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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-04-02 · 4 (2.4.1926) · p. Seite 86

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
4 (2.4.1926)
Article
Herzhafte Religionsstunden
Date
1926-04-02
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 uno Hieroglyphen in der Mutter Gebetbuch und in den hebräischen Schulbüchern von Bruder und Schwester angeftaunt. In diese Geheimniffe werden sie auch einoringen. Geheimnis, Erwartung und Freude umgeben die erste Religiosstunde. Unsere Schuljugend erfüllt ohne Zwang die Mahnung des jüdischen Pädagogen aus den Sprüchen der Vater: „Trinke rnit Durst ihre (der Lebrer) Worte." Diesen Durst müssen unsere Religionsstunoen stillen und diese Anteilnahme erhalten. Laurer und rein sind die Quellen, aus denen der Trunk fließt, köstlich soll er munden, aus Schalen und Gefäßen soll er gereicht werden, die die Jugend erfreuen. Wie goldene Früchte in silberner Schale soll er Seele und Herz laben. Die pädagogische Forderung, daß Sonne und Frohsinn, nicht Strenge und Härte, nicht Scheltwort und Strafe, nicht harter Zwang und Drill in der Schule vorherrschen sollen, gilt auch noch weit mehr von der Religionsstunde. Darum fordere ich „herzhaft e" Religionsstunden für unsere Kleinen und Großen, für die Alephbeth-Schützen und für Gymnasiasten, für unsere Kleinmädels und für die jungen Damen im Lyzeum. „Herzhafte" Religionsstunden sind aber solche, deren Inhalt im Herzen haftet und die als Erinnerung im Leben noch wirken, wenn auch vieles von dem Gelernten, die Namen, Zahlen und Worte unter die Schwelle des Bewußtseins hinabgesunken und vergessen sind. Weiheftunden müssen es sein, wenn wir von der Geschichte Israels und des jüdischen Volkes sprechen, wenn wir Gebete und Psalmen lernen und lesen, wenn wir die frohen und traurigen Gedenktage erleben, wenn wir die Einrichtungen der Gemeinde behandeln und von den Aufgaben des Judentums und der Iudenheit berichten. Nicht jede Stunde kann von solcher Weihe erfüllt sein, aber jede muß neben und in der gemeinsamen, oft ermüdenden Arbeit der Darbietung und Aneignung, Einprägung und Wiederholung des geschichtlichen, sprachlichen und formalen Stoffes ein Samenkorn in Herz und Seele einpslanzen, das haftet und oft Blüte und Frucht tragen mag, wenn unsere Zöglinge der Lehre und Zucht der Religionsftunde längst entwachsen sind. Es sind nicht neue Gedanken, die ich hier ausspreche, aber es sind Gedanken, die nicht oft genug an alle Erzieher gerichtet werden können. Gerade weil unsere Elternabende Neuland für solche Aussaaten durchpflügt haben, glaube ich am Schluß eines Schuljahres und bei Beginn eines neuen Recht und Pflicht zu haben,'als ein alter Sämann neuen Samen in die frischen Furchen zu streuen. Von der Theorie zur Praxis! Mit den Schülern der Volksschule an der Klenzestraße wurde Psalm 226, jenes Lied, das unsere Festabende verschönt, behandelt. Mehrere Mädchen der 8. Klasse erfreuten mich ohne Aufforderung mit der Niederschrift ihrer Gedanken. Ich greife aus den Blättern eine Arbeit heraus, um ohne Retusche zu zeigen, was eine Schülerin von 13 Jahren aus der Schulstunde heimtrug. DieHeimkehr der Gefangenen. Schon 70 Jahre, 70 lange Jahre währte die Knechtschaft. In Babylon waren die Juden gefangen, fortgeführt aus der Heimat ins fremde Land. Nur die Alten konnten sich noch der Heimat dunkel erinnern, die junge Generation kannte dieselbe nur aus den Erzählungen. Da erscholl plötzlich die ftohe Kunde: „Babel ist geschlagen und der große Beherrscher Persiens, Cyrus, hat das mächtige babylonische Reich erobert und sogleich den Befehl gegeben, die Juden ziehen zu lassen." Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die freudige Kunde im ganzen Lande. Die Juden konnten es gar nicht fassen. Sie sollten noch einmal die Heimat sehen, das war gar nicht möglich, es erschien ihnen alles wie ein Traum. Aber der Traum wurde Wirklichkeit. Da erkannten selbst fremde Völker die Größe Gottes. Mit Jubel und Saitenspiel und mit Liedern der Heimat, die sie schon lange nicht mehr gesungen, zogen sie aus gegen Westen. Aber wehe, wie hatten sie das Mutterland verlassen? Und wie fanden sie es wieder? Verfteint und verödet. Viele heiße Tränen kostete es, bis alles wieder in Ordnung war. Doch sie verzagten nicht, sondern vertrauten auf Gott. Wir aber sind stolz auf unsere ^Ahnen, die Zion wieder aufgebaut. Schir hamaalos singen wir heute noch als Danklied am Freitag abend. A b f ch i e d S w o r t e an meine 8. Klaffe. Achtmal haben wir am Pessach Abschied vom alten Schuljahr gehalten und uns siebenmal im neuen wieder begrüßt. In diesem Jahre werden wir uns nicht wieder sehen im alten lieben Religionsschulzimmer der Klenzeschule. Eure Schulzeit ist vorüber und neue Lernjahre beginnen. Ihr bereitet Euch für den Beruf und für das Leben mit seinen schweren Pflichten und seinem Ernst in den Fortbildungsschulen, in kaufmännischen und gewerklichen Betrieben, aber auch in der Lehre der Mutter vor. Da wollen wir noch einmal mit einander vom Fest der Freiheit und besonders von dem Mann sprechen, der sein Volk in die Freiheit geführt, von Moses. Aus der Knechtschaft Ägyptens, durch das Rote Meer, zum Sinai, durch die Wüste bis zum Jordan war er der treue Führer. Da war ihm Ziel und Ende gesetzt. Ins Land der Freiheit durfte er sie nicht leiten. Das konnten nur seine Augen von der Ferne sehen. Viel Mühe und manchen Verdruß hatte er mit den Kindern Israels. Dennoch lieble er sie und segnete sie vor dem Abschied. So ein Moses im Kleinen ist auch Euer Lehrer. Ich habe Euch 8 Jahre geführt. Wie Ihr zum ersten Male vor mir gesessen seid, wart Ihr noch klein und zart, nun seid Ihr groß geworden und die alten Bänke sind für die meisten zu eng. Ich habe Euch durch die Geschichte unseres Volkes geführt, Euch seine Sprache und unsere alten heiligen Gebete gelehrt. Oft standen wir am Sinai, wenn auch nur in Gedanken. Ihr habt mir Eure kindlichen Sorgen so oft anvertraut und ich war Euch und manchmal Euren Eltern ein Berater und Vermittler mit der Schule und deren Leitung. Ihr wart auch meist willig und habt mir mehr Freude als Verdruß bereitet. In das neue Land kann ich Euch nicht weiter führen. Ich kann Euch nur nachschauen, Euch Glück und Segen wünschen: Haltet fest an Gottes Geboten, bleibt treue Juden und werdet gute, pflichteifrige Menschen. Ins neue Land führte Iehoschua sein Volk. Ihr wißt, waö dieser Name bedeutet: „Gott ist der Helfer!" Der möge auch Euer Helfer sein und Glück und Segen Euch spenden! BÄER & ÄUERBÄCH BANKGESCHÄFT / MÄXIMILIÄNSPLÄTZ 18 Telephon Nummern 22 805 und 264 77 Ausführung aller Börsenaufträge Konto-Korrent-Kredite

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