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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1926-02-08 · 2 (8.2.1926) · p. 21

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
2 (1926)
Issue
2 (8.2.1926)
Article
Inhalt
Date
1926-02-08
Page
21 (sequence 1)
Language
German
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Nachrichtenblatt üer Israelitischen KultuSgememüe in München unö öes Nerbanües Hagerischer Israelitischer Gemeinüen Erscheint am Anfang seöen Monats. — Verlag: S. Heller/ München/ VezugSpreis für Sie nicht öurch öle Isr. KultuSgemelnöe München ekngewieherzog Marstraße 4/ Kernsprecher 53099/ Postscheckkonto Nr. Z-S7 München, senen Vezieher: Mk.4 — für öas Jahr. Anzeigenpreis: Vle 4gesp. nunvchristlektung: vr. Lugen Vchmiöt, Rechtsanwalt in München/ Karlstraße 6. Zeile 40 Pfg.?§amilienanzeigen/Vtel1engesuche unö ähnliche Angebote tsptz. l?z6 München/ S. Kebruar ÄL.L Inhalt: Selbstmord — Zur Geschichte der Juden in Augsburg — Ergebnisse der Erhebung des Münchener Ausschusses für Kriegsstatistik der Juden — Hundert' Jahre Wissenschaft vom Judentum — Gemeindliche Lehrkurse — Aus dem Verbände — Aus der Geme nde — Bücherschau — Vereine — Amtlicher Anzeiger — Personalnachrichten — Kalendarium Alle Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München, sämtliche Lehrer und Gemeindevorsteher sowie die Delegierten des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden erhalten die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung dauernd gptttife zugestellt. Sollte in einem einzelnen Falle die Zusendung unterblieben sein oder die Adressierung nicht stimmen, so bitten wir dies dem Verlag sofort zu melden. — Wer nach Vorstehendem nicht zum Gratisempfang berechtigt ist, kann die Gemeindezeitung gegen eine Gebühr von Mk. 4.— für das Lahr beim Verlag abonnieren. Verlag B. Heller» München, Herzog-Max-Straße 4 Selbstmord Vergeht noch ein Tag, an dom in den Tageszeitungen diese Rubrik unausg-esüllt ist? Überfällt uns nicht, obschon wir doch in den letzten Jahren an manches gewöhnt wurden, ein Grauen ob der Fülle der Selbstmorde? Not, jugendliche Torheit, „verschmähter Liebe Pein", geistige Verwirrung haben schon immer die Menschen zum letzten Schritt getrieben; nun sind es in immer steigendem Maß jene, die vor Nahrungssorgen nicht mehr ein noch aus wissen; auch unsere Gemeinden haben in erschreckendem Maße Fälle dieser Art zu verzeichnen; in der jüdischen Gemeinde Berlin haben sie sich so gehäuft, daß in der Gemeindeverwaltung die Frage nach Abhilfe erwogen werden soll. Auch das sind noch Nachwehen des Krieges. Die wirtschaftlichen Katastrophen, die jetzt durch die Lande ziehen, treffen ja Menschen, deren Nerven seit Jahren und Jahren aufs äußerste angespannt waren; nun versagen sie. Der Wille verliert die Herrschaft über das Leben und nur zum einen findet er Kraft: das Entsetzliche zu vollbringen. Auch der Statistiker, der die Selbftmordkurve unheimlich steigen sieht, wird nicht kühl bleiben. Wie sollte es der empfindende Mensch, der die Lebenserscheinungen nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem Gefühl sieht? Und doch müssen wir fragen: Wie stehen wir zum Selbstmord? Daß er ethisch zu verwerfen ist, bedarf kaum der Erörterung. Das Leben ist uns gegeben als Ausgabe, der wir uns nicht entziehen dürfen; Feigheit oder Schwäche bedeutet es, die Schwere des Schicksals oder die Konsequenz unserer Handlungen nicht mehr tragen zu wollen, soweit nicht etwa ein Zusammenbruch der Nerven oder eine Trübung des Bewußtseins die Verantwortung aüsschließt. (Ausführlich über den Selbstmord schreibt Mendelssohn im Phädon und in den Briefen über die Empfindungen.) Die Bibel stellt kein ausdrücklicheres Verbot des Selbstmordes auf — der lebensbejahende Geist, von dem sie erfüllt ist, vermag sich vielleicht gar nicht zu denken, daß der Mensch seines Selbsterhaltungstriebs, seines Lebenswillens so sich entäußern könnte, um sich selbst zu entleiben — wir haben vielmehr das Verbot „Du sollst nicht töten" auf den Selbstmord auszudehnen; der Talmud dagegen verurteilt ausdrücklich den, der sich vorsätzlich das Leben nimmt; Chananja b. Teradjon auf dem Scheiterhaufen, dem seine Schüler zurufen, er solle den Mund öffnen, damit die Flamme ihn früher töte, erwidert: „Der mir das Leben gegeben/ darf es nehmen, ich selbst darf mich nicht umbringen." So haben denn auch die späteren Ritualgesetze untersagt, den Selbstmörder, der mit vollem Bewußtsein sich um das Leben gebracht, mit den üblichen Gebräuchen zu bestatten und zu betrauern. Freilich hat die religiöse Praxis die Bedingung, daß die Tat mit vollem Bewußffein geschehe, immer stärker unterstrichen und hat im Selbstmörder nicht so sehr den Verbrecher als den Unglücklichen sehen wollen, den verwirrter Sinn zur unseligen Tat getrieben. Wenn das moderne Leben überhaupt immer mehr sich scheut, menschliche Taten ethffch zu werten, sondern sie nur erklären, auf ihre psychologischen und soziologischen Voraussetzungen zurückführen will, so trffst das wohl in ganz besonderem Maße auf den Selbstmörder zu. So scheint auch der seit kurzem gebräuchliche Ausdruck „Freitod" gerade darum gewählt worden zu sein, um das ethische Urteil, das mit der Bezeichnung „Selbstmord" verbunden ist, zu unterdrücken.

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