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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-05-07 · 5 (7.5.1926) · p. Seite 135

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
5 (7.5.1926)
Article
Wohlfahrtsamt und Wohlfahrtsarbeit
Date
1926-05-07
Page
Seite 135 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 135 als Beruf auffaffen, einen Beruf, der ihre ganze Zeit ausfüllt, und auf den sie nicht nur durch innere Neigung und Eignung, sondern auch durch Aneignung gewiffer Tatsächlichkeiten vorbereitet sind. So also entstand — wie auch in anderen Orten — hier die Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege, unser gemeindliches Wohlfahrtsamt. Daneben bestehen nach wie vor noch die Vereine, die jetzt in Verbindung mit dem Wohlfahrtsamt ihren speziellen Aufgaben nachgehen. Im Wohlfahrtsamt selbst aber konzentriert sich die jüdische Wohlfahrtspflege der Stadt. Was bedeutet das? Es bedeutet vorerst und vor allem, daß der einzelne Bedürftige eine Stelle weiß, an die er sich wenden kann, wenn er Rat und Hilfe braucht, es bedeutet, daß eine Stelle existiert, die den einzelnen Fall sachgemäß prüfen kann und die — soweit es überhaupt möglich ist - Wege schaffen kann zur Hilfe. Welches sind nun die Aufgaben eines solchen Wohlfahrtsamtes? Ich glaube, am deutlichsten läßt sich davon sprechen, wenn ich ganz konkret von unserem Wohlfahrtsamt, von seiner Organisation und seiner Tätigkeit spreche. Unser Amt hat drei Abteilungen: A) Abteilung für regelmäßige Unterstützungen und Durchwandererfürsorge, B) Allgemeine Fürsorge, C) Jugendfürsorge. Diese Gliederung hat sich aus der Arbeit ergeben. Bezeichnend für die Entwicklung der Fürsorge im allgemeinen ist, daß Abteilung A am längsten besteht, es ist die frühere sog. Armenpflege. Hier erhalten die, die wegen Alters oder Krankheit meist dauernd erwerbsunfähig sind, regelmäßige monatliche Unterstützung. Es ist dies der Kreis der Personen, die immer Objekt der Fürsorge waren — stets hat man sich der Alten und Gebrechlichen annehmen müssen und angenommen. Die Fürsorge besteht hier in einer Versorgung: es sind Menschen, die nicht mehr die Möglichkeit haben, selbst für sich zu sorgen und für die zu sorgen schon immer als ethische Pflicht sowohl des einzelnen — soweit es in seiner Macht steht — als auch der Gesamtheit galt. Die Möglichkeiten der Versorgung sind dieselben geblieben: offene oder geschlossene Fürsorge. Wir haben ja hier in München zwei Altersheime und haben jetzt in Würzburg das Siechenhaus — doch in diesen Heimen ist leider lange nicht genug Platz, um alle die aufzunehmen, die wir gerne aufnehmen würden. Außerdem sind viele da, die nie in ein Heim wollten, teils weil sie mit ihrer Familie Zusammenleben, von der sie sich nicht trennen wollen, teils wollen sie die ihnen lieb gewordene Art des doch mehr von ihnen selbst bestimmten Lebens mit dem von ihnen gewählten Tageslauf nicht aufgeben, um sich fremder Hausordnung in fremder Umgebung zu fügen. Für all die müssen wir in der offenen Fürsorge sorgen. Sie sind es, die regelmäßig monatlich Unterstützung bekommen, die leider — bei den uns zur Verfügung stehenden Mitteln — nicht so unterstützt werden, daß sie davon leben können. Sie bekommen von uns — durch eine Einrichtung des Frauenbundes, der auch von Privaten die Mittel dazu beschafft - monatlich Lebensmittel (pro Kopf etwa im Werte von M. 3. — ) und Barunterstützung, die wir den städtischen Sätzen anzugleichen suchen. Bei Deutschen bemühen wir uns mehr und mehr, städtische Mittel heranzuziehen und geben nur Zusatzunterftützungen; bei Ausländern besteht hier in Bayern die Gefahr, daß sie bei Inanspruchnahme von Unterstützung der Polizei gemeldet und als lästige Ausländer ausgewiesen werden — sie werden bis jetzt noch ausschließlich von unö unterstützt. Außer der Barunterstützung und der Unterstützung mit Lebensmitteln haben eine Anzahl der gerade in dieser Abteilung Befürsorgten freien Mittagstisch in unserer Speiseanstalt in der Klenzeftraße. Für diesen kommen besonders in Betracht alleinstehende Männer oder Frauen, die möblierte Zimmer haben und sich nicht kochen können. Das Essen dort ist gut und reichlich, und die Einrichtung bedeutet für viele eine wirkliche Wohltat. Wie ich vorhin gesagt habe, ist die Fürsorge für diese Alten und Kranken etwas Althergebrachtes. Geändert hat sich jetzt vor allem der Kreis dieser Befürsorgten, der jedenfalls heute viel größer ist als früher. Es ist wohl ohne weiteres einleuchtend, daß in den Jahren nach einer Inflation, wie wir sie erlebt haben, niemand mehr von dem leben kann, was er sich in jungen Jahren für die Zeiten des Alters erspart hat, und wenn die jetzt Altgewordenen nun nicht von im Wirtschaftsleben stehenden Familienangehörigen erhalten werden können, sind sie heute unterstützungsbedürftig. Ist dieser Kreis von Unterstützungsbedürftigen heute schon viel größer als in früheren Zeiten, so sind die, für die eine mehr wirtschaftliche Fürsorge nötig ist, bei denen es sich nicht um eine Versorgung handelt, sondern die noch Kräfte freihaben, die es im Wirtschaftsleben zu verwerten gilt, wenn auch nicht erst geschaffen durch die wirtschaftliche Depression der Nachkriegszeit, so doch zum großen Teil durch die Zeitverhältnisse bedingt. Ehe wir von ihnen sprechen, wollen wir kurz noch von der Fürsorge für die Durchwanderer sprechen, die auch von Abteilung A unseres Amtes ausgeht. Die Fürsorge für Wanderer bildet schon immer in der allgemeinen Fürsorge ein schwieriges Problem. Man versucht in der allgemeinen Fürsorge immer mehr, den oft sehr merkwürdigen Individuen der Wanderer gerecht zu werden, Einrichtungen zu schaffen, die ihnen entsprechen. Wenn man die Menschen dort aber vergleicht mit den Menschen, die als jüdische Durchwanderer zu uns kommen, dann weiß man, wie grundverschieden die Typen hier und da sind. Hat man es bei den nichtjüdischen Wanderern meist mit Menschen zu tun, die durch eine pathologische Veranlagung zu dem unsteten Leben kommen, so sind unsere jüdischen Wanderer, soweit sie nicht überhaupt nur die Mittel zu einer aus irgendwelchen Gründen nötigen Reise brauchen, meist durch äußere Gründe wirtschaftlicher Not zur Wanderung getrieben. Welches sind nun hier die Aufgaben einer guten Fürsorge? Gerade in den letzten Monaten ist in Deutschland eine Organisation der Durchwandererfürsorge entstanden. Ihre Ziele sind folgende: die Durchwanderer, die ein bestimmtes Reiseziel haben, sollen auf möglichst großen Strecken befördert werden. Zu diesem Zweck ist ein Netz von Provinzialkassen gebildet worden. Die Durchwanderer bekommen an einer Provinzialkasse außer etwas Wegzehrung die Reisekarte bis zur nächsten Provinzialkaffe. Die abfertigende Kasse meldet den Betreffenden sofort der nächsten Kasse an. Dadurch ist einmal eine größere Kontrolle erreicht, dann werden die kleineren leistungsschwachen Gemeinden nach Möglichkeit verschont, was sowohl in ihrem Interesse als auch im Interesse der Wanderer, die sich nicht „durchschnorren" müssen, zu begrüßen ist. In dem Maß, in dem sie entlastet sind, führen die kleineren Gemeinden den Provinzialkaffen Beträge zu. Damit ist zumindest eine zweckdienliche Beförderung für die geschaffen, die einem bestimmten Ziele zustreben. Schwieriger liegen die Verhältnisse noch bei denen, die ohne Zweck und Ziel reisen. Hier hat es natürlich keinen Wert, sie weiter zu schicken, ihnen müßte man zu einer Arbeit verhelfen. Man kann dies einmal durch einen guten Stellennachweis und dann durch Arbeitsstätten. Beides ist in Zeiten allgemeiner Arbeitslosigkeit sehr schwer — aber gerade in diesen Zeiten ist die Zahl der ziellos Wandernden natürlich besonders groß. Für uns in Bayern kommt noch erschwerend hinzu, daß wir selbst bei Arbeitsgelegenheit diesen Arbeitslosen keine Arbeit Nachweisen können, weil es meist Ausländer sind, die hier keine Zuzugserlaubnis bekommen. Es ist entsetzlich, aber in all

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