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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-05-07 · 5 (7.5.1926) · p. Seite 145

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
5 (7.5.1926)
Article
Liberalismus und Zionismus
Date
1926-05-07
Page
Seite 145 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 145 ein kleiner Teil versuchte, das Altüberlieferte mit den neuen Formen zu verknüpfen. Hier liege der Ursprung des geistigen Liberalismus. Dem Liberalismus eigne, daß er das zeitlos Scheinende geschichtlicher Betrachtung unterwerfe. Er setze an die Stelle des transzendenten, außerhalb der Welt stehenden Gottes einen Gott, den wir in unserem Bewußtsein erleben. Es sei daher eine notwendige Forderung des Liberalismus, der das Prinzip der Fortentwicklung anerkenne, die schöpferischen Kräfte der jüdischen Seele (als Träger des Bewußtseins) neu zu beleben. Im Liberalismus sei eine Entfernung vom Judentum eingetreten, ein gewisser Rest von Pietät sei zurückgeblieben. Diesen Juden erschiene als Hauptaufgabe die Durchsetzung der Emanzipation. Diese Bewegung sei religiös desinteressiert, aber religiös verbrämt. Dadurch habe der Liberalismus an Bedeutung verloren, obwohl sein Kernproblem, der Eintritt des Judentums in die Kultur, der Lösung harre. Der Liberalismus habe die Wissenschaft vom Judentum geschaffen. Die Wissenschaft vom Judentum als rückschauende Tätigkeit habe keine schöpferische Kraft. Hingegen habe der Zionismus, zum Teil gewachsen an der Verzweiflung an der Möglichkeit restloser Emanzipatton und an ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen des Ostens, schöpferische Kraft geweckt, so in der Renaissance jüdischer Geschichte und Kunst. Die Stellung des Liberalismus zum Zionismus sei dadurch bestimmt, daß er eine religiöse Bewegung sei. Als solcher könne er nicht das Wohl einer bestimmten Gruppe, sondern müsse — wolle er nicht auf sein geistiges Kriterium verzichten — das Wohl der jüdischen Gesamtheit schlechthin im Auge behalten. In allem müsse das Religiöse für den Liberalismus den entscheidenden Wertmaßstab abgeben. Die Frage, ob das Judentum national oder religiös sei, lasse sich dahin beantworten, daß das Judentum zwar eine nationale Grundlage habe, daß aber seine Entwicklung unzweifelhaft die Linie vom Nationalen zum Religiösen nehme. So seien die großen Schöpfungen der jüdischen religiösen Kultur entstanden in Zeiten nationalen Verfalls. Die Entwicklung vom Nationalen zum Religiösen bedeute nicht eine Abstreifung des Nationalen, sondern lediglich das Primat der Religion in der Idee des Judentums. Der Zionismus sei zunächst religiös neutral. Indem der Zionismus eine weltliche Bewegung sei, stehe ihm .der Liberalismus wie jeder anderen nationalen Bewegung gegenüber. Der religiöse Mensch könne sich der Nation gegenüber negativ einstellen, sie als Fessel empfinden, sowie seinen Körper. Er könne aber auch das Recht der Nation anerkennen, unter der Bedingung, daß die Religion darunter nicht leide. Der Liberalismus habe also grundsätzlich keine Veranlassung, gegen den Zionismus aufzutreten. Der Liberalismus müsse aber weitergehend den Zionismus fördern, weil sein Hauptziel die Förderung der jüdischen Seele sei, er müsse also auch den Zionismus, der schöpferische Kräfte der jüdischen Seele freimachte, fördern. Dazu komme noch, daß die Gemeinschaftsorganisation des Judentums nicht wie bei anderen Konfessionen ein Wahlkirchentum darstelle, sondern auf der Vlutsgemeinschaft beruhe. Der Liberalismus habe mit der Aufgabe, den Zionismus zu fördern, zugleich die weitere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß das Nationale nicht zum Selbstwert werde. Der Liberalismus müsse daher die Arbeit sowohl im Galuth, wie in Palästina bejahen. — Die fesselnd vorgetragenen Ausführungen des Redners fanden starken Beifall. Die anschließende Diskussion ergab im wesentlichen Übereinstimmung mit den Ausführungen des Redners. — Es ist ohne Zweifel ein Verdienst des Redners, den Versuch gemacht zu haben, die Möglichkeit eines Zusammenarbeitens zweier großer Richtungen des Judentums, des Liberalismus und des Zionismus, aufzuzeigen. Die erste Hauptthese seines Referates, daß es für den Liberalismus als religiöse Bewegung keine grundsätzlich gegnerische Einstellung zum Zionismus geben könne, war von ihm klar und überzeugend herausgearbeitet. Nicht unbedingt zwingend war hingegen die Begründung für die Förderung nach einer positiven Mitarbeit des Liberalismus in der zionistischen Bewegung, womit gegen die Forderung als solche nichts gesagt ist. Weil der Liberalismus an Stelle des transzendenten, außerhalb der Welt stehenden Gottes einen Gott gesetzt habe, den wir in unserem Bewußtsein erleben, müsse der Liberalismus die jüdische Seele als Träger dieses Bewußtseins fördern und somit auch den Zionismus als eine die jüdische Seele fördernde Bewegung unterstützen. Es erscheint aber fraglich, ob eine Förderung der jüdischen Seele schlechthin, ohne daß man sich darüber klar ward, in welcher Richtung sie nun eigentlich zu fördern sei, ohne weiteres eine Förderung des Jüdisch-Religiösen zu erzielen imstande ist, ob nicht an Stelle der primären Kultivierung der jüdischen Seele die primäre Gestaltung der jüdischen Idee, mit dem Erfolge der Entwicklung jüdischer Seele, zu treten hat. Es sei bei dieser Gelegenheit auf eine Abhandlung hingewiefen, die in der letzten Nummer des „Morgen" erschienen ist und in der sich Rabbiner Dr. Dienemann unter dem Titel „Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken" mit einer Abhandlung des Münchner Paters Przywara auseinandersetzt. Przywara macht den heutigen Repräsentanten jüdischer Denkweise die Unterstellung „Gott werde nur der Name für Menschenideal, Gott werde ins Innere des Menschen gesperrt und der Mensch zum Herrn auch Gottes gemacht". Dienemann weist diese Unterstellung im Prinzip mit Erfolg zurück, gibt aber zugleich zu, daß diese Ansicht nicht ganz ohne Veranlassung entstanden ist. Es ist eine weitere Frage, ob der Liberalismus die vom Redner hervorgehobene Organisation der jüdischen Kirche auf Grund der Blutsgemeinschaft als endgültig akzeptieren wird. Es würde zu weit führen, hier zu untersuchen, ob nicht etwa auch dem Kampfe um die Gleichberechtigung, zumal bei der stark ausgeprägten sozialen Note des Judentums ein religiöses Moment innewohnen kann, dies im Zusammenhang mit der Erörterung der Frage, ob wirklich das Nationale ein ganz außerhalb des Religiösen liegendes Gebiet ist. Die Wissenschaft vom Judentum hat doch wohl auch schöpferische Kraft bewiesen. Es darf auf den in diesen Blättern erschienenen Aufsatz von Dr. Perles verwiesen werden. Auf jeden Fall bedeuteten die Ausführungen des Redners einen wertvollen Beitrag zu diesem wichtigem Problem. S. Synagogenkonzert. Anläßlich der 100. Wiederkehr der Einweihung der Synagoge an der Westenriederstraße, fand am Sonntag, dem 2. Mai ein Synagogenkonzert statt. Den Chor stellte der jüdische Gesangsverein unter Leitung von Kapellmeister Josef Ziegler, die Solopartien wurden gesungen von Frau Sonja Ziegler, den Herren Kantor A. Müller, Kantor Julius Wachmann; die Orgel hatte Organist Robert Osenbrunner übernommen. Es wurden ein Festpräludium für die Orgel und anschließend Chöre und Soli von den Komponisten Rossi, Halerry, Löwenstamm, Lewandowsky und Birnbaum zum Vortrag gebracht. Das Programm bot, nicht zuletzt durch die tüchtige Leistung der Mitwirkenden, einen guten Überblick über die reichen Ausdrucksmöglichkeiten der Synagogenmusik. In seiner Ansprache wies Rabbiner Dr. Baerwald darauf hin, daß die Einweihung der Synagoge an der Westenriederstraße zugleich ein Markstein sei in der Geschichte der synagogalen Musik. Die Bedeutung dieser Musik bestehe in der Herbeiführung der Harmonie zwischen Gedanke und Gefühl. Prof. Kirschner gab in einem längeren Vorträge Rückblicke, und Ausblicke auf den Synagogengesang. Er beleuchtete in geschichtlicher Betrachtung die Entwicklung der synagogalen Musik und zeigte, wie in jenem historischen Momente, dessen Wiederkehr man heute feiere, die Befreiung aus dem Ghetto zugleich die Sehnsucht nach einem zeitgemäßen und ästhetisch befriedigenden Gottesdienste wachgerufen habe, zu dessen Ausgestaltung die Synagogenmusik in reichem Maße beigetragen habe. Die synagogale Musik müsse in Anlehnung an das Altüberlieferte in organischem Wachstum fortschreiten. Der starke Besuch des Konzertes bewies, welch großes Interesse in weiten Kreisen derartigen Veranstaltungen entgegengebracht wird, ein Interesse, daß die Besucher nicht zu bereuen hatten. Geheimer Iustizrat Prof. Dr. Heinrich Frankenburger. Wie bereits dem Bericht über die Gemeindevertretungssitzung vom 25. März d. I. zu entnehmen war, hat Herr Geheimrat Prof. Dr. Frankenburger sein Amt als stellvertretender Vorsitzender des Vorstands niedergelegt und ist gleichzeitig aus dem Vorstand unserer Gemeinde ausgetreten. Mit ihm scheidet ein Mann aus den gemeindlichen Körperschaften, der ihnen nahezu 20 Jahre in rastloser, treuester Pflichterfüllung angehört hat. Schon in den Jahren 1902 bis 1904 war Frankenburger Mitglied der Gemeindeverwaltung, in die ihn das allgemeine Vertrauen 1909 erneut berief. Als durch die neue Verfassung an die Stelle der einen Gemeindeverwaltung zwei Körperschaften traten, wurde Heinrich Frankenburger zu Beginn des

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