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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-06-08 · 6 (8.6.1926) · p. Seite 167

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
6 (8.6.1926)
Article
Die Juden in Thannhausen
Date
1926-06-08
Page
Seite 167 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 167 vie luden in von Hauptlehrer I. Überall zeigt sich ein reges Streben, das Heimatleben in Gegenwart und Vergangenheit betrachten und verstehen zu lernen, die Wechselbeziehungen zwischen Gedanken, Gefühlen und Bestrebungen der Menschen zueinander zu erforschen, um daraus Schlüsse und Folgerungen für die Zukunft zu ziehen. Dieses Suchen und Forschen förderte auch die Geschichte der Juden in Thannhausen, einem schwäbischen Marktflecken im Mindeltale, zutage. Daselbst befand sich ehedem eine blühende, jüdische Gemeinde, welche zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges aus 48 steuerpflichtigen Mitgliedern und einer Seelenzahl von etwa 300 Personen bestand. (Line Klageschrift besagt: „es wären schier der dritte oder vierte Teil Juden." Das Salbuch (Steuerliste) 1599—1602 enthält die Namen Lazarus Judt, Isaak Barlen Judt, Seligmann I., Mayer I., Beis Niederländer I., Kauffmann I., Aberlen Schatz Bebers I., Samuel, Schwarz Szigle, Benjamin, Doktor, Eberlen, Doktors Sohn, Jocklin, Doktors Sohn, Isaak Maler, Jakob, Fillenschreiber, Schemuel, Beis Lene, Jakob, genannt Blattfus, Jecklin von Neüburg, Jakob, genannt Schattoh. Bon dem Rabbiner Günzburger, der eine Anzahl Bachurim (Jünger) hielt, fordert die Herrschaft 30 Heller für jeden Jünger. Die Steuern, die an die Herrschaft zu entrichten waren, bestanden aus einer Besitzsteuer von 5—8 sl., dem Neujahrsgeld von 1 fl. 30 Kreuzer und dem Gansgeld, das 1599 für jede Person auf 20 Kreuzer festgesetzt wurde. Einige Juden besaßen auch Grundbesitz, wofür sie Grundsteuer entrichten mußten. 1599 bezahlte die Judengemeinde jährlich für die Benützung der Mindelbrücke 21 fl., Weid- oder Roßgeld im Betrage von 1? fl. Über ihre Tätigkeit gibt das Steuerbuch wenig Anhaltspunkte; einige besaßen wohl Grundbesitz, doch dürfte der größere Teil sich mit Nothandel seinen Lebensunterhalt erworben haben. Ihre Häuser lagen im ganzen Markt zerstreut, doch scheinen sie im Bachgassenwinkl vorherrschend gewesen zu sein. Dort lag auch ihre Schule im Hause des Juden Jecklin. Jecklin und Anstall waren die jüdischen Lehrer. Auch am Marktplatze standen zwei Judenhäuser, darunter eine Weinschenke, die von einem Juden namens Blattfus geführt wurde. Bemerkenswert ist, daß sich in Thannhausen eine jüdische Druckerei befand, in welcher 1592—94 das Machsor nach Minhag aschkenes gedruckt wurde. Ein Exemplar befindet sich noch in der Bibliothek zu Oxford. Das Titelblatt bezeichnet als Verfasser Maharil Jszchak MasÜ, der die Herausgabe im Namen und Auftrag des Rabbiners Günzburger ausführte. Der Titel ist hellrot, die Lettern ziemlich groß, das Portale hat oben 3 Fische, unten ' Dieser Familienname noch heute in Rußland. Thannhausen Kahn (Krumbach) eine Hand aus den Wolken, welche 2 andere begießt (Levi), an den Seiten 2 geharnischte Männer mit Schildern, worauf die Namen der Herausgeber ftehen.- Anfänglich mußten sie ihre Toten nach Kriegshaber bei Augsburg im Dunkel der Nacht übersiihren. Später wies ihnen die Herrschaft eine entlegene Stelle als Gottesacker an, „und jed Judt, sey alt, jung, Mann oder Weib, so er stirbt, ist man der Herrschaft 1 fl. 30 Kr. schuldig." In Zeiten religiöser Aufregungen bot der „Judenschutz" nicht mehr die nötige Sicherheit. So wurde 1610 Klage geführt, ein Jud habe die religiösen Gefühle der Christen verletzt und es kam zu einer großen Schlägerei. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Beschuldigung erhoben, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Die Pest, die hier wütete, im Verein mit der herrschenden Not, die der schreckliche Krieg gebracht hatte, machte die Juden zum Sündenbock, und ihre Vertreibung aus Thannhausen war die Folge. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts siedelten sie sich in geringerer Zahl wieder an und im Jahre 1708 zählte man im Markte wieder 20 Familien. In diesem Jahre erwarb Graf Stadion die Herrschaft Thannhausens. Schon beim ersten Besuch äußerte die Gräfin ihr Mißfallen über die jüdische Bevölkerung. An ihrer Kinderlosigkeit sollten die Juden Schuld sein, „sie sollten die Gräfin verhext haben," und so erlangte der Graf beim Kaiser Karl IV. die Erlaubnis, sämtliche Juden aus Thannhausen zu vertreiben. Das geschah am 24. August 1718. Die Vertriebenen lagerten einige Zeit in der Talebene und schickten eine Gesandtschaft an den Kaiser, um den Ausweisungsbefehl rückgängig zu machen. Wohl reute es den Kaiser, das Glück so vieler unschuldiger Menschen geopfert zu haben, aber sein gegebenes Wort wollte er nicht zurücknehmen. Die Vertriebenen siedelten sich in den benachbarten Gemeinden Hürben, Jchenhausen und Altenstadt an. Als durch kaiserliches Reskript allgemein Familiennamen anzunehmen befohlen wurde, wählten einige den Namen Thannhauser, der heute noch vielfach geführt wird. Die Synagoge in Thannhausen wurde in eine Kapelle umgebaut und führt noch heute den Namen „Judenkapelle". Am Eingang derselben steht ein Opferstock, der alten Synagoge entnommen und trägt eine auf die Umwandlung bezügliche Darstellung. Oben ist Moses mit den Gesetzestafeln dargestellt mit der Inschrift „.Vntlciuum ckoeumontum." Unten ist eine Monstranz und darunter die Schrift „Novo cedat - Die Photographie des Titelblatts erhielt ich von der Universität Oxford. Zur beschichte der Von A. F r i e d-1 Wie aus noch vorhandenen Urkunden hervorgeht, kamen kurz vor dem Jahre 1300 erstmals Juden zum dauernden Aufenthalt nach Ingolstadt. Diese waren natürlich, wie überall, auf den Handel und auf Geldgeschäfte angewiesen. Sie durften ja keinen Grund und Boden erwerben, keine christlichen Dienstboten halten, sie wurden in keine Zunft ausgenommen, konnten kein Handwerk ausüben und keine Beamte werden, es blieb ihnen kein anderer Erwerbszweig als der Handel; und wie viele Leiden und Gefahren brachte dieser mit sich! Seit dem Jahre 1215 bestand nämlich das von Papst Jnnocenz III. erlassene Gebot einer besonderen Judenkleidung, und die Bischöfe waren angewiesen, diese Anordnung mit allen Zwangsmitteln durchzusetzen. Diese Bestimmung wurde sogar in den Schwabenspiegel, der seit 1275 als Rechtsbuch galt, mit ausgenommen. Dort heißt es: „Die juden soln hüte tragen, die spitz sin, da mit sint si uz gezaichnet von den cristen, daz man si für juden haben sol." — Zu diesen Hüten kamen noch später gelbe Ringe auf dem Oberkleid für die Männer, Schleier mit gelben Strichen für die Frauen. Durch ihre Abzeichen waren die Juden Juden in lngolstadl;ann, Ingolstadt. einerseits die Zielscheibe roher Scherze und Quälereien, anderseits waren sie bei ihren Wanderungen die Köder der zahlreichen Strauchritter und Strolche, die natürlich jeden Juden für vogelfrei hielten. Noch schädlicher wirkte aber das Abzeichen auf die Träger selber, da es vvn diesen als Entehrung empfunden wurde; dadurch wurde ihre Haltung, ihr Selbstbewußtfein und ihr Mut gelähmt. Ferner gehörte zu den vielen Einschränkungen, die der Jüdischheit — wie der Körperschastsname lautet — seit der Breslauer Synode vom Jahre 1267 auferlegt wurden, daß diese gesondert wohnen mußten; Juden dursten also nicht unter der nichtjüdischen Bevölkerung Wohnung nehmen, sondern sie mußten in besonderen Vierteln — Ghettos oder Gassen — zusammen wohnen. Darum bekam auch Ingolstadt seine Judengasse. Diese erstreckte sich vom Judenturm, d. i. von dort, wo heute das Haus Schäffbräustr. 13 ist, bis zum Judenhof, d. i. der Platz, auf dem heute die Franziskanerkirche steht. Das enge Gäßchen lief also durch die heutige Höllbräu- und Franziskanergasse, der südlichen Stadtmauer entlang. Damals zog sich die Stadtmauer in einem unregelmäßigen

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