Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 6 (8.6.1926)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Ingolstadt
- Date
- 1926-06-08
- Page
- Seite 168 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2727810-2727823-2727829-2729847--01085-2729909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
168 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Viereck von sehr bescheidenem Umfang — es waren weniger als 2000 Meter — um die Stadt. Sie lief vom Ostentor — heute Ludwigstraße 29 — zum Klostertor — heute Am Stein 12 —, von da zum Westertor — jetzt Theresienstraße 31 —, und endete am Südtor, da, wo jetzt das neue Sparkassengebäude ersteht. Zu ihrer Sicherung diente im NO. der Striegelsturm, jetzt Holzmarkt 6, im NW. der Glockenturm, jetzt Schulstraße 29,' im SW. der Judenturm, jetzt Schäffbräustraße 13, im SO. das Schloß und der Herzogskasten. Das Zentrum der Stadt bildete der alte Kornmarkt, d. i. die heutige Schäffbräustraße. Im Schloßmuseum befindet sich ein sehr ' schönes Modell der Stadt aus dem Jahre 1573, auf dem diese Einteilung noch gut zu sehen ist. Im Jahre 1307 wütete ein gewaltiger Brand, durch den der südwestliche Teil der Stadt zerstört wurde; auch die Judengasse, die in diesem Teile lag, muß stark gelitten haben. Wohl deshalb gestattete Herzog Ludwig der Bayer durch den Erlaß vom Jahre 1322, daß die Juden mit der Stadt graben, mauern, zimmern, arbeiten und steuern sollten. Den Wortlaut dieser und aller anderen angedeuteten Erlasse bringe ich in meiner Geschichte der Juden in Ingolstadt. Bei dem großen Risiko, das die Juden bei ihren Geschäften hatten und den vielen Steuern und Schutzgeloern, die sie zu erlegen hatten, mußten sie natürlich einen relativ yohen Prozentsatz in Anrechnung bringen. Im Jahre 1340 wurde dieser durch kaiserliche Verordnung festgesetzt: für 1 fl. sollren pro Woche l Heller Zins bezahlt werden; es sind dies etwa 43 Prozent. Wenn der Zins wöchentlich bezahlt wurde, dann kam er nicht so zur Geltung; wenn er aber zum Kapital geschlagen wurde, so wuchs natürlich die Schuld rapid, und die Folge war, daß der Schuldner über jüdischen Wucher klagte; die weiteren Folgen waren dann administrative oder Gewaltmaßnahmen. Im ersteren Falle wurden eben die Schuldscheine der Juden für kraftlos erklärt, wie dies z. B. die Erlasse von 1316, 1349, 1352 u. a. zeigen, im anderen Falle wurden sämtliche Juden ausgewiesen und damit die lästigen Gläubiger beseitigt. So wurden im Jahre 1349 zum ersten Male die Juden aus Ingolstadt vertrieben. Es waren über 30 Familien, die sich größtenteils nach Regensburg wandten; dorthin hatten sie auch ihr Toten begraben. Da nach der Entfernung der Juden bald der Handel stockte und die Geldknappheit immer fühlbarer wurde, entschloß sich der Herzog Ludwig der Brandenburger im Jahre 1358, wieder Juden in Ingolstadt aufzunehmen. Das alte Spiel wiederholte sich bald wieder und im Jahre 1384 wurden die Juden zum zweiten Male aus Ingolstadt verwiesen. Dieses Mal wandten sich die meisten der Vertriebenen nach Nürnberg. Herzog Stephan der Knäufel schenkte im Jahre 1397 die Judenschule und den Judenhof der Stadt und diese errichtete auf dem Platze eine Kapelle, aus der später die heutige Franziskanerkirche entstanden ist. Die Sage, die aus dieser Schenkung hervorging, und die an der Decke der Franziskanerkirche und an der Wand des Nachbarhauses — Schutterstraße 2 — bildlich dargestellt ist, ist wohl bekannt. Der Chronist schreibt: „Die ob ihrer Vertreibung wütigen Juden stahlen aus der Kapelle, welche an Stelle ihrer Synagoge entstand, das wunderreiche Gnadenbild, insgemein die Schuttermuttergottes genannt, und versteckten es, nachdem sie ihm den Kopf abgeschnitten, die Donau aufwärts an einem heimlichen Ort am Gestade. Nach nicht langer Zeit aber, siehe, da schwamm das Muttergottesbild mit abgeschnittenem Kopfe von freien Stücken die Donau herab, in die Schütter hinein, sich nächst der Kapelle anlegend. Darob entstand ein Jubelgeschrei in der ganzen Stadt, so man seit Menschengedenken sich nicht erinneren konnte. Es flössen reichliche Gaben und Opfer. Die Kapelle ward nun zur Kirche erweitert. An der Decke aber ist die ganze Geschichte des Wunders abgebildet zu schauen." Nachdem im Jahre 1409 eine große Judenausweisung aus Nürnberg stattgefunden und unter den Vertriebenen laut Aufzeichnung der Nürnberger Ratsbücher auch die aus Ingolstadt zugezogenen Juden benannt sind, und nachdem im Jahre 1413 wieder Juden' in Ingolstadt ansässig sind, ist anzunehmen, daß die Vorgenannten in ihre früheren Wohnstätten zurückgekehrt sind. Im sog. Salbuch, in dem die Einkünfte des Herzogs Ludwigs des Bärtigen (1413—1443) aufgezählt sind, findet sich u. a. auch das Judengeld als Einnahmeposten. Nach demselben wurden im Jahre 1416 von 31 Juden insgesamt 384 rh. Gulden als Schutzgeld vereinnahmt. Der erwähnte Eintrag lautet: „Mittwochen nach Pantaleonis anno 1416. Juden Gelt. Item mein Herr hat die Juden gefreit und in seinem Scherm genomen, also welcher in seinem Land sitzen will das im der zum minsten 10 unger. Gulden gebn, welcher aber mehr vermecht nach der zweier Juden erkennen, die mein Her darüber gesetzt hat der sol auch mer geben nach seinen Statten und darauf ist angeschlagen das davon in allen meines Herrn Landen im Jar minder oder mer gevallen sollen bei 384 fl. rh. Item es sol ein Pfleger zu Jnglstat alle Jahr von jedem Juden daselbs 1 Gulden haben und von jeder Witbin 1 2 3j2 fl." Es folgen dann die Namen von 31 Juden, die je 10 ung. fl. und die Namen von 2 Juden, die je 15 ung. fl., d. i. 330 ung. fl. oder 384 rhein. fl. an die herzogliche Kasse bezahlt habend Wegen der vielen Abgaben, die die Juden pünktlich zu entrichten hatten, mußten sie auch bei ihren Schuldnern auf Bezahlung drängen. Deshalb liefen beim Herzog fortgesetzt Klagen ein über die Hartherzigkeit und dem Wucher der Juden. Der Herzog Ludwig der Reiche (1450—1479) von Niederbayern, dem Ingolstadt nach dem im Jahre 1445 erfolgten Tode Herzog Ludwig des Höckerigen zufiel, wollte durch ein Radikalmittel diese Klagen aus der Welt schaffen. Auf seinen Befehl wurden in den Frühstunden des 5. Oktober 1450 alle Juden seines Landes gefangen gesetzt. Vermutlich kamen die hiesigen Juden in den Judenturm. Nach vier Wochen erhielten sie dann den Befehl, binnen drei Tagen das Land zu räumen. Gnädig ward ihnen gestattet, ihren Hausrat und die Einrichtung ihrer Synagogen mitzunehmen. Ihre Schuldbriefe wurden anulliert, ihre Schätze wurden für die herzogliche Kasse eingezogen. — So wurden also die Juden zum dritten Male aus Ingolstadt vertrieben. Als der edle und aufgeklärte österreichische Kaiser Joses II. als erster deutscher Fürst durch das Toleranzedikt vom 13. Oktober 1781 nicht nur den christlichen Konfessionen völlige Gleichberechtigung gewährte, sondern auch den Juden bürgerliche Rechte verlieh, den Leibzoll und etliche Einschränkungen aushob, widmete Klopstock in seiner Ode „An den Kaiser", dem, „der den Juden wieder zum Menschen machte," die Verse: „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht! Und tut der's nicht, weil unsere Fürsten Sie in zu eiserne Ketten schmieden? Du lösest ihnen, Retter, die rostige. Engangelegte Fessel vom wunden Arm; Sie fühlen's, glauben's kaum. So lange Hat's um die Elenden hergeklirret. —" Vorurteile und Gewaltmaßnahmen haben 300 Jahre lang Juden von Ingolstadts Grenzen fern gehalten; wir wollen über die Leiden und Verfolgungen hinweggehen, die sie und ihre Nachkommen in diesen 3 Jahrhunderten zu erdulden hatten. In Ehrfurcht blicken wir aber auf die verklärten Gestalten, welche allen Grausamkeiten zum Trotze dem Gotte Israels treu geblieben sind! Ihr Andenken gereiche uns zum Segen! 1 Davon wohnten 3 in Weiden: Schmuel, Ahron, Michel; 3 in Neunburg: Veits Jud, Jakob, Isaak; 10 in Ingolstadt: Nassan, Jakob von Freising, Mair von Schrobenhausen, Süssel Jud, Lasarus Josep, Manuel, Mair sein Sun, Manikin hat den Pfleger vertröst, Salomon hat Gelait nach München. 1 in Monheim: Symon; 3 in Donauwörth: Liebermann, Salmon, Josep sen Sun; 1 in Höchstädt; Jäckl; 3 in Lauingen: Josep, Salmon, Liebermann; 2 in Aichach: Masse, Isaak; 1 in Reichertshofen: Jakob; 3 in Freystadt: Rattan, Moste, Leo und fein Schwester, 15 unger. Gulden; 3 in Hilpoldstein: Symon, Jakob, Isaak und sein Mutter, 15 unger. Gulden.^ — 31 Juden, jeder 10 Gulden, 2 jeder 15 Gulden.