Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 2 (8.2.1926)
- Article
- Der israelitische Frauenverein von 1830
- Date
- 1926-02-08
- Page
- Seite 42 (sequence 1)
- Language
- German
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42 Bayerische Israelitische Gemeindezeitimg Nr. 2 Der israelitische Frauenverein von 1830 bittet bei allen Veranlassungen seine Depeschenformulare zu verwenden. Diese sind erhältlich wochentags am Vormittag Herzog-Max-Straße 5/1 Rückgebäude. Wohlfahrtsbriefmarken. Auf Grund eines Erlasses des Reichspost-Ministeriums ist die ursprünglich bis 1. März 1926 festgesetzte Vertriebsdauer der Woytfayrtbriefmarken bis zum Id. April verlängert worden. Gleichzeitig damit wurde die Gültigkeitsdauer der Marken zum Freimachen bis Ende Mai festgesetzt. Ein großer Teil des Erlöses für Wohlfahrtsmarken kommt den Verkausssteüen zugute. Wir bitten daher, Wohlfahrtsbriefmarken durch die Jüdischen Wohlfahrtsämter zu beziehen. vücherfchau. Antisemitismus und jüdisches Volkstum. Das letzte Sonderheft des „Juden" setzt sich mit dem Problem „Antisemitismus uns jüdisches Volkstum" auseinander. Alan findet unter den Mitarbeitern die vesten Namen des heutigen schreibenden Deutschland, wie es dem Niveau des von Marlin Vuoer herausgegevenen, von seinem Geist durchdrungenen Vlattes woyl entspricht. Menschen, wie Arnold Zweig, Duo Flake, Jakob Wassermann, Vernyard Shaw, Heinrich Mann u. a. haben ihre personitche Steüung zum Judentum und Antisemitismus dargelegt — eine allgemeine Dofung ist m keinem dieser Beitrage zu finden. Man tegl das Heft nur oem bedrückenden Gefühl aus der Hano, daß die Dvsung des Problems um so verwiaelter scheint, je mehr verschiedene Kopse verschiedene Ansichten dazu äutzern. Arnold Zweig yat kurz zusammengesatzt die Stellung des Juden in der deutschen Gegenwart beyanoeit, hat als ein Dichter gesprochen, der tiefste Zusammenhänge suhlt, die weit über die gegenwärtigen Parteispalrungen in und außerhalb der Judenheit hmausreichen. Seiner Einsteuung am nächsten kommt Otto Flake, der in seinem „Antisemitismus und Zukunft" die konfliktlose Zukunft in einem „vergeistigten" Nationatsudentum sieht, das von den Juden ein sich ihrer Eigenart bewußtes Einstellen auf die übernationalen Menschheitsfragen fordert, „Nach meiner Meinung ist für ein Diasporavolk die gegebene adäquade Haltung der Dienst an den übernationalen Ideen und an der Alenschlichkeit oder Menschheit." Mit einem bedauernswerten Mangel an Tiefe und Kritikfähigkeit hat dagegen Oskar H. Schmitz eine — man mochte sagen: hypothetische Plauderei — über „wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden" geschrieben. Man wundert sich nur wie der (übrigens von Buber selbst in der gleichen Nummer angegriffene) Artikel überhaupt ausgenommen werden konnte. Ein kleiner Pseudo-Spengler, der die Weltgeschichte intuitiv gestaltet, dem es aber leider an der Spenglerschen Intuition fehlt. Teils amüsiert, teils chokiert liest man fein national-reaktionär-zionistisch-antisemitisch anekdotenhaftes Mischprodukt aus geschickt erzählten Geschichtssälfchungen und aus der Luft gegriffenen anmaßenden Werturteilen. Geistreich und treffend wie alles aus der Feder Bernh. Shaws ist auch der in diesem Heft veröffentlichte Brief, der mit feinem Sarkasmus der so häufig etwas verkrampften „Verteidigungsstellung" des Juden zuleibe rückt, der „französischer als ein Franzose" sein zu müssen glaubt. Im gleichen Sinn schreibt Hans Goslar in „der moderne Jude und der Staat", indem er an der am Grabe Hugo Preuß gehaltenen Gedächtnisrede den Fehler aufzeigt, den viele Juden durch allzu heftiges Betonen ihres Deutschtums und allzu leichtes Übersehenwollen ihres Judentums begehen. Seine — an Stelle der tatsächlich gehaltenen — fiktiven Rede enthält zugleich den Versuch einer Lösung der problematischen Stellung der Juden in der Gegenwart. „Der Mann, der hier liegt und von dem wir alle wissen, daß er das deutsche Volk und das oeutfche Land geliebt und ihm seine Lebensarbeit geschenkt hat, war nicht deuisch in dem Sinne, wie Rastenschutzer und Deulschvötkische oas Wort deutsch auslegen. Er war das Glied einer altjudischen Patrizierfamilie und wenn er auch ganz erfüllt war von oeulscyer Kultur und deutscher Slaatsuno bcanonaigesmnung, so war ooch die Art dieses Mannes, oiese Kultur und oiese Gesinnung zu vemtigen das Pivourr alljuoifcyer KUlrur und Gelilesoi,zlpiln, die in ihm, oeni scharf,innigen, geipig eiaslischen Dampfer für Frechen und Emyeu ihren cla„i,ehen Liusdruck fand. So zeigte er, oaß fuoßa-e Art, Pvuilr zu machen uno ^oirsuroeii zu reyren aufvaneno uno conslrucnu yr, oüß oas oeuische geislige Denen durch oas Hinemlragen oer fuvlichen Nme IM Denken wie im Hanoem, wie sie Raiyenuu uno '4>reuß verrvrperr yaoen, oereuyecc uno vermnecilchl wiro.' Schumann versucht in seinen Ausführungen di" Frage nach der „SchUiv" oer Deui,chen uno oer Juoen an dem gegenseitig ge-' fpannien Verhaunls zu beantworten, crr fordert voii dem uiu,izionlsllschen Juden oie vonftanoige Assimiliecung: „Es darf keine Juden geben, die im Stillen Juden und mit Zähigkeit Juden sein wollen, aber doch alle ungeschriebenen Rechte oer Deutschen veanspruchen, ooer gar so zu um cns seien ,ie Deutsche." oltieri wird an die,er Sielte Ruiyenau, der oie „bewußte Selbfierzleyung" eines Zolles zur Anpagung an fremde Eigenschaften verlangt. Dazu geyort auf der anoeren cheucicyen) Sene oie Umwandlung des negr'.fies „Volksmm" als eines rayenmaßig bestimmten Körpers, degen yocyfre Vollendung in der Reinheit oer Rasse besteht, zu der eines wachsenden, durch fremde Elemente bereicherten uno erfrischten Organismus. Eine weitere „Schuld" der Deutschen sei ihre mangelhafte Erkenntnis vom We,en der Juden uno das Fehlen sacyluh-wißenscyafllicyer Arbeiten darüber. „Die meisten Deutschen wißen vom Judentum aus persönlicher Erfahrung;e nach Zufall so viel, wie wir alle etwas von den Döwen oder Känguruhs wissen, und aus Schriften überhaupt nichts." Wilh. Michel hat die Frage in letzte Weiten hinausgerückt. Für ihn existiert die „Tagesfrage" des Antisemitismus nicht, oder vielmehr: sie ist zu einer letzten Frage geworden, die im Welterlebnis, im Religiösen wurzelt, fenseits von Staat und Rasse. Er betrachtet die Deutschen als die „Werdenden", die Juden als die „Seienden". Das bedeutet für beide eine verschiedene Stellung, zum Tode, damit auch zum Leben und diese Verschiedenheit gibt eine — gleichsam metaphysische — Spannung. Zum Schluß sei noch auf den Auszug aus den Tagebuchblättern Joses Trumpeldors hingewiesen, die selbst in unserer parteisiebrigen Zeit, von allen Juden, gleich welcher Richtung, gelesen zu werden verdienen, weil es sich hier um den Ausdruck einer vollen Persönlichkeit handelt. Als ein Ergebnis des Heftes für die Juden — ein objektives Ergebnis ist bei den vielen subjektiven Ausführungen nicht zustande gekommen — dürfen vielleicht die zukunftweisenden Dichterworte Zweigs gelten: „Wo wir zu fördern hoffen, werden wir uns einsetzen, denn wir, alte, unbeugsame Herzen, geprüft und nicht gebrochen, wir sind die Freunde und Mitkämpfer aller, die den großen Ausgleich wollen, das Vertragen der Menschen aus der Erde, den Geist guten Willens — weil wir die alten Liebhaber des Lebens und der Erde und ihrer beider echte Kinder sind." Anne Stern. Maximilian Joseph Pfeiffer: Kyrie eleisson, ein Roman von Juden und von Christen aus dem alten Speyer. München 1925 bei Dr. Franz A. Pfeiffer. 9. bis 12. Tausend. 496 Seiten. Dies ist kein Buch für Leser mit verfeinerten literarischen Ansprüchen, mit nur artistischen Geschmack, die psychoanalitische Studien verlangen. Denn es sind geradlinige, unkomplizierte Menschen, die diese Geschichte gestalten und erleben, sie wirken wie kräftige Holzschnitte aus jener Zeit, ähnlich wie auch die altertümelnde Sprache des Buches. Wer aber gerne in der weniger anstrengenden und gefälligen Form des Romans feine geschichtlichen Kenntnisse er-