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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-05-07 · 5 (7.5.1926) · p. Seite 144

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
5 (7.5.1926)
Article
Zum 100jährigen Bestehen des Studien- und Arbeitsbeförderungs-Vereins für Israeliten in Bayern e. V.
Date
1926-05-07
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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144 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 neben Handwerk und Ackerbau technische Gewerbe, Wissenschaften und bildende Künste genannt. Aus dem Kaffabuch des Vereins, das vom Jahre 1865 an vorliegt, lässt sich indes feststellen, daß zwar Lehrlinge und Gesellen, mitunter auch Meister aller nur denkbaren Handwerke, Spenden des Vereins empfingen, daß indes von anderen Berufsarten ausschließlich Polytechniker ganz vereinzelt berücksichtigt wurden. Erft vom Jahre 1874 an wurden alljährlich eine Anzahl Studierender der Universität, des Polytechnikums und der übrigen Hochschulen Münchens, mitunter auch Seminaristen mit Stipendien bedacht und empfingen von da an nur Handwerks- und Ackerbaulehrlinge Ermunterungspreise. Gleichzeitig nahm der Verein seine jetzige Bezeichnung: „Studien- und Arbeitsbeförderungs-Verein für Israeliten in Bayern" an. Seit 1874 fanden alljährlich regelmäßig zwei Stipendienverteilungen statt, bei welchen gewöhnlich eine stattliche Zahl Bewerber, mitunter 30 bis 40 Studierende und 10 bis 12 Handwerkslehrlinge als Bewerber auftraten und jeweils 2 bis 3000 Mark zur Verteilung gelangten. Der Verein hatte sich in Friedenszeiten einer Anzahl treuer Gönner zu erfreuen, die seine Bestrebungen tatkrästigst unterstützten. Wiederholt wurde er auch mit größeren Stiftungen bedacht, die die Verteilung größerer Stipendien ermöalichten. Es seien die „Ieanette-Arnstein-Stiftung" zu M. 8000. — , die „Ludwig-und-Rosa-Bergmann-Stiftung" zu M. 15 000.— und die „Iosef-Kronheimer-Gedächtnis-Stiftung" zu Mark 20 000.- angeführt. So konnte der Verein in Friedenszeiten nicht nur den an ihn gestellten Ansprüchen Nachkommen, sondern auch ein Vermögen von nahezu M. 100 000. — sammeln und bei Beginn des Weltkrieges der Kultusgemeinde für ihren KriegShilfe- Fonds. mehrfach namhafte Beträge zur Verfügung stellen. Das Das Vermögen des Vereins ist mit der Inflation verschwunden. Die Spenden, die sonst bei frohen wie bei ernsten Anlässen reichlich flössen, haben völlig aufgehört und die Beiträge der Mitglieder sind nun die einzige Einnahmequelle, die indes bei weitem nicht hinreicht, nachdem nunmehr regelmäßig eine größere Anzahl Studierender aus dem bayerischen Mittelstand sich um Stipendien bewirbt. Es wäre dankbarst zu begrüßen, wenn das 100jährige Be- ' stehen des Vereines ihm neue Mitglieder und Gönner zuführen würde. Es sollte in der Tat nur des Hinweises auf die jetzigen schwierigen finanziellen Verhältnisse bedürfen, um insbesondere alle jene, die einst selbst Stipendien empfingen, nun in Amt und Würden sich befinden oder einem Handwerk obliegen, zum Eintritt in den Verein zu bestimmen. Der Dankespflicht der Gegenwart zu genügen und all derer einzeln zu gedenken, die seit einem Jahrhundert mitgearbeitet haben am Werke des Vereines, ist nicht möglich. Es seien aber r~ wenigstens die Namen der ersten Vorstände, die wir für das erste Halbhundert seines Bestehens vereinzelt nennen konnten, für das zweite Halbhundert genannt: Herr Rabbiner Dr. Perles von 1879(?) bis 1894, Herr Iuftizrat Julius Rau von 1895 bis 1900, Herr Rabbiner Prof. Dr. Werner von 1901 bis 1918, Herr Iuftizrat Leo Oppenheimer von 1918 bis 1920, seitdem Herr Rabbiner Dr. Baerwald. Diese Namen allein verbürgen, daß der Verein bei Erfüllung seiner Aufgaben stets das Beste angeftrebt und nach Möglichkeit verwirklicht hat. Wenn der Verein auch als Wohltätigkeitsverein gegründet war, so befaßte er sich nicht mit bcu eigentlichen Aufgaben der Wohltätigkeit, sondern seine Arbeit zielte stets auf die Hebung der kulturellen Lage der bayerischen Juden, und hieran hat er durch Unterstützung und Aufmunterung der Glaubensgenossen, die sich dem Handwerk, dem Ackerbau oder einem gelehrten Berufe zuwandten, stets gearbeitet. Hinsichtlich des Umfangs und der Art dieser Tätigkeit mußte selbstverständlich dem Wechsel der Zeiten und der Verhältnisse Rechnung getragen werden, allein die kulturellen Ziele waren stets die gleichen und die gegenwärtigen Zeiten, da die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse unsere aufstrebende Jugend vielfach wieder vor harte Daseinskämpfe stellt, gibt Veranlassung und reiche Gelegenheit zur Fortsetzung dieser Tätigkeit. Wie der Rückblick auf das erste Jahrhundert des Bestehens des Vereins die Überzeugung wecken muß, daß seine Leistungen nicht nur denen zugute kamen, die sie im einzelnen empfingen, sondern in ihrem Erfolge der Gesamtheit der bayerischen Juden, so möge der Blick auf die Gegenwart zur unermüdlichen Fortsetzung und Erweiterung dieser Bestrebungen führen, im Vertrauen auf den Aufbau deö deutschen Volkes, im Vertrauen auf die Zukunft unserer jüdischen Jugend! Möge dem Verein die Erfüllung seiner Aufgaben zum Besten der bayerischen Iudenheit auch weiterhin ermöglicht sein! Möge sein Jahrhundert-Jubiläum ihm neue Freunde gewinnen und die ideale Auffassung, wie seine Gründer sie in dem Vorwort zu den Statuten bekunden, als schönes Zeichen echt jüdischer Gesinnung sein Papier auch für die Zukunft bleiben!! Dr. W. Kitzinger. Aus der Gemeinde. Liberalismus und Zionismus. über dieses Thema sprach Mitte April in einer von der zionistischen Ortsgruppe München veranstalteten Versammlung Rabbiner Dr. Elk. Als entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des europäischen Judentums bezeichnete der Redner die Emanzipation. Die erlangte Rechtsgleichheit sei für den Juden von höchster Bedeutung gewesen. Allerdings stand sie zum Teil nur auf dem Papier, es galt, sie auch tatsächlich zu erreichen. Größer war noch die geistige Umstellung: eine neue Welt tat sich dem Juden auf die ihn so blendete, daß er sein eigenes Wesen vollkommen vergaß. 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