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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. Seite 37

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Aussprache-Abend der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft
Date
1926-02-08
Page
Seite 37 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 37 sches Milieu in Schule und Haus?" beleuchtete. Der Abend erfreute sich eines sehr guten Besuchs, ein deutlicher Beweis dafür, daß jüdische Erziehungsfragen das Interesse immer weiterer Kreise erregen. Der Bibliotheksaal der Kultusgemeinde vermochte die Zahl der Besucher kaum zu fassen und die Leitung der Lehrkurse wird für weitere derartige Abende wohl die Benützung eines größeren Saales in Erwägung ziehen müssen. Nach kurzen Begrüßungs- und Einleitungsworten durch den Leiter des Abends, Rabbiner Dr. Elk, führt die Referentin etwa folgendes aus: Jüdisches Milieu ist in der jüdischen Familie eine Naturnotwendigkeit, die durch die historische Gebundenheit gegeben ist; sein Ziel ist Charakterbildung des Kindes. Während im orthodoxen Hause das jüdische Milieu ohne weiteres vorhanden ist, muß das liberale Haus diesefs erst schaffen; dazu soll es die allgemeinen Erziehungsmittel benützen: das Beispiel und die Gewöhnung. So wird das Kind angehalten, sein Morgen-, Abend- und Tischgebet zu sprechen; es wird ihm durch die Feier des Freitagabends mit seinem Lichterglanz und seiner Weihe der Sabbath und seine Bedeutung anschaulich vor Augen geführt. In ähnlicher Weise soll das Kind auch mit den jüdischen Festen bekannt gemacht werden; am Chanukkafest zündet es die Lichter an und stimmt in den traditionellen'Gesang mit ein; es nimmt am Sederabend teil und am Laubhüttenfest wird das Zimmer mit Laub geschmückt. So wirkt das Elternhaus auf die Gemütsbildung des vorschulpflichtigen Kindes ein. Beim Schulkind soll das Haus die Vorbereitung für den Religionsunterricht besonders überwachen und auf eine enge Fühlungnahme mit dem Religionslehrer bedacht sein; dem Wissen von den religiösen Forderungen soll die Tat folgen. Das jüdische Empfinden kann besonders gestärkt werden durch eine gute Lektüre jüdischen Inhalts, die jüdische Geschichte, jüdisches Wesen und jüdische Kunst behandelt und heute doch in genügendem Umfange schon zur Verfügung steht. So schließt sich die bewußte Bildung des Geistes und Willens beim Schulkind der Gemütsbildung und unbewußten Willensbildung des kleinen Kindes an. Im Alter der zunehmenden Reife ist insbesondere ernste Geschichtsbildung von großer Bedeutung: denn sie bildet die Grundlage für das Verständnis der Zeitfragen; daneben soll durch aufklärende Belehrung über religiöse Fragen Klarheit geschaffen und Zweifel beseitigt werden. Den mit Beifall aufgenommenen Ausführungen der Vortragenden folgte das Referat von Studien-Professor Klugmann, der zunächst die Forderung nach Einstellung eines jüdischen Milieus in der Schule dahin präzisierte, daß dem Kinde Gelegenheit zu bewußtem und tätigem religiösen Erleben gegeben werden müsse. Der Referent schickte seinen weiteren Ausführungen die Feststellung voraus, daß sich dieselben nur auf die in den Simultanschulen, als dem von der überwiegenden Mehrzahl unserer Schulkinder frequentierten Schultyp, gegebenen Verhältnissen beziehen, nicht aber auf die jüdische Schule, die in ganz anderem Maße Gelegenheit habe, das aufgestellte Ziel zu erreichen. Von der äußeren und räumlichen Bedeutung des Begriffs Milieu ausgehend, verweilte der Vortragende einen Augenblick bei der zweckmäßigen Ausgestaltung des Religionszimmers, der durch guten künstlerischen Wandschmuck mit Bildern aus der biblischen Geschichte, durch einen jüdischen Kalender und ein Misrachbild Genüge geleistet werden kann und weist auf die Schwierigkeiten hin, die in dieser Hinsicht in den Schulen oft bestehen. Durch dieses Milieu wird in dem Kinde bereits die Einstellung hervorgerufen, die sich auf die Gedankenwelt des Judentums bezieht. Der Unterricht selbst muß in erster Linie auf ein bewußtes Miterleben des jüdischen Jahres mit seinen zahlreichen und verschiedenartigen Gedenktagen hinarbeiten: dazu führt neben der zweckmäßigen unterrichtlichen Behandlung der einschlägigen Stoffgebiete auch die Veranschaulichung und Übung gottesdienstlicher Handlungen im Haus und in der Synagoge, wie beispielsweise das Lichteranzünden zu Chanuka, das Herrichten einer Sederschüssel, das Schütteln des Feststraußes u. a. m. Jüdisches Milieu wird auch durch den sinn- und gemütvollen Vortrag von Gebeten geschaffen, die zu Beginn des Unterrichts und nach Erarbeitung eines Gebetstückes gesprochen werden, sowie durch Singen von Liedern und Gesängen aus Familie und Gotteshaus. Ein wesentliches Mittel zur Förderung jüdischen Milieus ist auch der Jugendgottesdienst, in dem gottesdienstliche Handlungen von Schülern durchgeführt werden sollten. Freilich ist dazu die unbedingte Mithilfe des Elternhauses erforderlich, deren Fehlen nach den bisher gemachten Erfahrungen der Hauptgrund für die schwache Teilnahme am Jugendgottesdienst ist. Im Zusammenhang damit weist der Referent auch auf den Besuch des Gottesdienstes an den Feiertagen hin, der im selbstverständlichen Interesse des Religions-Unrichts gelegen und von der Schulbehörde genehmigt ist; aber auch hier ist bedauerlicherweise die Mitwirkung des Elternhauses oft nur eine geringe. Liegen diese Bestrebungen des Lehrers zur Erzielung jüdischen Milieus mehr auf dem Gebiete des Religiös-Zeremoniellen, so bietet der Unterricht auch in religiös-sittlicher Hinsicht dazu hinreichende Gelegenheit. Aus dem einschlägigen Gebiet greift der Vortragende zwei Pflichtenkreise heraus: Das Verhältnis der Schüler zu einander und das des Schülers zum Lehrer. Das Verhältnis der Schüler untereinander muß getragen sein vom Geist der Nächstenliebe, der sich äußert in gleicher Bewertung aller Klassengenossen ohne Unterschied der Begabung, Abstammung, sozialen Schichtung und religiösen Einstellung, im tätigen Zur-Seitestehen der bemittelten Schüler gegenüber unbemittelten, der begabten den schwächeren gegenüber; die Betätigung der sozial-ethischen Gesinnung darf nicht durch die Mauern des Schulhauses und die konfessionelle Zugehörigkeit beschränkt sein. Alle jüdischen Schüler einer Unterrichtsanstalt sollen sich kennen und so eine Art Schulgemeinschaft bilden; freilich läßt sich dies in einem größeren Schulkörper nicht ohne Schwierigkeit erreichen. Das Verhältnis des Schülers zum Religionslehrer ist charakterisiert durch die besondere Vertrauensstellung, die dieser in der Klasse einnimmt und der des Vaters innerhalb der Familie gleichkommt. Aus diesem Verhältnis fließt die Verpflichtung des Schülers zu Anstand und Sitte, zu Gewissenhaftigkeit und Pflichterfüllung in aller Arbeit in dtzr Schule und für die Schule; auf ihn baut sich jenes Milieu auf, das für das jüdische Familienleben bezeichnend ist. Diese Sonderstellung des Religionslehrers erfährt in einem größeren Schulkörper fast täglich ihre Betätigung und insbesondere dann, wenn ein Schüler gegen die Schulgesetze verstößt; namentlich in schwereren Disziplinarfällen kommt dem Wort des Religionslehrers gewichtige Bedeutung zu. Aber diese Sonderstellung des Religionslehrers ist von zwei an sich gleichwertigen Bedingungen abhängig: von der Persönlichkeit des Lehrers, von der tatkräftigen Mitarbeit des Elternhauses. Der Religionslehrer muß alle für einen Lehrer erforderliche Qualitäten in hohem Grade in sich vereinigen, sowohl was wissenschaftliche Ausbildung als was pädagogisches und methodisches Geschick betrifft. Dazu muß sich die weitgehendste Unterstützung des Elternhauses gesellen, auf die kein Lehrer so sehr angewiesen und die kein Lehrer mehr verdient als gerade der Religionslehrer. Denn ihm ist ja jene Seite der kindlichen Seele zur erziehlichen Beeinflussung anvertraut, für deren Wachstum und Entwicklung nicht zähl- und meßbares Wissen als Gradmesser dient sondern die Bewährung als Mensch. Diese Unterstützung von seiten des Elternhauses aber muß der Religionslehrer vielfach vermissen; das Haus bekundet dem Religionsunterricht oft eine Interesselosigkeit, die ein deutliches Zeichen der Wertschätzung desselben ist und die naturgemäß auch auf den Schüler abfärben muß. Referent illustriert das Gesagte an einer Reihe von Beispielen, wie Unterlassen jeder Nachhilfe für die Religionsstunde, Übergehen der Sprechstunde des Religionslehrers, völlige Ignorierung desselben u. a. m. Selbstverständlich wird der Lehrer sich in seiner Arbeit für die Jugend durch diese Mißstände nicht beeinträchtigen lassen, da ja die innere Befriedigung das einzige Leitmotiv seines Handelns sein muß. Referent schließt seine Ausführungen mit der Forderung des Zusammenschlusses aller jüdischer Eltern einer Schule zu einer Elterngemeinschaft, die in enger Fühlungnahme mit dem Religionslehrer alle Unterricht und Erziehung betreffenden Fragen bespricht und in gemeinsamer Arbeit zu lösen versucht. Den mit Beifall aufgenommenen Darstellungen des Vortragenden folgte eine lebhafte Aussprache, aus der als bemerkenswert insbesondere die Anregungen einer Mutter auf Einrichtung des wöchentlichen Jugendgottesdienstes, sowie eines besonderen Gottesdienstes für die Schuljugend an den Festtagen und einer Lektürestunde außerhalb des Unterrichts zu verzeichnen sind, Anregungen, die bei demguten Willen aller in Betracht kommenden Instanzen auch verwirklicht werden können. K. 91099102199^9^564^

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