Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Article
- Der Weg zum Reichsverband der deutschen Juden
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 tungen: einmal, auf welches Basis der Reichsverband aufgebaut werden soll, sodann, ob eine Möglichkeit des Beitritts des Halberstädter Verbandes besteht. In bezug auf die Grundlage des Reichsverbandes siegte die Richtung, die einen Verband der Landesverbände als Reichsverband wünschte. Die umfangreiche Diskussion zu dieser Frage führte zur Annahme der Grundsätze des Bayerischen Landesverbandes, die einen Zusammenschluß der Landesverbände vorsehen, die Aufgaben des Reichsverbandes umschreiben, über die Mittel für die Deckung der Bedürfnisse sprechen, die Organe des Reichsverbandes (Rat, Ausschuß, Reichstagung) bestimmen. Zur Frage des Beitritts des Halberstädter Verbandes äußerten sich die Rabbiner Dr. Munk und Dr. Auerbach. Für den Preußen-Verband gab RA. Dr. Klee dem Wunsche Ausdruck, daß eine Zusammenarbeit mit dem Halberftädter Verband ermöglicht werde. In demselben Sinne sprachen Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer (München) und Prof. Dr. Stein (Karlsruhe). Die Vertreter des Halberftädter Verbandes gaben die Erklärung ab: „Der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden (Sitz Halberstadt) bedauert unter Bezugnahme auf die ausführlich dargelegten Begründungen ein Mitglied in die Kommission nicht entsenden zu können, erklärt sich aber bereit, zu den Verhandlungen einen mitberatenden Gast abzuordnen." Es kann angenommen werden, daß der Weg zum Reichsverband nunmehr geebnet ist und daß alle Organisationen und Richtungen des deutschen Judentums sich zusammenschließen werden, um mit gesammelter Kraft die Not nach innen zu lindern, die Interessen nach außen zu vertreten und die Ehre des jüdischen Namens zu wahren. Molilfahrtsaml und V^ohttahrtsarbeit Vortrag im jüdischen Frauenbund am 8. März 1926 in München von Dr. Emmy Strauß. Ich will Ihnen heute abend von unserer Wohlfahrtsarbeit hier in München sagen, von der Wohlfahrtsarbeit, wie sie im besonderen sich im Wohlfahrtsamt unserer Gemeinde konzentriert. Vorerst einige Worte über die Tatsache dieser Konzentration und über ihre Bedeutung. Schon das Wort „Wohlfahrtsamt", also ein Amt, dessen Aufgabe die Ausübung der Wohlfahrtsarbeit ist, bedarf der Rechtfertigung. Ist nicht Fürsorge etwas ganz Persönliches, Dienst am Menschen, auSgeübt vom Mit-, vom Nebenmenschen, und hat sie nicht ihre Bedeutung gerade darin, daß sie geschieht von Mensch zu Mensch? Und ist nicht ein Amt etwas, bei dem man zuerst an Akten, an Schriftstücke denkt und kaum mehr weiß, daß es wirkliche Menschen sind, von denen all das Papierene, Geschriebene stammt? Und nun soll ein Amt Träger der Fürsorge sein? Sehen wir, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Immer schon hat es Arme gegeben, immer schon hat man sich ihrer angenommen. Man half dem, von dem man wußte, daß es ihm schlecht geht und half ihm soweit man konnte. Allmählich schlossen sich Vereine zusammen, um in einer bestimmten Richtung mehr tun zu können. Man sah, daß der einzelne nicht ausreichend helfen konnte, wenn es sich z. B. darum handelte, Aussteuer für arme Bräute zu beschaffen oder die Kosten einer langen Krankenbehandlung zu zahlen. So gab man das, was man dem Bedürftigen früher selbst gegeben hatte, als Mitgliedsbeilrag den für die verschiedensten Zwecke gebildeten Vereinen, die es durch ihre Vorstände wieder den Armen zukommen ließen. Damit war schon der erste Schritt getan zu der Entwicklung, die ich hier kennzeichnen will. Nicht mehr tut jeder einzelne das, was er an Zedokoh tut, unmittelbar selbst — einzelne, die mit besonderer Liebe sich der Armen annehmen, die vor allem auch Zeit haben, sich dieser Arbeit zu widmen, werden von den Vereinen, deren Vorstand sie sind, ermächtigt, im Sinne des Vereins die Mittel, die von seinen Mitgliedern aufgebracht werden, für die Zwecke des Vereins zu verwenden. Hier also setzt diese Entwicklung ein, die in ihren Auswirkungen schließlich zum Wohlfahrtsamt führt, die zuerst von der privaten Wohltätigkeit Privater zu der WohltätigkeitSarbeit privater Vereine führte. Die Gründe hierfür waren vor allem die, daß man sah, daß in einzelnen Fällen mehr Geld nötig war als der einzelne aufbringen konnte, und dazu kam dann noch als weiteres, daß durch die Vereine Kollektivbedürfnisse beftiedigt werden konnten, die in ihren Anforderungen auch die Leistungsmöglichkeit der einzelnen überschritten. Nur in seltenen Fällen konnte ein Heim — sei eS für Alte, Sieche, Kranke oder Kinder, von einem einzelnen gegründet und erhalten werden. Wurden auch machmal die Mittel für diese und ähnliche Zwecke durch Stiftungen aufgebracht, so ging man doch bald dazu über, sich zu einem derartigen Werk zusammenzuschließen, Vereine zu gründen. Zu den verschiedensten Zwecken wurden nun Vereine gegründet: zu Aufgaben der Krankenfürsorge, der Jugendfürsorge; Frauen schlossen sich besonders zusammen, um in ihrem Kreis sich Aufgaben zuzuwenden, die ganz spezifisch die Frau angingen; wie Mutterschutz, Mädchenschutz usw. Diese Vereine bestanden nun nebeneinander — die Entwicklung, wie ich sie hier skizziere, gilt ganz allgemein für die Fürsorge, sie gilt im besonderen auch für die jüdische Fürsorge. Erft die Gründe, die zur Errichtung städtischer Wohlfahrtsämter geführt haben, führten auch bei uns dazu, Zentralen einzurichten, die, wie ja auch hier in München, meist gemeindlich sind. Die Gründe sind im wesentlichen folgende: die Vereine, die — wenn auch nicht gerade gegeneinander —, so doch sicher oft nebeneinander arbeiten, wissen nichts oder kaum etwas von der in den anderen Vereinen geleisteten Arbeit, und da meist an den verschiedenen Orten mehrere Vereine ähnliche Aufgaben erfüllen, wenden sich die Bittsteller, um etwas zu erreichen, an alle in Betracht kommenden Vereine, und die ihnen gewährten Leistungen sind nicht zu kontrollieren. Dazu kommt folgendes: früher waren die Vereine meist dazu da, die Mittel zu beschaffen und dann dem Betreffenden, der sich um Unterstützung an sie wandte, auszuhändigen. Von der Tatsache und der Art der Bedürftigkeit des Bittstellers wußte man immer, man kannte ihn, und es galt nur, die Mittel aufzubringen zu seiner Hilfe. Das hat sich allmählich geändert. Allmählich kannte man die Bittsteller nicht mehr. Um zu wissen, ob es wirklich angebracht war, dem Betreffenden zu helfen, mußte man jetzt langwierige und oft komplizierte Erkundigungen einziehen. Das aber brauchte Zeit, viel Zeit, Menschenkenntnis und vor allem auch Kenntnis der sozialen Gegebenheiten. Für all das reichte die freie Zeit und die Kraft nur noch weniger Vorstandsmitglieder von Vereinen aus. Dazu kam, daß selbst, wenn man erkannt hatte, daß Hilfe in einem bestimmten Fall nötig war, die Art der Hilfe sich bei den immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen immer schwieriger gestaltete. All diese Faktoren — die Vielgestaltigkeit und Unübersichtlichkeit der Vereinstätigkeit und die Forderungen, die die moderne Wohlfahrtspflege an den stellt, der sie ausübt, führten auf der einen Seite zu einer Zentralisation, auf der anderen Seite dazu, daß die Arbeit heute neben ehrenamtlich Tätigen von denen geleistet wird, die sie