Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 7 (1.7.1926)
- Article
- Ärztliches und Erzieherisches aus dem Kinderheim in Wolfratshausen
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 201 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727830-2729950--01167-2730013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 201 bleiche Gesichtsfarbe nicht von Blutarmut herrührt. Der Brustkorb ist flach und die Fähigkeit zu inspirieren ist äußerst mangelhaft. Diese Kinder ermüden leicht und zwar geistig rascher als körperlich. Es ist erstaunlich und bedauerlich wieviele Kinder mit schlecht entwickeltem Thorax wir sehen und zwar ohne Unterschied des Milieus, aus dem sie stammen. Die unbedingt nötige Erweiterung des Brustkorbes erreichen wir bei derartigen Kindern am besten durch einen fachmännisch geleiteten rhythmischen Turnunterricht, bei dem der größte Wert auf richtige Atemführung gelegt wird. Es leuchtet ein, daß eine durchgreifende Besserung, d. h. die Stärkung der Muskulatur und die Hebung der Energie nicht in der kurzen Spanne von 3—4 Wochen erreicht werden kann, dagegen lassen sich bei genügend langem Aufenthalt gute Resultate erzielen. Eine weitere Gruppe deren Behandlung längere Zeit erfordert, wenn sie erfolgreich sein soll, sind die Kinder, von denen uns berichtet wird, daß sie zu Hause in Intervallen an mehrtägigen Fieberanfällen leiden, und daß bei ihnen jede kleinste Verletzung eine Eiterung zur Folge hat. Diese Kinder können übergewichtig sein, manches Mal zeigen sie ein blasses, etwas gedunsenes Aussehen. Bei diesen Kindern haben wir die Erfahrung gemacht, daß sie sich während des Winters bei uns rascher erholen als im Sommer. Das Gleiche gilt für die Kinder deren Allgemeinbefinden gebessert werden soll, weil die Eltern wegen einer ererbten körperlichen Disposition ängstlich sind. Häufig läßt sich bei diesen Kindern auch bei der sorgfältigsten Untersuchung mit allen zu Gebote stehenden ärztlichen Hilfsmitteln an den lebenswichtigen Organen keine krankhafte Veränderung Nachweisen und trotzdem ist die größte Vorsicht geboten. Es gilt, den ganzen Organismus zu kräftigen und zu ertüchtigen, damit er die ererbte Disposition zu überwinden vermag. Die wichtigste Unterstützung müssen alle die jetzt erwähnten Kinder in der Stärkung ihrer Willenskraft finden und diesen Faktor berücksichtigen wir in unserem ganzem Heilplan: so sehen wir bei der Anwendung der Duschen und bei der Durchführung des rhythmischen Turnunterrichts darauf, daß die Kinder ihre oft übergroße Empfindlichkeit überwinden lernen. Der Turnunterricht bietet außerdem Gelegenheit zur Stärkung der Konzentrationsfähigkeit. Kinder, die längere Zeit bei uns bleiben, erhalten Unterricht in allen Fächern der Volks- und höheren Schulen (Gymnasialunterricht einschl. Hebräisch), damit sie nicht zu viel versäumen. Abgesehen davon gehört es m. E. zum Heilplan, ein schulpflichtiges Kind nicht länger als für höchstens 6 Wochen vom Lernen zu befreien. Da die Lehrkräfte im Heim wohnen, sind wir in der Lage, den Unterricht der körperlichen Leistungsfähigkeit des Kindes entsprechend zu dosieren. Von Medikamenten machen wir sehr wenig Gebrauch, dagegen nützen wir möglichst die Heilkraft von Luft,' Wasser und Sonne aus. Unsere Kinder halten sich bei jedem Wetter stundenlang im Freien auf und nehmen im Sommer Luftbäder. Wasser wenden wir reichlich an in Form von Duschen und Bädern, für manche Kinder verabreichen wir Heilbäder (Salz). Die Heilwirkung der Sonne nützen wir mit der gebotenen Vorsicht bei Liegekuren aus. Sehr erfreuliche Erfolge erzielen wir, wie schon kurz erwähnt, in den Wintermonaten. Die kräftige, reine Winterluft, die starke Besonnung, der die Kinder ausgesetzt sind und ihre sportliche Betätigung sind offenbar im Stande, den Stoffwechsel bedeutend zu erhöhen. Im Hinblick auf diese besonders günstigen Erfahrungen hat das Kuratorium eine Zentralheizung einrichten lassen, um einen großen Winterbetrieb zu ermöglichen . Es ist zu hoffen, daß man in Elternkreisen mehr als bisher die hervorragende Eignung unserer Anstalt als W i n t e r h e i l st ä t t e würdige und uns nicht nur während der Sommerfereien, sondern auch in der kalten Jahreszeit viele schwächliche, erholungsbedürftige Kinder zusenden wird. Während bei Spielen, Spaziergängen und größeren Ausflügen die Kinder dem Alter entsprechend gruppiert werden, vereinigen sich alle zu den täglichen 5 Mahlzeiten im Speisesaal oder, sobald es das Wetter erlaubt, auf der glasgedeckten Veranda; fast alle bringen einen erfreulichen Appetit mit. Den kindlichen Bedürfnissen entsprechend reichen wir viel Milch (1 Liter täglich pro Kind) und reichlich Gemüse. Fleisch wird viermal wöchentlich gegeben. Die Kost ist sehr gut zubereitet und jedes Kind kann beliebig viel essen. Um den Nährwert der gereichten Kost festzustellen, wurden in 6 verschiedenen Wochen sämtliche zu verwendenden Nahrungsmittel genau abgewogen und berechnet; es ergab sich, daß auf jedes Kind täglich 2700 Kalorien treffen, also säst soviel, wie ein normaler Erwachsener zu sich nimmt. Während zu Anfang seines Bestehens das Heim fast ausschließlich als Ferienaufenthalt für gesunde Kinder beansprucht wurde, hat es sich in den letzten Jahren außerhalb der Ferien als Kindersanatorium immer besser eingeführt, so daß nunmehr die beiden Aufgaben, die der Anstalt bei ihrer Gründung gestellt wurden, der Erfüllung zustreben. Die klimatischen Vorzüge von Wolfratshausen lassen — wenn wir unsere Erfahrungen nur kurz rekapitulieren — den Aufenthalt für nervöse blutarme, schwächliche Kinder für sehr aussichtsreich erscheinen; besonders segensreich wirkt das Beisammensein mit gleichaltrigen Kameraden auf einzige Kinder. Natürlich wird vor allem das Prinzip gewahrt: die Gemeinschaft der Kinder vor Schaden zu behüten; deshalb kann kein Pflegling behalten werden der — sei es in körperlicher oder moralischer Beziehung — eine Gefahr für seine Kameraden darstellt. Tagung der Zentralwohlfartsstelle der deutschen luden in Düsseldorf Vom 6. bis 8. Juni 1926 fand in Düsseldorf die Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden statt. Der überaus zahlreiche Besuch aus allen Gegenden Deutschlands, das Interesse der Reichs- und Staatsbehörden und der allgemeinen Wohlfahrtspflege, die Vertreter entsandt hatten, die Teilnahme fast aller Wohlfahrtsämter, unter welchen sich außer vielen freiwilligen Helfern auch recht zahlreiche beruflich tätige Kräfte befanden, die Beschickung durch fast alle Vereine und Organisationen, zu deren Aufgaben die jüdische Wohlfahrtspflege gehört, sind ein deutlicher Beweis für den starken Ausbau der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland und für die wachsende Bedeutung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Die Referate, die von hervorragenden Sachkennern der allgemeinen und jüdischen Wohlfahrtspflege erfolgten, haben der jüdischen Arbeit für die nächsten Jahre Wege und Ziele zu weisen versucht. Die Referate, die eine Fülle von Anregungen enthalten, werden in der Zedakah, Zeitschrift der jüdischen Wohlfahrtspflege, veröffentlicht. Die Tagung wurde am Sonntag Abend durch den Vorsitzenden der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Herrn Eugen C a s p a r y , eröffnet. Herr Caspary wies in kurzen Worten auf im Juni 1926 die Bedeutung des Judentums im Rheinland für das Deutsche Judentum hin und auf den Wert der allgemeinen und insbesondere der jüdischen Ausstellung, welche den äußeren Anlaß zur Veranstaltung der Tagung in Düsseldorf gebildet hat. Er begrüßt die zahlreich erschienenen Gäste und dankt insbesondere der Synagogengemeinde Düsseldorf für die sorgfältige Vorbereitung der Tagung und für das Zustandekommen der Ausstellung. Es folgten sodann Begrüßungsansprachen seitens des Vorsitzenden der Synagogengemeinde Düsseldorf, Herrn Felsent h a l, des Vertreters des Reichsarbeitsministeriums, Herrn Ministerialrat von Gemmingen, des Vertreters des Preußischen Ministeriums für Volkswohlfahrt, Herrn Ministerialrat Witte l s h ö f e r , des Geschäftsführers der deutschen Liga für freie Wohlfahrtspflege, Herrn D r. V ö h r i n g e r, der auch die Grüße der in der Liga zusammengeschlossenen Verbände des Zentralausschusses für die Innere Mission, des deutschen Caritasverbandes, des Deutschen Roten Kreuzes, des Fünften Wohlfahrtsverbandes und des Zentralwohlfahrtsausschusses der christlichen Arbeiterschaft überbrachte. Ferner begrüßte Herr Kammergerichtsrat Wolfs für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und für die Jüdische Gemeinde Berlin Herr O st b e r g , für das Wohlfahrtsamt