Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 11-12 (3.12.1925)
- Article
- An die Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München!
- Date
- 1925-12-03
- Page
- Seite 220 (sequence 1)
- Language
- German
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220 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. .11/1,2 An die Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München! Heute vollenden sich 25 Jahre, seitdem die München-Loge des U. O. B. B. das Israelitische Schwesternheim gegründet hat. Wohl wenige jüdische Familien dürfte es in München geben, die . die Segnungen dieser Einrichtung nicht aus eigener Erfahrung kennengelernt! Aber nicht nur Ausdruck der jüdischen Karitas ist das Israelitische Schwesternheim, es ist vielfach die einzige Brücke, die hinüberführt zu gegenseitigem Kennenlernen und so erst zu rechtem Verstehen, auch zu Bekennern anderer Konfessionen, die in vielen Fällen als Pflegebefohlene Gelegenheit hatten, jüdischen Sinn und jüdisches Denken, jüdische Hilss- und Opferbereitschaft, entsagungsvolle Arbeit kennen zu lernen. Solche Arbeit ist Dienst am Judentum. Die Folgen des Krieges, sie blieben auch auf das Israelitische Schwesternheim nicht ohne Einfluß und so war ein Stillstand auch in der Ausbildung neuer Schwestern zu verzeichnen. Ein erfreulicher Umschwung ist allerdings in der letzten Zeit eingetreten, und die tatkräftig in die Wege geleitete Ausbildung neuer Schwestern läßt erwarten, daß alle berechtigten Ansprüche in Zukunft erfüllt werden können. Den Schwestern und ihrer stillen Tätigkeit aber wollen wir an diesem, nicht vom Kalender, sondern vom Herzen diktierten Jubiläum einen Denkstein errichten, indem wir die durch die verhängnisvollen Folgen des Krieges vernichteten Fürsorge-Einrichtungen eines Jubiläumsfonds wieder aufleben lassen, der dem Zwecke dienen soll, 1. die Ausbildung neuer Schwestern systematisch zu fördern, 2. arbeitsunfähige Schwestern so gut als möglich vor den Unbilden des Lebens zu sichern. Dies sei unser Dank an sie! Und so rufen wir den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Münchens zu: Gebet alle, gebe jeder nach seinem Vermögen, glaube keiner, daß es auf seine Gabe nicht ankomme! Wir rechnen auf alle! Das Wort vom jüdischen Gemeinsinn darf kein leeres Wort, es darf nicht ohne Inhalt bleiben! Spenden wollen an unseren Schatzmeister, Herrn L. Baer i. Fa. Baer & Auerbach, Bankgeschäft, München, Maximiliansplatz 18, Postscheckkonto Nr. 4753, mit dem Vermerk: „Spenden für den Jubiläumsfonds des Israel. Schwesternheims" gerichtet werden. Empfangsbestätigung und Dankabstattung erfolgt in dem neuen Jahresbericht anfangs des kommenden Jahres. Kuratorium des Israel. Schwesternheims. Zum 25 jährigen Bestehen des Israelitischen Schwesternheims in München. Die jüdische Krankenschwester erscheint uns heute in unserer Gemeinde unentbehrlich, obwohl erst vor 25 Jahren durch die Bemühungen der München-Loge diese segensreiche Institution ins Leben gerufen wurde. 25 Jahre, eine kurze Zeit für den, der zurückschaut, 25 Jahre im Schwesternberuf, eine lange Kette von Tagen und Nächten voll Aufopferung und Sorge, voll treuer Hingebung an fremdes Leid! Im November 1900 zog die Oberschwester Melitta Feuchtwang mit 3 Schwestern in die Wohnung ein, welche die Kultusgemeinde im Hause der Lippschützschen Stiftung zur Verfügung gestellt hatte. Die Verwaltung des Schwesternheims wurde einem Kuratorium übertragen, das sich aus fünf Mitgliedern der München- Loge, aus einem Vertreter der Kultusgemeinde und aus je einem Vertreter derjenigen humanitären Vereine zusammensetzte, die sich verpflichtet hatten, einen jährlichen Mindestbeitrag von M. 500.— zu leisten. Die Schwestern konnten sofort ausreichend beschäftigt werden; bald vermochten sie nicht mehr allen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, nachzukommen. Es mußten ständig Pflegegesuche abgelehnt werden, auch dann noch, als die Zahl der BAER & ÄUERBÄCH BANKGESCHÄFT MÄXIMILIÄNSPLÄTZ18 Ausführung aller Börsen-Aufträge I Kontokorrent-Kredite Beratung und Interessenvertretung Äufwertungsiragen Schwestern allmählich wuchs. Im Jahre 1907 arbeiteten.bereits 7 Schwestern unter Leitung der umsichtigen Oberschwester.. . Ermutigt durch den allgemeinen Beifall, den die Gründung gefunden, war das Kuratorium schon im Jahre 19.01. an bie..Mitglieder der Kultusgemeinde herangetreten, um sie zur Leistung von jährlichen Beiträgen zu veranlassen. Dieser Appell war von vollem Erfolg begleitet, ebenso die Aufforderung, durch größere Spenden die Errichtung eines. Pensionsfonds für die .Schwestern zu ermöglichen. Beiträge und Spenden mehrten sich — ein. untrügliches Zeichen für die wachsende Beliebtheit! Die Anstalt erstarkte immer mehr und nun ging, das Kuratori.um daran, durch die Gründung eines eigenen Vereins das Schwesternheim nach außen hin völlig unabhängig zu machen. ' . ... i Am 23. Nov. 1909 erfolgte in einer konstituierenden Versamwlung die Gründung des neuen Vereins unter dem alten Namen „Israelitisches Schwesternheim, München". Als beitragende Körpersck)aften standen dem Verein auch weiterhin die israelitische Kultusgemeinde, die München-Loge, der israelitische Frauenverein und die Chevra Kadischah zur Seite. Hatten unsere Schwestern bisher ihr segensreiches Wirken nur in der Pflege im Hause des Kranken betätigen können, so brack)te das Jahr 1910 ihnen die längst ersehnte und erstrebte. Möglichkeit, in einem klinischen Betriebe arbeiten zu dürfen. Um diese Zeit erfolgte auch der Einzug des Israelitischen.Schwesternheims in die Räume des neugegründeten „Israelitischen Krankenheims", Hermann-Schmid-Straße 5, wo den Schwestern außerordentlich schöne und zweckmäßig eingerichtete Wohn- und Schlafräume zur Verfügung gestellt werden konnten. Anfang des Jahres 1911 wurde die Klinik eröffnet. Das lasche- und ständige Aufblühen derselben bewies am besten, wie sehr die Oberschwester ihrer Aufgabe gewachsen war und wie trefflich.sie und ihre Mitschwestern arbeiteten. Ohne ineinander zu verschmelzen, arbeiteten die Vereine Schwesternheim und Krankenheim in der innigsten ideellen räumlichen und wirtschaftlichen Gemeinschaft und entwickelten sich ruhig und erfreulich weiter, bis das Jahr 1914 mit dem Beginne des Weltkrieges neue, schwere Anforderungen brachte.. Ein Teil der Schwestern, deren Zahl inzwischen auf 13 angewachsen war, wurde satzungsgemäß dem Kriegssanitätsdienst zur Verfügung gestellt; im Dezember 1914 wurden 5 Schwestern ins Feld berufen, sie arbeiteten bis zum April bzw. August in einem Seuchenlazarett in Forbach in Lothringen, wohin im April 1917 noch zwei weitere Schwestern zur Ablösung gesandt worden-waren. Diese sämtlichen Schwestern wurden mit der preußischen Rotkreuz-Medaille ausgezeichnet, ebenso die Oberschwester, die. im Israelitischen Krankenheim, das in ein Vereinslazarett umgewandelt worden war, die Pflege der zahlreichen, verwundeten Krieger leitete, die dort während der ganzen Kriegsdauer Aufnahme gefunden hatten. Selbstverständlich handelte es sich bei diesen um Angehörige aller Konfessionen, wie ja auä) bei Friedenszeit unsere Schwestern nicht nach dem Bekenntnis fragen, wenn es gilt einen Kranken zu betreuen. Das hohe Ansehen, das unsere jüdischen^ Schwestern weit über den Kreis unserer Gemeinschaft hinaus genießen, die Achtung^ deren sie sich insbesondere auch bei andersgläubigen Ärzten eyfreuen, ist ein Beweis dafür, daß es ihrem hingebenden, verständnisvollem Wirken gelungen ist, manches Vorurteil überwinden zu helfen.;j Den 5 Mitgliedern des Kuratoriums, die schon seit 25 Jahren, dem Schwesternheim ihre treuen Dienste weihen, nämlich desti 1. Vorsitzenden, Herrn San.-Rat Dr. Sielman, Frau Prof. Dr. Werner, Frau Oberin Melitta Feuchtwang, Herrn Hofrat Dr. Doerstberger, Herrn Justizrat Dr. Fraenkel, ferner dem verehrten Senior des Kuratoriums, Herrn Albert Landauer, wurde, zufolge eines Kuratoriumsbeschlusses, am 11. November d. I. die Ehrenmitgliedschaft des Vereins „Israelitisches Schwesternheim" verliehen. l Während wir im Jahre 1919 noch 18 Schwestern zählten, ging allmählich diese Zahl, teils infolge Verehelichung, teils infolge von Rückkehr ins Elternhaus auf 13 zurück. In der Nachkriegszeit hatte bedauerlicherweise der Zugang von neuen Lehrschwesterü; wie überall, so auch bei uns nachgelassen. - | Heute kann mit Genugtuung konstatiert werden, daß sich nunmehr wieder eine genügend große Zahl jüdischer Mädchen dech ebenso schweren, wie schönen und tief befriedigenden Beruf der ^ankLnschwester...MWendet,..,.,Jst..,.eK..uW,,dM,,MlMyWZ,,.,.imH^tett