214 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Kampfe draußen in der Schlacht: man muß wissen, wofür man kämpft. Nicht im Genuß zeigt sich die Lebenslust, sondern im Kampfe, in der Selbstüberwindung. Ein Held ist nach jüdischer Auffassung, wer seine niedrigen Triebe beherrscht und sein Leben einem höheren Zwecke weiht. Das war die schlichte Größe unserer Väter. Ach, sie ging verloren durch die Berührung mit einer Kultur, die nur auf Ästhetik und Technik eingestellt war, die nur die Bequemlichkeit des Lebens, die Erleichterung des Genusses erstrebte. Wir sind Epigonen geworden, das ist unser Fluch. Wir leben nicht mehr unser Leben, sondern sind Nachahmer geworden, das ist unser Verhängnis. Unsere Väter nahmen alles Schöne und Große von draußen in sich auf, verarbeiteten es mit ihrem Wesen und machten es zu ihrem Eigentum. Das heutige Geschlecht nimmt alles Neue wahllos an und ahmt es getreulich nach, das ist sein Schicksal. Unsere Väter pflegten mit Freuden die kleinen Schönheiten, sie gewannen dem Leben eigenartige intime Reize ab und die alte jüdische Gemütlichkeit, die Atmosphäre des jüdischen Familienlebens war sprichwörtlich. Die heutige Generation will alles in vollen Zügen genießen, alles bis zur Neige auskosten, und es bleibt ihr der bittere Nachgeschmack, der Katzenjammer, der Überdruß. Das ist keine Lebenskunft, sondern eine Lebensvergeudung. Die Probe auf alle Lebenskraft und Lebensweisheit ist d i e s ch w e r e Z e i t, die Epoche des Leidens. Und heute zeigen sich die Sünden einer falschen Erziehung, der Mangel eines jüdischen Idealismus in geradezu furchtbarer Gestalt. Erscheinungen, die man in jüdischen Reihen nie kannte, offenbaren sich heute überall: Verzweiflung und Selbstmord. In den letzten fünf Monaten konnte man in Berlin mehr jüdische Selbstmorde zählen als in den ganzen 2O Vorkriegsjahren. Das sind Symptome nicht nur einer ungesunden Zeit, sondern einer kranken Seele, einer innerenZersetzung. Kein Mensch wird bestreiten wollen, daß es den meisten Iuden in Deutschland heute herzlich schlecht geht. Sie gehören, in ihrer größten Zahl, nicht wie der törichte Judenhaß behauptet, der obersten sozialen Schicht, sondern dem Mittelstand an, und der Mittelstand ist bereits zertrümmert. Die allermeisten Juden sind kleinere und mittlere Kaufleute oder Angestellte, und sie leiden unter der katastrophalen Geldnot und dem damit verbundenen Abbau. Sie sind Schrauben der modernen Wirtschaftsmaschine, und diese Maschine ächzt und krächzt und will nicht funktionieren. Aber — ging es etwa unseren Vorfahren vor hundert Jahren besser? Warum dachten da nicht die Menschen an Selbstmord? Gab es nicht auch da Existenzen, die plötzlich von der Höhe stürzten und dennoch das Schicksal auf sich nahmen und den mühsamen Wiederaufbau mit aller Energie begannen? Aber die jüdischen Menschen sahen damals im Leben einen göttlichen Sinn, und sie warfen es nicht wie ein Spielzeug fort. Heute überfällt die Menschen eine kraftraubende Müdigkeit, sie wollen genießen und nicht kämpfen. Fehlt die Möglichkeit des leichten Genusses, dann suchen sie den Weg zum Selbstmord. Schuld daran ist gewiß auch der lange sinnlose unmenschliche Krieg und die tolle Inflationszeit, die alle Begriffe verwirrten und die Moral vernichteten. Man hat in. dieser unseligen Epoche gelernt, zu ft e r - ben ohne Zweck und zu leben ohne Sinn, — das rächt sich heute. Wir haben den schwersten Krieg ver, loren, haben nicht nur äußere, sondern auch innere menschliche Güter zerstört, — daö ist das Schlimmste. Der moralische Aufbau tut uns heute noch mehr als der wirtschaftliche not. Deutschland ist ein armes Land geworden. Folgt daraus, daß wir verzweifeln müssen? Haben nicht gerade arme Völker der Menschheit die höchsten Kulturen geschenkt? Hat nicht der Reichtum häufig alles höhere Streben geschwächt? Wir sind arm, also müssen wir bescheiden leben und mehr arbeiten. Das ist, von der höheren Warte aus betrachtet, kein Unglück, sondern ein Glück. Verlorene Kriege haben im Laufe der Geschichte häufiger zum Fortschritt geführt als gewonnene. Es ist auch charakteristisch, daß gerade unter den Arbeitern, die heute am meisten leiden, weniger Selbstmorde zu verzeichnen sind, als in den besseren Ständen. Es klingt paradox, und ist doch wahr: es ist schwerer, Luxus zu entbehren, als Brot. Nicht die Not ist es in vielen Fällen, die in den Tod treibt, sondern die Leichtfertigkeit, der Mangel an Selbstvertrauen, an Gottesvertrauen. Auch das muß gesagt werden, daß die schlichte Vornehmheit und die bescheidene Lebensführung, die in früheren Zeiten das jüdische Haus so sehr auszeichneten, uns leider immer mehr verloren zu gehen drohen. In dieser Schlichtheit aber ruht nicht nur der beste Schutz des Judentums, sondern auch des inneren Menschen überhaupt. Wer geringere Ansprüche ans äußere Leben zu stellen gewohnt ist, wird auch im Unglück nicht so leicht verzweifeln. Wer in der Arbeit für sich und die Gemeinschaft und nicht im übertriebenen Genuß sein Lebensideal erblickt, wird nicht davor zurückschrecken, die Aufbau von neuem zu beginnen, und wird sich nicht deklassiert Vorkommen, wenn er sich zu einem neuen, bescheideneren Beruf umstellen muß. Mehr Idealismus, mehr Religion und Klugheit! Das muß man vielen Elementen zurufen. Wir müssen die Jugend und uns selbst zur schlichten Lebensweise, zum Gottvertrauen erziehen. Wir Juden haben der Menschheit die größten Märtyrer gegeben, wir dürfen keinem Fatalismus verfallen. Es ist Heldentum, für eine große Sache zu sterben, — heute aber gehört der größte Mut'dazu, zu leben und für Gegenwart und Zukunft zu kämpfen. Damit soll nicht gesagt werden, daß man denen, vie verzweifeln, schöne Worte statt Brot gäbe. Bei uns Juden war stets die Wohltätigkeit religiöses und menschliches Gebot, und heute, in schwerster Zeit, muß sich das Werk des wahren jüdischen Wohltuns bewähren. Wir müssen wieder zu der zarten, verschwiegenen Hilfe unserer Väter zurückkehren, zu der Wohltätigkeit, die ausdemjüdischenHerzen fließt. Denn die Dürftigsten sind heute die verschämten Armen, die noch vor kurzem reich waren. Ihren Mut müssen wir durch Hilfe mit echter Liebe stärken, ihnen zeigen, daß sie einen Anspruch auf Hilfe haben, und daß es unsere Pflicht ist, ihnen beizuftehen. Es muß in jeder größeren Gemeinde eine von feinsinnigen Menschen geleitete diskrete Hilfsstelle geben, wo der von der Zeit Bedrängte, ohne sich zu demütigen, seine Zuflucht nehmen kann. Und wir dürfen nicht mit der Ersparnis bei der Wohltätigkeit beginnen. Wir müssen uns die Logik unserer Väter zu eigen machen: „Ich gebe, so lange ich geben kann. Wer weiß, wie bald mich dasselbe Schicksal ereilt." Unsere Altvorderen haben es verstanden, aus der Geschichte zu lernen, und das Judentum ist aus mancher Katastrophe vertieft und geläutert hervorgegangen. Erkennen wir die Zeichen der Zeit, und konzentrieren wir alle Energie und alle Klugheit darauf, die Zukunft zu retten, dann können auch uns die Prüfungen und schweren Leiden der Gegenwart zum Segen werden.

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