Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (1.7.1926)
- Article
- Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden in Düsseldorf im Juni 1926
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
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202 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 der Synagogengemeinde Düsseldorf, Herr Rabbiner D r. Eschelb a ch e r (Düsseldorf), für den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Herr Rabbiner D r. Jakob (Dortmund). Es folgte sodann der Vortrag von Herrn Rabbiner D r. B a e ck über das Thema „Der geistige Gehalt in der jüdischen Wohlfahrtspflege", der bei den vielen hunderten von Teilnehmern stürmische Begeisterung auslöste. Am Montag Vormittag sprach Herr Ministerialrat Dr. Wittelshöser über „Grundfragen der staatlichen Wirtschastsfürsorge mit besonderer Betonung der für die jüdische Wohlfahrtspflege in Frage kommenden Punkte (Erwerbslosenfürsorge, Ausländerfürsorge), während der Korreferent, Herr Rechtsanwalt D r. Georg Baum, die Hauptgebiete der jüdischen Sozialpolitik (Durchwanderersürsorge, Arbeitsnachweiswesen, Berufsberatung) von großen allgemeinen Gesichtspunkten aus zur Darstellung brachte. Daran schloß sich der Vortrag von Herrn D r. Theil- Haber über „Jüdische Beoölkerungsfragen", der in erster Linie die sozial-hygienische Fürsorge im Interesse der Gesunderhaltung der jüdischen Bevölkerung eingehend begründete. „Über jüdische Jugendnot und Jugendhilfe" sprach sodann Herr Obermagistratsrat Dr. Friedrich Ollen darf und Fräulein Ottenheimsr. Während Herr Dr. Ollendorf die Grundlinien für einen systematischen Ausbau der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland aufzeichnete und an der Hand von Beispielen anschaulich machte, beleuchtete Fräulein Ottenheimer die besonderen Bedürfnisse einzelner Kategorien von Jugendlichen, insbesondere der Schulentlassenen. Der Nachmittag brachte unter sachkundiger Führung des Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher die Besichtigung der Ausstellung „Hygiene der Juden" und nach einigen einleitenden Worten des Herrn Paul Frank, die Vorführung des jüdischen Wohlsahrtssilms. Der Dienstag Vormittag war der Erörterung der Hauptarbeitsgebiete der Zentralwohlfahrtsstelle in den Arbeitsgemeinschaften der Jüdischen Gefährdetenfürsorge und Tuberkulosefürsorge gewidmet. An den Beratungen nahmen nicht nur die engeren Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaften, sondern fast alle bei den Tagungen anwesenden Gäste aus dem Reiche teil. Über den wichtigen Punkt der „Fürsorge für jugendliche Psychopathen" sprach Herr Lehrer S a w a d y , Frau Paula Ollendorf über „Gefängnisfürsorge". Den beiden Themen schloß sich eine lebhafte Diskussion an, in welcher wertvolle Ergänzungen, vor allen Dingen durch Herrn Rabbiner Dr. Horowitz, Frankfurt a. M. und Frau Caro, Köln, zu den beiden Themen, insbesondere aber zu dem Thema „Gefängnisfürsorge" gemacht wurden. In der Arbeitsgemeinschaft der Tuberkulosefürsorge referierten Herr D r. Samson über „Neuzeitliche Maßnahmen der Tuberkulosebekämpfung und Fürsorge", Fräulein Frieda W e i n r e i ch über „Stand der Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden in Deutschland". Zum Schluß sprach Frau Brenner über „Zukunftsaufgaben der jüdischen Tuberkulosefürsorge". Auch hier fand eine eingehende Diskussion statt, an welcher sich u. a. Herr Sanitätsrat Dr. Auerbach, Köln und Herr Dr. Moscytz, Freiburg, beteiligten. In den beiden Arbeitsgemeinschaften wurden Resolutionen gefaßt, welche die Ergebnisse der Referate und der Aussprache festhielten und die für den weiteren Fortgang der Arbeit bestimmend sein werden. Am Schlüsse dankte Herr Caspary noch einmal der jüdischen Gemeinde Düsseldorf und dem Frauenverein für die reiche Gastfreundschaft und für die sorgfältige Vorbereitung der Tagung, welchen hauptsächlich das glänzende Gelingen zu danken war. Am Nachmittag fand eine Kundgebung des Reichsausschusses der jüdischen Jugendoerbände statt, bei welcher Herr Georg L u b i n s k i über „das soziale Programm der jüdischen Jugend" sprach. Auch hier war trotz der ungünstigen Zeit ein recht zahlreicher Besuch. Die Bedeutung der Tagung beruht nicht nur in der Fülle der Anregungen für die weitere Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland, sondern vor allem in der Kundgebung zur gemeinsamen Arbeit aller Gemeinden, Vereine und Organisationen, allen beruflichen und freiwilligen Kräften, die durch die Tagung überaus stark zum Ausdruck gekommen ist und einen erfreulichen Ausblick für eine weitere günstige Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland bedeutet. 5lus dem Verbände. Landesanstalt für kranke und Sieche. In den ersten Tagen des Monats Mai wurde in Würzburg die Landesanstalt für Kranke und Sieche eröffnet. Das Haus, ursprünglich als Jsolierbau des Israelitischen Krankenhauses eingerichtet, während der Kriegszeit als Lazarett dienend, ist nach langwierigen Unterhandlungen dem Landesverband bayerischer israelitischer Gemeinden seitens der Kranken- und Pfründnerhausstiftung in Würzburg als „Landessiechenheim" zur Verfügung gestellt worden, um dem gedachten Zwecke solange zu dienen, bis erhöhter Bedarf die Errichtung eines eigenen größeren Hauses erfordert. Das Gebäude, direkt hinter dem Hauptbau des israelitischen Krankenhauses, inmitten eines wohlgepflegten Gartens gelegen, mit den neuesten Einrichtungen eines modernen Krankenhauses ausgestattet, verfügt im Erdgeschoß und zwei Stockwerken über je 3 Räume, die mit Drei- bzw. Zwei- bzw. Einbetten belegbar sind. Die Ausstattung ist einfach, aber zweckentsprechend. Die Fenster gehen durchweg in den Garten. Eine Zentralheizungsanlage neuester Konstruktion wurde jetzt erst gleichfalls mit den Mitteln des Landesverbandes eingerichtet und alle sonstigen sanitären Einrichtungen (fließendes kaltes und warmes Wasser in allen Räumen) sorgen dafür, den Aufenthalt der Insassen so behaglich als möglich zu machen und ihnen das Haus im wahrsten Sinne zu einem Heim zu gestalten. Durch die getrennte Küchenführung, die in dem Hauptbau erfolgt, sind den Insassen die sonst in anderen Heimen öfters austretenden unangenehmen Erscheinungen (Gerüche aus der Küche durch den Schacht) vollkommen erspart. Behagliche Ausenthaltsräume und Liege-Veranden sowie der große Garten, der mit bequemen Sitzgelegenheiten und Sommerhäuschen ausgestattet ist, tragen wesentlich dazu bei, den Aufenthalt behaglich zu gestalten. Ritaschwestern haben die Obsorge und soweit nötig die Pflege der Insassen übernommen; der Anstaltsarzt San. Rat Dr. Sprinz die ärztliche Behandlung. Am Montag, den 3. Mai, wurde seitens der israelitischen Kranken- und Pfründnerhaus-Stiftung, der die Instandsetzung übertragen war und die die Wirtschaftsführung gegen entsprechende Vergütung übernommen hat, den anwesenden Vertretern des Landesverbandes Herrn Alfred Braunschweiger, Mitglied des Rates und Herrn Ludwig Lazarus, Mitglied der Tagung, übergeben. Der Vorsitzende, Herr Justizrat Dr. Haas betonte in seiner Ansprache, daß er sich freue, daß dieses Haus, das jahrelang zu dem gedachten Zwecke nicht benutzt werden konnte, endlich wieder in einer Weise Verwendung finde, die gerade in der jetzigen wirtschaftlichen Not Alten und Gebrechlichen ein Heim schaffen solle. Der Landesverband habe in hochherziger Weise Mittel bereitgestellt, um dort, wo die Not am größten ist, bei unseren Alten und Gebrechlichen, die in der Nachkriegszeit meist um Hab und Gut gekommen sind, wieder eine Wohn- und Unterkunftsstelle zu schaffen. Das sei nun gelungen und soweit es an der Verwaltung der israelitischen Kranken- und Pfründnerhaus-Stiftung liege, solle alles geschehen um dieses Haus in bestem Sinne zu einem Heim zu gestalten. Im Namen des Verbandes der bayerischen israelitischen Gemeinden dankt das Mitglied der Tagung Herr Lazarus dem Vorsitzenden der Verwaltung zunächst für die herzlichen Worte der Begrüßung an die anwesenden Mitglieder des Verbandes. Das Werk, das barmherzige Liebe erdacht und vorbereitet hat, fei nun durch die Arbeit des Verbandes und durch das Wirken des ausgezeichneten und klugen Vorsitzenden Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer vollendet. Wir freuen uns dieser Stunde und mit dieser Freude sei der Dank ausgesprochen der Verwaltung des israelitischen Kranken- und Pfründnerhauses für die hervorragende Ausstattung der Räume in ihrer schlichten Schönheit und für all die Arbeit, die die Verwaltung geleistet hat und leisten wird. Wir wollen aber nicht vergessen, daß wir erst am Anfänge der Arbeit stehen. Das Heim ist errichtet, ein Wohlgefallen unserem Auge, aber zum Heime für unsere Greise müssen wir es erst gestalten. So möge es denen, die in seinen Räumen einziehen zur Stätte traulicher Behaglichkeit werden und ihnen einen friedlichen und schönen Lebensabend gewähren. Die wirtschaftliche Frauenschule aus dem Lande in Wolfratshausen. Mit großen Erwartungen fuhren die 60 geladenen Gäste — hauptsächlich Vertreter des Verbandes, der Gemeinde und der Logen — am 13. Juni wohl nicht nach Wolfratshausen. Die meisten