Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 8 (7.8.1926)
- Article
- Inhalt
- Date
- 1926-08-07
- Page
- 213 (sequence 1)
- Language
- German
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Homerische ülachrichtenblatt üer Israelitischen KultuSgemeinöe in München unö öeS Verbanöes Vagerischer Israelitischer Gemeinden Israelitische Gememöezeitung Erscheint am Anfang jeden Monats. — Verlag: B. Heller, München, Herzog Marslraße 4, Zernsprecher 53099/ Postscheckkonto Nr. 3987 München. Bchristleitung: Or. Eugen Bchmiüt, Rechtsanwalt in München, Karlstraste 6. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Mark 4.— für öaS Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene nun-Zeile 40 Pfennige. Zamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 1J Pfennige. t?z6 München/ 7. August Kr. $ Inhalt: Lebenslust und Lebenskampf — Die Schächtfrage im Bayerischen Landtag — Auf dem Wege zum Jüdischen Reichsverband — Zur Geschichte der Juden in München (Forts.) — Aus dem Verbände — Aus der Gemeinde — Bücherschau — Vereine — Amtl. Anzeiger. Bekanntmachungen des Verbandes: Bekanntmachung über die Konstituierung des Rats. — Bekanntmachung über Stipendien für jüdische Landwirte und Handwerker. — Bekanntmachung über die Aufwertung der Markanleihen der Kultusgemeinden. — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über die Aufwertung des Synagogenbauanlehens der Israelitischen Kultusgemeinde München von 1887. — Bekanntmachung. Betreff: Glückwunschablösung 1926. — Bekanntmachung. Betreff: Filialgottesdienst an den hohen Feiertagen. Vermietung von Synagogenbesstühlen. — Personalnachrichten. Lebenslust und Lebenskampf Von Fabius Schach, Berlin. Lebenslust ist der natürliche Ausdruck des Selbsterhaltungstriebes. Der innere Trieb zum Leben, zur Selbfterhaltung und Selbfterweiterung, den eine höhere Macht in unsere Brust gelegt, erzeugt Lebensmut, Lebenslust und Lebensfreude. Tragen wir das Bewußtsein in uns, daß das Leben kein Zufall ist, daß es einen tieferen Sinn hat, daß es der Träger einer Idee ist, dann finden wir den Mut, zu leben. Wir begreifen dann das trivial gewordene und doch tiefe Wort Goethes, daß LebenKampf bedeutet, Kampf mit uns selber, Kampf mit äußeren Schwierigkeiten, ein ewiges Überwinden, ein ewiges Verzichten, und wir finden den Mut, den Lebenskampf seines Zieles wegen aufzunehmen. Und erreichen wir auch selten den Gipfel unserer Wünsche, so sind schon die Etappen voller Größe und Schönheit, und wir lernen, uns bescheiden, uns begnügen. Was schadet's, wenn wir das Höchste nicht erreicht haben, unsere Kinder werden weiter kommen, — wir sind ja nur ein Glied in der Kette. Diese Lebensanschauung setzt eine tiefe Religiosität, einen Glauben an die Ewigkeit, aus dem wir ein Teil sind, voraus. L e - bensmut heißt Selbstvertrauen haben, einen festen Glauben hegen, daß der Kampf gelingen wird, und das wiederum setzt Gottvertrauen voraus. Denn wir fühlen die Begrenztheit unserer Kraft, wir müssen eine höhere Quelle haben, aus der wir unseren Mut, unseren Glauben beziehen. Im Glauben, daß unser Leben kein Mechanismus ist, daß Gott uns zu einem gewissen Zweck geschaffen hat, ja, uns täglich neuschafft, ruht die stärkste Kraft unseres Lebens. ,Man üejabid chaja, jahib mesono,, (Wer uns das Leben gegeben hat, wird uns auch Nahrung geben), sagt der Talmud schlicht. Das bedeutet nicht Manna vom Himmel erwarten, sondern Exiftenzmöglichkeit durch unsere Arbeit, durch den natürlichen Kampf umS Dasein suchen. So dachten unsere Väter, und darin lag ihre Stärke. Eö gab kein lebenszäheres Element als die Iudenheit. Und wie schwer war ihr Leben! Im Vergleich zu den vergangenen Jahrhunderten ist unser Schicksal, mag -es noch so hart scheinen, noch immer erträglich. Wenn man geschichtlich denkt, schämt man sich fast, die Klagen der Gegenwart zu hören. Das Leben unserer Vorfahren war ein Spielball der Launen draußen, bei jedem politischen und wirtschaftlichen Schicksal waren sie die ersten Opfer. Gehaßt und verfolgt, gingen sie doch den Weg, d^n die Vorsehung ihnen vorgezeichnet hat, weil sie groß im Hoffen, stark im Glauben waren. Sie philosophierten nicht über das Leben, — sie l e b t e n es , schlicht und recht, wie Menschen, die ein großes Ziel vor Augen haben. Schon das Klügeln verscheucht das Aroma des Lebens, das gesunde Empfinden nur verleiht ihm Kraft und Mut. Man schlage die jüdische Geschichte auf, man lese irgend ein Kapitel der Vergangenheit, und man wird darin die Gewalt des Glaubens bestätigt finden. Voller Sorgen über das, was der nächste Tag bringen wird, verkannt in ihrem höchsten Wollen, geplagt und zermürbt, trugen die Juden der Vorzeit die Lebensbürde und verzweifelten nicht, weil sie das stolze Bewußtsein hatten, daß Israel zu Großem auserkoren ist und der Welt noch viel zu geben hat, weil sie wußten, daß jeder einzelne die Pflicht hat, den jüdischen Idealismus zu repräsentieren. Ja, der Idealismus ist kein Luxus und kein Trugbild, sondern die Ausstrahlung einer starken Seele, die Kraft, die Wunder bewirkt. Ohne Idealismus ist unser Leben trist und arm. Leben ist Kampf, und es ist genau mit dem Lebenskampf wie mit dem