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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. Seite 22

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Selbstmord
Date
1926-02-08
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 Ja vielleicht gehen manche sogar einen Schritt weiter und verlangen, daß die menschliche Gesellschaft dem Selbstmörder die Schuld abnimmt. Sie soll sie sich aufladen, weil sie des Toten Schmerzen nicht gesehen, seine Not nicht gelindert, seinL Seelenqual.nicht gestillt hat. Hier darf.an das. biblische Wort erinnert werden: „Wenn mast einen Erschlagenen findet und er liegt im Felde und man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat, so sollen die Ältesten (der nächsten Stadt) herzutreten und sprechen: Unsere Hände haben dies Mut nicht vergossen .und unsere Augen haben eS nicht gesehen." (V. Mos. 21.) Kann die menschliche Gesellschaft von heute, können deren Vertreter wirklich sprechen: „Unsere Hände haben düs Blut nicht vergossen?" ' Ruht nicht ein großes Stück Verantwortung von all dem Leben,'das ein Opfer der Zeit ward, auf uns allen? Haben die Unglücklichen nicht unter uns geweilt, haben sie nicht, vielleicht nur durch eine Wand von uns getrennt, gesessen und geweint, sich gesorgt und gehungert, bis ihre seelische Kraft erlahmte? Hätte nicht vielleicht eine kleine Gabe das Ärgste abgewendet, ein freundliches Wort sie aufgemuntert und gestärkt? Warum überwanden wir nicht die traurig-falsche Scham des Großftadtmenfchen, ungefragt und ungebeten zu kommen und zu helfen? Konnte unsere Menschenliebe nicht von selbst den Weg finden? Es lastet schwer auf uns, daß jedes „Ja", das wir sprechen, keinen wieder aufwecken wird. Noch schwerer bedrückt uns, daß die Verhältnisse unerbittlich stärker sind als unser guter Wille. Wir werden weiter an Menschen vorüberhasten, die in der Tasche schon die für sie selbst bestimmte Waffe tragen, wir werden weiter ahnungslos mit Menschen sprechen, deren Gedanken sich schon mit dem Weg vertraut gemacht ins „unbekannte Land, von dess' Bezirk kein Wanderer wiederkehrt", wir werden weiter daran denken müssen, daß neben uns ein Mensch ver- Zur Seschicdte der Anläßlich der Tagung des Verbandes.Bayerischer Israelitischer Gemeinden zu Augsburg um 21. und 22. Februar entnehmen wir nachfolgende Schilderungen, der von Rabbiner Dr. Grünfeld zur Einweihung der neuen Synagoge in Augsburg herausgegebenen Festschrift. Die Zeichnungen sind mit gütiger Erlaubnis von Herrn Prof. Ernst Liebermann (München) und dem Bezirkslehrerverein Augsburg der von letzterem Verein herausgegebenen Mappe „Augsburg" entnommen. Die Anfänge der jüdischen Gemeinde Augsburg sind in tiefes Dunkel gehüllt. Nur die Sage weiß zu berichten, daß schon vor der Tempelzerftörung (70 n. Chr. G.), ja sogar schon vor Christi Geburt Juden in Augsburg gewohnt haben. Der älteste urkundliche Bericht über die Juden in Augsburg stammt erst aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, woraus wohl zu schließen, daß einzelne Juden bereits in der II: Hälfte des 12. Jahrhunderts in Augsburg ansässig waren. Das wird uns auch von anderer .Seite, bestätigt. Der um das Jahr 1200 in Regensburg lebende Rabbiner R. Iehuda Hachasid (der Fromme), der, nebenher bemerkt, für die des Hebräischen Unkundigen das Beten in der .Landessprache empfichlt, schreibt in seinem Testamente: „In Augsburg.soll kein Rabbiner wohnen, da er daselbst nicht lange leben wird" (vielleicht waren dort in rascher Aufeinanderfolge einiger Rabbiner gestorben), und weiter: „In Augsburg soll kein Kohen (Priester) wohnen, auch keiner, der Elieser heißt" (vielleicht aus demselben abergläubischen Grunde) und endlich: zweifelt. Es ist eines der vielen Probleme, die die Großstadt bietet, wo unter der Masse der Menschen der einzelne vereinsamt und unbeachtet bleibt. Könnten wir doch jedem einzelnen Unglücklichen zurufen, daß es überall Menschen gibt, die ■ ein warmes Herz haben, könnte man ihnen nur soviel Vertrauen einflößen, daß sie einem Menschen sich offenbaren. Die bitterste Not braucht gewiß niemand leiden; unsere sozialen Einrichtungen vermögen zwar mit denNöten derZeit nichtSchritt zu halten; aber soweit reichen sie doch, daß niemand verhungern muß, der Hilfe in Anspruch nehmen will. Wie gerne möchten wir das jedem sagen. Dringt der Ruf in alle Tiefen? Er wird nicht überall gehört. Und selbst wenn er gehört würde, er fände nicht überall Glauben. Denn nicht durch Zureden wird man einen Menschen, der verzweifelt, vom letzten Schritt zurückhalten, sondern nur durch Einflößen von Vertrauen, durch Überzeugung von einem Lebensziel, das nur durch Kampf erreicht werden kann. Eine Lebensauffassung, die nur das Glück erstrebt, muß im Versagen des Glückes zusammenbrechen. Glück aber liegt — man sollte es nicht mehr aussprechen müssen — nicht in den äußeren Verhältnissen, sondern in uns selbst. Deswegen werden auch die besten wirtschaftlichen Verhältnisse, auch die idealsten sozialen Einrichtungen den Selbstmord nicht verhindern. Dazu müßten die Menschen aus Eudaemonismus und Sentimentalität sich aufraffeu und zu einer heroischen Lebensauffassung sich durchringen; sie müßten sich sagen: In der Standhaftigkeit gegenüber den Schicksalsschlägen erhöhen wir unseren Wert, in der Sühne des Unrechts stellen wir ihn wieder her. Zum Heroismus muß allerdings noch ein anderes sich gesellen, ohne das der Heroismus nur blinder Trotz ist, mit dem vereint er sich zur Höhe reinster Religion erhebt: Vertrauen; Vertrauen zu dem, was unsichtbar, aber doch noch wirklicher ist als alle Not und Schuld. Leo Baerwald. luden in Augsburg „Auch soll kein Ehepaar nach Augsburg ziehen" (vielleicht aus der Befürchtung, daß eine neue jüdische Gemeinde in Augsburg das Schicksal ihrer Vorgängerin teilen könnte). Der erste, in der Urkunde von 1212 erwähnte Jude schreibt sich: Joseph aus Augsburg. Aus den Jahren 1232 und 1242 sind nach überlieferten Inschriften auf Grabdenkmälern noch die Namen Eljakim und Rabbi Baruch erhalten. Über den Mystiker David von Augsburg wußte der gelehrte Rabbiner und Forscher Dr. Heinrich Groß sel. And. viel Interessantes zu berichten. Um 1250 gab es hier bereits eine Iudengemeinde und schon im Jahre 1270 (nach jüdischen Quellen) eine Judenverfolgung. Von einer Iudengaffe, einem Iudenhaus, einem Iudenftiedhof ist um dieselbe Zeit die Rede. Es ist wahrscheinlich, daß die Juden nicht unter einem gesetzlichen Zwange, sondern freiwillig in einer Straße und sodann, zahlreicher geworden, in einem Stadtviertel zusammenwohnten. Pflegten doch in den mittelalterlichen Städten überhaupt Leute derselben gewerblichen, sozialen oder kommerziellen Klasse bestimmte Straßen einzunehmen. Das Iudenviertel umfaßte die Anwesen 0 278 — 282 am Iudenberg, dann die Häuserreihe an der Novdseite der Weißen Gasse 0 301—307, an der Westseite der Pfladergasse 6 508 bis 517, an der Südseite des Elias Hollplatzes 518 — 527, an

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