Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 4 (2.4.1926)
- Article
- Wanderlehrer - Filiallehrer
- Date
- 1926-04-02
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
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102 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Lehrer zur Aushilfe aufstellten, griffen sie auch ganz schablonenmäßig nach dem nächstwohnenden. Eine Feststellung, inwieweit der Betreffende durch sein Hauptamt und der bisher mit diesem schon verbundenen Nebenstellen hinsichtlich Zeit und Kräfte gebunden war, wurde nicht gemacht. Daher kommt es, daß einem Beamten neben einem Hauptamt zwei, drei, ja vier Filialgemeinden überantwortet sind. Und soweit der Lehrer mit deren Übernahme nicht sein Einkommen steigern wollte, tat er es eben aus einer Zwangslage heraus. Mit einer derartig schematischen Regelung kann sich kein Verband zufrieden geben. Trotz des aufgestellten Beamten gehen hier jüdische Werte und Einrichtungen zugrunde. Was kann denn schon erhalten werden — von einem Auf- und Ausbau ganz zu schweigen — wenn der Beamte wöchentlich in einem Nachmittage seine sämtlichen Funktionen in einer solchen Filialgemeinde erledigen soll? Nicht selten wird diese Zeitspanne auch noch beschnitten durch die Wetterlage oder Ankunft und Abfahrt des Bahnzuges. Zwischen einer Schechitoh und der andern, abgehetzt und von der Zeit gedrängt, wird dann der Religionsunterricht ohne Sammlung und Würde absolviert. Und die Schüler werten den Erwerb jüdischen Wissens bald ebensowenig wie ihre Eltern, denen die Versorgung mit Koscherfleisch zuvörderst im Magen — pardon — am Herzen liegt. Wenn diese das jüdische Leben in den Kleingemeinden so sehr schädigenden Verhältnisse glückhast bezwungen werden sollen, so ist m. E. notwendig, daß jeder Gemeindeoerband einen Ausschuß einsetzt, der allein die Fragen der Aufstellung von Wander- und Filiallehrern der Lösung entgegenzuführen hat. Er mühte — immer int Benehmen mit den Gemeinden — Wanderlehrerbezirke zusammenzustellen, die Unterrichtsstunden festlegen, deren Einhaltung nach prüfen lassen, für die Aufbringung des Gehalts sorgen und die Anstellungsverhältnisse der Beamten regeln. Die Distriktsrabbinate und -Ausschüsse können hierzu nur vorbereitende Arbeit leisten, weil nicht selten über verschiedene Bezirke hinübergegriffen werden muß. Dieser Ausschuß soll sich aber nicht zu einer Schulbehörde auswachsen. Die Wahl des Beamten bleibt immer den Gemeinden. Und dort, wo sich solche Kleingemeinden an den Landesgrenzen befinden, müßte von Landesverband zu Landesverband verhandelt werden — eine Arbeit, die auch hinweist auf einen zu gründenden Dachverband für sämtliche Gemeindeverbände in Deutschland. Lrgebnisse der Erhebung des Münchener Ausschusses für Uriegsslatistik der Zuden Von Prof. Dr. Arthur Cohen. Im ersten Abschnitt der unter diesem Titel in Nr. 2 der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" erschienenen statistischen Abhandlung ist zunächst (Seite 26) geschildert, wie die Ziffern gewonnen wurden. Die Grundlage der Erhebung bildeten ein Fragebogen mit Erläuterung und ein Rundschreiben, in welchem auf Zweck und Bedeutung der Erhebung hingewiesen wurde. Beide wurden vom Münchener Ausschuß für KriegSstatiftik der Juden am 27. Mai 1919 an 6082 Adreffen versendet. Es war beabsichtigt, beide am Schluß der Abhandlung als Anlage 1 und 2 zum Abdruck zu bringen. Aus drucktechnischen Gründen war dies aber nicht mehr möglich. Sie folgen daher hier nach:^) Anlage 1. Fragebogen. I. Des Kriegsteilnehmers: 1. Straße und Hausnummer nebst Stockwerk? 2. Vor- und Zuname? 3. Geburtstag? 4. Geburtsort? 5. Staatsangehörigkeit? 6. Beruf und Berufsstellung? II. 7. Militäroerband (deutsch, österreichisch-ungarisch, türkisch, bulgarisch)? 8. Vorher gedient? 9. Berechtigung zum Einjährig- Freiwilligen-Dienst? 10. Einberufen oder freiwillig gestellt? 11. Wann eingerückt? 12. Militärischer Dienstgrad beim Eintritt? 13. Zugehörigkeit bei Mobilmachung zum aktiven Heer, Ersatzreserve, Reserve, Landwehr, Landsturm? 14. Waffengattung (Inf., Kav., Art., techn. Truppen, Flotte) oder milit. Verwendung (z. B. Intendantur, Militärgericht, Sanitätsdienst)? III. 15. Wie lange an der Front? 16. Wie lange in der Etappe? 17. Wie lange im Heimatdienst? IV. 18. Wann entlassen? 19. Aus welchem Grund entlassen (krank, verwundet, angefordert, wegen Demobilmachung)? V. 20. Beförderungen? 21. Auszeichnungen? 22. Verwundungen? 23. Erkrankungen? 24. Gefallen? 25. Vermißt? 26. Gefangen? (Zu Ziff. 20 bis 26: Diese biographischen Notizen können nach Belieben erweitert werden.) VL 27. Ausgefüllt durch (Name und Adresse): H Bei dieser Gelegenheit seien zwei Druckoersehen berichtigt: 1. Auf S. 28, Sp. 1, Z. 10 v. o. muß es statt 8377 heißen: 8697. 2. In Abschn. VI (S. 28) hat die 3. Zeile des 2. Abs. folgendermaßen zu beginnen: 65418 oder 77% von 84352. Dementsprechend ist in der Tabelle in Rubr. 2 statt 68 zu setzen 77. (Vgl. die in Anm. 8 zit. Schrift von Segall.) Name und Adresse von Ihnen bekannten Kriegsteilnehmern, die mitzuzählen wären, aber keinen Fragebogen erhalten haben:.... Erläuterungen: 1. Alle Juden sind zu zählen, die zu irgend einem Zeitpunkte des Krieges dem deutschen oder österreichisch-ungarischen Militärverbande angehörten und gegenwärtig in München wohnen. 2. Als solche Kriegsteilnehmer gelten alle Personen des Soldatenstandes, auch Militärbeamte und Sanitätsdienst einschl. männlicher und weiblicher Angehöriger des. freiwilligen Krankendienstes (nicht dagegen vaterländischer Hilfsdienst). 3. Ein Fragebogen ist auszufüllen für jeden Angehörigen Ihres Hausstandes, der Kriegsteilnehmer (siehe 1 und 2.!) war. 4. Für Kriegsteilnehmer, welche in München woht.en, sich aber vorübergehend anderswo aufhalten, ist der Fragebogen auszufüllen. Für Teilnehmer, die gegenwärtig nicht in München wohnen, aber bei Kriegsausbruch oder zu irgend einer Zeit während des Krieges in München wohnten (also nicht vorübergehend sich aufhielten), kann der Fragebogen ausgefüllt werden. (Die Ausfüllung ist erwünscht, wenn sie zuverlässig geschehen kann.) 5. Der Fragebogen ist nach Tunlichkeit auch für solche Ihnen bekannte Kriegsteilnehmer auszufüllen, die Ihres Wissens in München keine näheren Angehörigen haben, insbesondere Gefallene, Gefangene und Vermißte. Rundschreiben. Nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern voll warmer Liebe zum Vaterland sind die jüdischen Heerespflichtigen der Einberufung zu den Waffen gefolgt. Jüdische Freiwillige eilten in großer Zahl zu den Fahnen. In allen ihnen zugewiesenen Stellungen, an der Front, in der Etappe, im Heimatdienst bewährten sich die Juden, zum Teil leisteten sie Außerordentliches, wie auch die vielen Beförderungen und Auszeichnungen beweisen. Das Vorurteil, daß die Juden an militärischer Tüchtigkeit, an Disziplin, an Tapferkeit hinter der christlichen Bevölkerung zurückstehen, hätte verstummen müssen. Trotzdem sind die Juden fortgesetzt den gehässigsten Angriffen ausgefetzt, welche ihr Ehrgefühl aufs tiefste verletzen müssen. Namentlich wird ihnen vorgeworfen, daß sie in unverhältnismäßig großer Anzahl bei den Kriegsgesellschaften und im Etappendienst beschäftigt waren. Die Militärverwaltung hat, ob mit oder ohne Rücksicht, dieser Anschauung durch die hinlänglich bekannte „Judenzählung tm Heer" eine Stütze gegeben. Die Beschränkung der Zählung auf die Juden bedeutete für diese eine schwere Kränkung; die ganze statistisch völlig verfehlter Grundlage aufgebaute Erhebung mußte zu falschen Ergebnissen führen. Ähnliche Vorwürfe sind gegen die Juden auch schon in früheren Kriegen, namentlich in den Befreiungskriegen erhoben worden. Leider war es damals aus Mangel an statistischem Material nicht möglich, den Angriffen zu begegnen. Dieser Mißstand darf sich nicht wiederholen.